Hört mir auf mit Europa

Es ist ein üblicher Reflex bei Reportern, die über die Fußball-Bundesliga berichten: Wenn eine Mannschaft nicht im Abstiegskampf steckt, dann muss der europäische Wettbewerb automatisch mindestens mal „ins Auge gefasst“ werden. Je nach Reporter sollten die Spieler dieser Vereine auch damit „liebäugeln“ oder das Wort „Europa“ zumindest nicht verbieten. Regelmäßig wird dann jubiliert, wenn sich doch mal ein Profi oder Offizieller dazu hinreißen lässt, auf eine solche Frage zu antworten: Träumen ist nicht verboten. Oder: Natürlich will ich europäisch spielen. „HA!“ hört man sie dann in der Regie rufen, haben wir wieder einen!

Kein Facebook-Rant

Bei Hertha ist das nach den weniger erfolgreichen Spielen zuletzt zwar glücklicherweise etwas abgeflaut. Aber als ich gestern die Überschrift zum Spielbericht der Deutschen Presse-Agentur las, war ich kurz davor, einen Facebook-Rant rauszuschicken – konnte mich dann aber doch noch zurückhalten. „Hertha enttäuscht“ hieß es da. Nullnummer gegen „einen Abstiegskandidaten“. Als könnten die Freiburger überhaupt nicht Fußballspielen und Hertha müsste so eine Mannschaft mal eben an die Wand spielen.

Was die vielen „Enttäuschten“ vergessen: Hertha BSC ist immer noch ein Aufsteiger. Hertha BSC ist zuletzt zweimal in Folge nach einem Aufstieg direkt wieder aus der 1. Bundesliga abgestiegen. Hertha BSC ist KEIN Europa-League-Aspirant. Leider habe ich es hier noch nie aufgeschrieben, aber ich bete es seit Rückrundenbeginn in jedem Gespräch herunter: Hört mir auf mit Europa. Die Truppe soll die 40 Punkte voll machen und dann an ihrem Spiel arbeiten. Die kommende Saison vorbereiten. Das schwere zweite Jahr. Europa aber käme viel zu früh.

Automatismen integriert

Was die Mannschaft spielt, gefällt mir über weite Strecken hervorragend. Wie sie defensiv arbeitet, wie sie nach vorne spielt. Wie sie Automatismen in ihr Spiel integriert hat. Auch wenn die Tore in der Rückrunde nicht so einfach und zahlreich fallen, wie in der Hinrunde. Dass diese Phase kommen würde, war doch klar. Gut, dass die Mannschaft ihre Hausaufgaben bis dahin längst gemacht hatte. Wichtig ist es ja jetzt ohnehin nur noch, gegen die, die unten stehen, nicht zu verlieren.

Wer als Hertha-Fan in diesem Jahr von Europa spricht, hat in den vergangenen vier Jahren nichts gelernt. Die Belastung einer regelmäßigen englischen Woche ist groß, Hertha hat gar nicht den Kader, um eine solche Belastung aufzufangen. Es muss wahrscheinlich auch noch in der nächsten Saison darum gehen, sich zu stabilisieren, eine Mannschaftsachse zu bauen, die auch mal einen Abgang kompensieren kann. Soweit ist Hertha noch lange nicht.

Wolfsburg und Gladbach sollen ruhig wegziehen

Stattdessen sollten wir uns alle daran erfreuen, bisher ein vermeintlich ruhiges Jahr erlebt zu haben. Ohne akute Abstiegssorgen, mit begeisternden Auftritten im Olympiastadion und auswärts, mit positiven aber auch negativen Überraschungen. Hertha 2013/2014 macht Spaß, so wie sie ist. Daran ändert auch ein 0:0 gegen Freiburg oder ein „Heimkomplex“ nichts. Im Gegenteil: Jeder Punkt, den Wolfsburg und Gladbach wegziehen, beruhigt mich ein bisschen mehr, solange der Abstand nach unten gleich bleibt. Europa? Hört mir auf mit Europa.

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  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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6 Kommentare

  1. Lars
    Am 1. März 2014 um 15:56 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Frankfurt und Freiburg und Bochum (vor Jahren) sollten Warnung genug sein !

