Keine Erwartungen

Foto: Johannes Simon/Bongarts/Getty Images

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Das Problem sind die Erwartungen. Neulich in Regensburg wieder. Hertha BSC tritt im DFB-Pokal bei einem Drittligisten an. Es muss kein Leckerbissen werden. Hauptsache weiter. So geht da mittlerweile wohl jeder Bundesligist ran, der nicht Bayern München oder Borussia Dortmund heißt. Und dann krampft sich Hertha BSC eine Halbzeit lang einen zurecht, hat fast keine Torchance und lässt sich vom übermotivierten Gegner auch noch zu dummen Aktionen provozieren, die zu zwei Gelben Karten für die beiden Innenverteidiger führen.

Da hatte ich den Kaffee mal wieder auf.

Nicht, weil ich ein souveränes 5:0 erwartet hatte, sondern weil ich dachte, dass Hertha da mittlerweile souveräner wäre. Dem Gegenspieler ins Gesicht lächeln und mit wissendem Blick klarmachen: Das sind die einzigen 90 Minuten in dieser Saison, in der sich jemand für euch interessiert. Stattdessen gibt Hertha den aggressiven Regensburgers 120 Minuten und obwohl die zweiten 45 Minuten viel viel besser waren und die Berliner den Sieg schon allein aufgrund der vielen Chancen zum Ende der 90 Minuten verdient gehabt hätten, bleibt am Ende wieder nur hängen: Hertha mal wieder, mit Hängen und Würgen weiter.

So etwas ärgert mich noch Tage später.

Hängen und Würgen, das beschreibt auch so ein bisschen die Situation auf dem Transfermarkt in den vergangenen Wochen. Während gefühlt die halbe Bundesliga einen Rekord nach dem anderen vermeldete (wobei das, wenn man genauer hinschaut, ja gar nicht so war), gab es von Hertha: Nichts. Wenn man auf Transfermarkt.de auf der dritten Seite ein Hertha-Wappen fand, dann war das schon einer der besseren Tage. Auch hier kommt es natürlich auf die Erwartungshaltung an. Da dribbelt sich Serge Gnabry bei Olympia in die Herzen der deutschen Fußballfans und irgendwer schreibt, Hertha könnte Interesse haben. Schon hofft man auf einen Überraschungscoup. Gnabry bei Hertha, das wäre was. Der bringt das fehlende Tempo ganz sicher mit. Am Ende kommt der Arsenal-Youngster natürlich nicht, stattdessen holt Hertha Alexander Esswein. Schon einer, von dem man in den letzten Jahren dachte: So einen könnten wir auch gebrauchen. Aber eben nicht Gnabry.

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

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Und während andere Klubs mehrere Millionen ausgeben, muss Hertha um 1,5 feilschen. Mainz (!) hat laut Transfermarkt in diesem Sommer 17 Millionen Euro mehr ausgegeben als eingenommen. Das wird nur noch den Bayern (18), Leverkusen (20), dem HSV (23) und RB Leipzig (27) getoppt. Falls es jemand nicht mehr ganz genau weiß: Die Mainzer standen am Ende der vergangenen Saison einen Platz vor Hertha – und damit sicher in der Europa League…

Pal Dardai hatte schon recht, wenn er die Stimmung nach dem Europa-League-Aus als miserabel bezeichnete und sich fragte, ob Hertha sich für die 50 erreichten Punkte schämen sollte. Natürlich nicht. Aber er weiß ja, wie der Trend aussieht. Den Großteil der 50 Punkte hat Hertha in der Hinrunde geholt. Danach war nicht mehr viel. Das Europa-League-Aus wurde vielerorts als Fortsetzung des Abwärtstrends gedeutet. Zurecht?

Das werden wir erst nach den ersten Auftritten in der Bundesliga beurteilen können. Hertha hat in dieser Saison etwas mehr Glück mit dem Spielplan gehabt, als in der vergangenen Saison. Da ist kein Block an schweren Spielen auszumachen. Kein Bayern, BVB, Gladbach infolge, sondern stets ein Anschlussgegner, bei dem Hertha nicht zwingend verlieren muss. Vielleicht hat Hertha auch deshalb kaum jemand in die Abstiegsränge getippt. Aber die Mannschaft – das wissen wir aus den vergangenen Jahren – ist ein fragiles Pendel, das in beide Richtungen ausschlagen kann. Der Spielplan kann da schon entscheidend sein.

Der teuerste Neuzugang wird es zunächst einmal nicht sein. Ondrej Duda machte bei der EM mit einem Treffer auf sich aufmerksam und tauchte nach seinem Wechsel zu Hertha in der Reha unter. Das ist deshalb besonders bitter, weil Hertha eben nur wenige Hülsen in der Kanone hatte. Esswein kann immerhin sofort helfen, Allan vermutlich noch nicht.

Erwartungen also. Ich weiß nicht, wie oft ich schon ohne jegliche Erwartung in ein Hertha-Spiel gegangen bin und wie oft diese eigentlich nicht vorhandene Erwartung trotzdem enttäuscht wurde. Dieses Mal habe ich keinerlei an Erwartungen an die gesamte Saison. Es ist komplett unwahrscheinlich, dass Hertha nochmal da oben reinstoßen kann. Entsprechend dürfte es eher wieder in die andere Richtung geben, denn: Ruhiges Fahrwasser gibt es in der Bundesliga ja schon seit Jahren nicht mehr.

Aber – und das ist die Erkenntnis, die man als Hertha-Fan irgendwann haben muss – es ist eine Ehre Hertha-Fan zu sein, kein Vergnügen. Wenn man das irgendwann akzeptiert hat, ist auch ein schlechte Vorbereitung inklusive Europa-League-Aus kein Problem mehr, sondern eine Herausforderung.

Foto: Johannes Simon/Bongarts/Getty Images

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  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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