Jetzt geht’s Jos!

Die Überschrift wollte ich unbedingt einmal machen. Und wann wäre sie passender, als am Tag der Präsentation von Jos Luhukay bei Hertha BSC? Wir vom Hertha-Blog sagen in jedem Fall: Herzlich Willkommen!

Natürlich ist die Vorstellung des neuen Trainers ein taktischer Schachzug. So konnte auch Luhukay noch einmal betonen, wie wichtig Kontinuität im Verein ist und dass er großes Vertrauen in „den Menschen und den Manager“ Michael Preetz habe. Ich habe keinerlei Prognose parat, wie die Mitgliederversammlung am Ende ausgeht. Aber Preetz und Präsident Gegenbauer haben alles dafür getan, um im Amt zu bleiben. Es liegt nun allein an den (anwesenden) Mitgliedern von Hertha BSC, ihr Urteil zu fällen. Daumen hoch oder Daumen runter. Ich habe nach dem letzten Abstieg dafür plädiert, Preetz eine Chance zu geben, den Betriebsunfall zu korrigieren. Das hat er geschafft – um mit Hertha direkt ins nächste Chaos zu stürzen. Ich gehöre nicht zu denen, die jetzt seinen Rausschmiss fordern – auch weil ich nicht weiß, was danach kommen würde.

Aber zurück zu Jos Luhukay. Der Holländer hatte mit seinem FC Augsburg ja einen nicht unerheblichen Anteil daran, dass Hertha am Ende nur auf dem Relegationsrang landete. In Berlin knöpften engagierte Augsburger den lethargischen Berlinern einen Punkt ab. In Augsburg realisierte Otto Rehhagel, dass seine Mission eine sehr schwierige sein würde – als Luhukays Team Hertha mit 3:0 auf den Relegationsrang schoss.

Zur Relegation hat Jos Luhukay ein ganz besonderes Verhältnis. Nicht, weil er Hertha vor den beiden Spielen gegen Düsseldorf zugesagt hatte – und somit nicht wusste, ob er einen Erst- oder Zweitligisten trainieren würde. Sondern weil sie ihm buchstäblich das Leben rettete. Es war 1989 als er mit einer Auswahl von surinamesischen Spielern der holländischen Liga auf eine Welttournee gehen sollte. Nur weil er mit seinem Heimatklub aus Venlo noch ein Relegationsspiel zu bestreiten hatte, stieg er nicht in das Flugzeug, das später über Surinam abstürzte. Die 11 Freunde hielten in einem Porträt über Luhukay fest, dass er „womöglich aufgrund solcher Erlebnisse in der Lage ist, den Fußball gelassener als viele andere zu betrachten.“

Gelassen reagierte Luhukay auch auf den Misserfolg seines ehemaligen Klubs zu Anfang der vergangenen Bundesliga-Saison. Der FCA war nach der Hinrunde Vorletzter mit 15 Punkten (aber nur einem Sieg weniger als Hertha!). Ob das in Berlin auch in dieser Form möglich gewesen wäre? In der Rückrunde holte Luhukays Team 23 Zähler – der Klassenerhalt.

Warum er dann in Augsburg plötzlich nicht mehr weitermachen wollte, erinnert in seiner Inkonsequenz ein bisschen an Hertha. Manager Andreas Rettig hatte frühzeitig angekündigt, am Ende der Saison in Augsburg nicht weitermachen zu wollen (kein Wunder, wenn man die Aussicht hat, bei der DFL einzusteigen). Und das neue Management schien Luhukay überhaupt nicht zu gefallen.

Im Gegensatz zu dem in Berlin offensichtlich. Mit Preetz verstand sich Luhukay dem Vernehmen nach sofort. Niemand machte ihm Illusionen was die finanzielle Situation angeht – und trotzdem sagte Luhukay zu. Was Preetz definitiv kann, ist, nach einem Abstieg die richtigen Personalentscheidungen zu treffen. Luhukay jedenfalls wurde medienübergreifend als Erfolgsgarant für die kommende Saison gesehen.

Dass sich diese ziemlich sicher in der zweiten Liga abspielen wird, ist Luhukay bewusst. Trotzdem überraschte mich, wie offensiv er sich auf der Pressekonferenz zu seiner Vorstellung über die Saisonziele äußerte: Platz 1 und 2 wären toll, mindestens Platz 3 solle es aber schon sein. Das ist optimistisch, wenn man bedenkt, dass Hertha jetzt eine hohe Personalfluktuation bevorsteht, Luhukay also noch gar nicht weiß, wie seine Mannschaft in der kommenden Saison aussieht. Erstaunlich ist auch, dass Luhukay, wie Preetz vor zwei Jahren, von einem „Betriebsunfall“ sprach, den er korrigieren wolle. Man darf gespannt sein, wie Hertha 2012/13 auftreten wird.