  2. AlBaer
    Am 1. März 2014 um 17:03 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Bin Absolut deiner Meinung, ich nehme zwar gerne jeden Platz mit, den die Mannschaft erreicht. Aber ein Ziel Europa können wir einfach nicht gebrauchen. Allein die Vorstellung, wieder in der riesen Schüssel mit 20.000 anderen „Idioten“ einen Wettbewerb zu schauen, der Hertha nicht wirklich etwas einbringt und nur unsere Wettbewerbsfähigkeit in der Liga angreift.

    PS: Was mir noch aufgefallen ist: Deine Aussage: „Hertha BSC ist zuletzt zweimal in Folge nach einem Aufstieg direkt wieder abgestiegen.“
    geht hoffentlich nicht als böses Ohmen durch.
    Ich dachte wir wären 2x direkt Aufgestiegen. Bei den Abstiegen war es doch aber (bisher) nur einer.

    Geschichtlich haben wir es leider schon 3 Mal geschafft direkt abzusteigen. 1982/83, 1990/91 und eben 2011/12

    • Daniel
      Am 1. März 2014 um 17:09 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Danke für den Hinweis, du hast natürlich völlig recht. Wird Zeit, dass wir diese Phase hinter uns lassen, ich bin schon ganz durcheinander ;-)

  3. boRp
    Am 2. März 2014 um 15:13 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Danke. Vollkommen richtig. Jede Woche bete ich das beim Konferenzgucken runter, wieviele Punkte Hertha noch auf die 40 fehlen, jede Woche werde ich dafür schief angeguckt.

    Ich freue mich drauf, in ein paar Spieltagen (nach den 40 Punkten) mehr von Mukthar, Schulz und Brooks zu sehen, ich freue mich auf ein paar Frühlingstage im Olympiastadion ohne Bauchschmerzen, ich freue mich über die neue Bescheidenheit hier.

  4. Halblinks
    Am 3. März 2014 um 09:52 Uhr veröffentlicht | Permalink

    100% Zustimmung.
    Europa braucht (zur Zeit) kein Mensch!
    Es ist doch auch fatal und widerspricht nicht erst seit dieser Saison dem Geblubbert der ganzen weltfremden „die Bundesliga ist die stärkste Liga der Welt“-Faselern, dass die Teilnehmer aus Deutschland an der Europa League dort nicht mal in die Nähe der Blumentöpfe kommen. Die Liga ist für Europa zu schwach. Sie ist attraktiv, hat volle Stadien, toll. Aber sie ist im Mittelfeld zu schwach. Und sie wird eher schwächer, als stärker. Warum konnte denn die SGE letztes Jahr und Hertha dieses Jahr als Aufsteiger überhaupt in der Nähe der Qualiplätze für Europa spielen. Doch nicht, weil da ein „Über-Zweitligist“ aufgestiegen ist.
    Das ist Blödsinn. Und wenn die schwache Bundesliga dann den Aufsteiger bis nach Europa „durchläßt“, dann tut sich dieser Verein (siehe Frankfurt) damit überhaupt keinen Gefallen.
    In meinen Augen schwächt die Europa League die deutschen Vertreter noch zusätzlich (mindestens durch die Doppelbelastung).
    Da soll Hertha nicht spielen. Zumindest nicht im nächsten Jahr. Sonst sehen wir 15/16 hier wieder 1860 und Sandhausen im Oly.
    Brauch ick nich!

  5. Rayson
    Am 4. März 2014 um 21:50 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Kein Widerspruch! Für eine Mannschaft, die eher über ihre Verhältnisse spielt und daher in die Nähe dieser ominösen Plätze gerät, ist das fast so schlimm wie Abstiegsgefahr… Was soll das bringen, Hertha gegen irgendeinen europäischen Provinzverein spielen zu sehen, um unseren Lieblingsverein in der Saison darauf dann wieder in die deutsche Provinz zu begleiten (ok, war jetzt unfair gegenüber D’dorf, 1860 oder St. Pauli)? Erstmal etablieren in diesem Haifischbecken, und dann weiter sehen.