„Ich denke, dass Schalke mindestens einen Punkt holt“

Raphael Wiesweg ist ein Schalke-Experte, denkt königsblau und – das ist eigentlich das Beste – sitzt seit dieser Woche bei mir im Büro. Das hat nicht nur Vorteile, denn plötzlich muss man aufpassen, was man sagt ;-)

Ich hoffe natürlich das Gegenteil. Jedenfalls lag es sehr nahe, ihm vor dem Spiel am Freitag in der Mittagspause fünf schnelle Fragen rüberzuschieben, die er dankenswerter Weise beantwortet hat.

Hertha gegen Schalke, das ist für eingefleischte Hertha-Fans ein besonderes Spiel. Du hast bis vor ein paar Tagen gar nichts von der Rivalität gewusst. Das nimmt man auf Schalke nicht so richtig Ernst oder?

Wiesweg: Nein, nimmt man nicht. Es gibt mit Borussia Dortmund DEN Erzfeind schlechthin. Aber die früheren Probleme wegen des Pokal-Einspruchs 1971 oder vermeintlich aktuellere wegen des Brooks-Interesses im Winter und in dem Zusammenhang stehende Aussagen von Michael Preetz werden auf Schalke vom Klub und dem Umfeld nicht als so dramatisch gesehen. Schalke kann ohne Probleme auf der vereinseigenen Homepage den Namen des Hauptstadtsklubs schreiben (schmunzelt).

Ich habe übrigens generell etwas gegen solche Feind-Geschichten, bei denen den Fangruppen der Schaum schon Wochen vorher aus dem Mund quillt. Lass uns lieber über den Sport reden: Schalke befindet sich in einem Übergangsjahr. Neuer Trainer und viele gute aber junge Spieler. Trotzdem scheint der Anspruch aus den Vorjahren im Umfeld gleich geblieben zu sein. Warum schafft es Schalke nicht, mal ein Jahr Ruhe reinzubekommen?

Wiesweg: Eine gute Frage, auf die in den vergangenen Jahren schon viele versucht haben, eine Antwort zu finden. Du hast auf Schalke mehrere Probleme. Zum einen spielt der so verhasste Reviernachbar aus Lüdenscheid-Nord seit Jahren einen nicht nur erfolgreichen, sondern ansehnlichen Fußball. Als eingefleischter Schalke-Fan leidest du darunter und willst ähnlichen Fußball sehen. Doch damit sind wir schon beim nächsten Problem: Seit Huub Stevens konnte in den vergangenen knapp zehn Jahren kein Trainer auch nur zwei Jahre lang auf Schalke arbeiten. Weil es nun einmal keiner geschafft hat. Viele, wie übrigens auch André Breitenreiter aktuell, haben in dem Zusammenhang die Erwartungshaltung kritisiert. So könne man nichts in Ruhe aufbauen. Doch genau da liegt der Hund auch begraben. Schalke hat in den vergangenen zehn Jahren fast immer den zweit- oder dritthöchsten Etat der Liga. Dann kannst du weder deinem Vorgesetzten, noch den Fans, geschweige denn den Medien, den siebten Platz als gut verkaufen, nur weil du etwas Neues aufbauen willst. Der Schnitt müsste wenn dann also radikaler ausfallen. Oder es muss besser gewirtschaftet werden. Da liegt die Hoffnung vieler Königsblauen in Bald-Manager Christian Heidel.

In Berlin muss sich Pal Dardai seit Monaten immer wieder fragen lassen, ob er jetzt nicht doch endlich mal von Europa träumt. Ein Sieg gegen Schalke würde das mit Sicherheit noch einmal verstärken. Schalke war ja dieses Jahr in der Europa League. Kann man die eigentlich empfehlen?

Wiesweg: Die Schalke-Fans waren in der näheren Vergangenheit mit der Champions League verwöhnt. Da ist die Europa League nur schwer zu verkraften. Insbesondere, weil in der Europa League bekanntlich nicht einmal ansatzweise das Geld verdient werden kann, was die Fleisch-Töpfe in der Königsklasse hergeben. Nichtsdestotrotz war das frühe Aus für Schalke, vor allem in der Art und Weise, gegen Donezk ein Schlag ins Genick. Davon abgesehen gönne ich es zwar der Hertha, nach dieser bereits jetzt schon famosen Saison ins internationale Geschäft einzuziehen. Die Frage wird nur sein, ob Dardai mit seinem Team schon so weit ist – was ich bezweifel. Ob Freiburg, Mainz oder Augsburg: viele Beispiele haben zuletzt oder aktuell schon gezeigt, dass der Europapokal für vermeintlich kleinere Klubs, die noch nicht so gefestigt sind und noch in einer Entwicklungsphase stecken, Gift für die dann parallel laufende Bundesliga-Saison ist. Ich würde mich aber über ein Europa League-Finale zwischen Berlin und Schalke im Jahre 2025 freuen.

Zum Spiel: Hertha und Schalke sind mit sechs bzw. sogar sieben Punkten recht erfolgreich durch die englische Woche gekommen. Hertha hat beim HSV allerdings deutliche Abnutzungserscheinungen gezeigt, während Schalke pünktlich zum Saisonendspurt in einen Lauf zu kommen scheint. Was wird das für ein Spiel, wer setzt sich am Ende durch und auf welche(n) Spieler muss die Hertha-Defensive ganz besonders aufpassen?

Wiesweg: Ja, Berlin ist jetzt in Hamburg etwas abgefallen und ja, Schalke ist mit sieben Punkten aus der „Englischen Woche“ im Aufwind. Doch ich fand nach der HSV-Niederlage hat Pal Dardai etwas sehr Wichtiges und Richtiges gesagt: Seine Mannschaft kommt mit diesem Rhythmus noch nicht so zurecht, drei Spiele in einer Woche zu haben, und war deswegen nicht so frisch – vor allem vom Kopf her. Jetzt hatte die „Alte Dame“ vier Tage lang Zeit, um zu regenerieren und sich nur auf dieses eine Spiel vorzubereiten. Das wird ihr entgegenkommen. Außerdem hat das Hinspiel schon gezeigt, wie schwer sich Schalke getan hat. Selbst in fast 75-minütiger Überzahl konnte der Siegtreffer erst in der Nachspielzeit erzielt werden. Dennoch glaube ich, dass Schalke mindestens einen Punkt holt. Dafür ist die Offensive des S04 zu stark. Die Pause für Leroy Sané hat dem Jungen zuletzt gut getan, er ist wieder im Aufwind. Zudem ist Max Meyer in einer bestechenden Form. Spielt die Hertha aber schnell und flach, könnte insbesondere die Innenverteidigung um Joel Matip und Roman Neustädter Probleme kriegen.

Abschlussfrage: Ich gebe dir drei Zeitungstitel vor und die ergänzt die Schlagzeilen, die du nach dem Spiel gerne lesen würdest.

schalke04.de? Schalke jetzt auf Platz drei
WAZ? Dank Sané marschiert S04 weiter
BLÖD? Sa(h)ne-Tag bringt Schalke-Sieg

Danke Dir!


Was Schalke-Coach André Breitenreiter über das Spiel denkt, könnt ihr im Übrigen hier sehen:

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  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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