Und so fühlt sich nun fast alles so an, wie nach dem ersten Abstieg unter Preetz. Mit dem Unterschied, dass für die Spielergehälter nicht mal mehr halb so viel Geld vorhanden ist, wie damals. Und dass sich nun wohl auch die letzten Gesichter der Favre-Elf verabschieden werden. Vielleicht bleibt Fabian Lustenberger und wird endlich zu der Stütze, die er Kraft seiner Anlagen sein kann – wenn sein Körper es zulässt. Aber der Rest kann und darf gehen, damit es auf der spielerischen Ebene einen echten Neuanfang geben kann – die ersten Verpflichtungen und Abgänge werden zeigen, wo es hingeht.

Ob es auch einen Neuanfang auf der Management-Ebene geben wird, werden wir dagegen bereits heute Abend erfahren. Auf der Mitgliederversammlung im ICC.

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  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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8 Kommentare

  1. Faase
    Am 29. Mai 2012 um 15:11 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Danke! Ein Beitrag der vom gängigen „Wenn Preetz bleibt sind wir des Todes“ abweicht. Ich dachte echt schon ich bin ganz alleine auf der Welt. Dreifach danke!

  2. Michael F.
    Am 29. Mai 2012 um 16:06 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Zu den Hintergründen um den Abgang von Jos beim FCA informiert man sich am besten hier: http://www.daz-augsburg.de/?p=25683

    • Mr. Jaycobz
      Am 29. Mai 2012 um 17:52 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Hi Michael,
      sind dir die Konjunktive in dem Artikel aufgefallen? Auch Die Augsburger Zeitung scheint im Trüben zu fischen, was die Gründe für den Abgang von JL angeht. Dem Artikel kann auch ein weltonline-Interview von Seinsch entgegen gehalten werden: http://www.welt.de/sport/fussball/bundesliga/fc-augsburg/article13491957/Unser-Trainer-Luhukay-kann-34-Spiele-verlieren.html

      • Michael F.
        Am 30. Mai 2012 um 10:22 Uhr veröffentlicht | Permalink

        In der Tat. Man kann aber in der DAZ unter der Rubrik Sport (enthält das ganze Archiv!) die Entwicklung bis heute gut nachvollziehen.

        Vor allem der aktuellste und letzte Artikel dazu : „Seinsch läßt alle Fragen offen“, läßt vermuten, daß die DAZ den Kern der Sache ziemlich trifft.

  3. tztz
    Am 30. Mai 2012 um 22:44 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Eiken Dauerkarte werde ich mir vermutlich holen, aber aus dem Verein austreten. Man bekommt von diesen „feinen Herren“ ja nur Honig um den mund geschmiert und die meisten Mitglieder fallen darauf herein. Einfach peinlich wie diese Herren mal wieder aufgetreten sind und zu glauben das es nach Preetz und Gegenbauer nicht weitergeht ist merkwürdig… Aber so bleibt alles beim alten und wenn sie nicht irgendwann gestorben sind wurschteln sie noch weiter… arme Hertha… armer Jos (wer weiß wie lange Preetz diesmal hinter dem Trainer steht…

  4. Oliver
    Am 31. Mai 2012 um 22:06 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich hoffe auch sehr, daß Lustenberger bleibt und wieder regelmäßig spielen kann. Es wäre das erste Mal, daß Hertha auf der Sechser-Position einen Spieler hat, der das so spielen kann, wie es heute nötig ist. Auch wenn das abgegriffen klingt. Und das Hertha endlich auch so spielt, wie es heute eigentlich alle machen. Den großen Neuanfang ohne Preetz wird es auch nach dem Abstieg nicht geben, aber das war eigentlich vorher klar. Und mit Luhukay kann man hoffen, daß es wenigstens durch ihn einen Neuanfang geben wird.

  5. Ricky
    Am 19. Juni 2012 um 08:07 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Die Überschrift ist doch mal super und damit hast du auch alles richtig gemacht. Ich finde es übrigens gar nicht so schlecht das die Hertha abgestiegen ist. Es ist doch besser als nächstes Jahr wieder so eine Season zu haben. Lieber soll man sich neu ordnen und in der kommenden Spielzeit durchstarten. Eine Aufstiegsfeier ist doch auch eine feine Sache, viel besser als einen der unteren Plätze auf der Tabelle zu haben.
    Also viel Erfolg für die Hertha in der kommenden Season und dann bald wieder in Liga 1.!

  6. Am 27. Juni 2012 um 16:43 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Moin Moin, hast Du schon den neuen Spielplan gesehen? Dynamo spielt am 26.09.2012 in Berlin. Ich freu mich schon drauf da gehts wieder ab… Machst Du eigentlich dieses Jahr wieder ein Tippspiel?