Kollektives Können vs. individuelles Wollen

Es ist kalt. Eiskalt. Und das gilt nicht nur für die Temperaturen in Deutschland und Berlin. Auch Hertha erlebt frostige Zeiten. Und trotz der bitteren Kälte bewegt sich Trainer Markus Babbel schon auf dünnem Eis. Schon nach dieser ersten Miniminimini-Krise, die Hertha derzeit erlebt, sieht man, wie dünn doch das Vertrauensverhältnis zum Trainer ist. Nicht nur kalt, sondern auch zappenduster könnte es schon nächster Woche mit einer weiteren Niederlage werden, die ziemlich sicher Platz fünf bedeuten würde.

Aber ich will hier keine apokalyptischen Szenarien an die Wände eurer Hirne werfen. Während ich diese Zeilen schreibe, läuft die Mitgliederversammlung, die man hier und da live (nach)verfolgen kann. Ich denke, es dürfte ungemütlich werden. Wenig bequem ist es jedenfalls für Babbel geworden, der nun neun Punkte aus den letzten drei Spielen einfordert. Damit setzt er sich und der Mannschaft eine Marke, an der er sich wird messen lassen müssen. Wie er dieses Ziel allerdings erreichen möchte, bleibt unklar.

Unklar ist nämlich, wie er auf den aktuellen Misserfolg zu reagieren gedenkt. Marxelinho macht darauf aufmerksam, dass Babbel vor allem „Einstellungsaspekte“ der Mannschaft bemängelt. Auf die Struktur der Mannschaft, auf das Spielsystem, die Taktik oder gar eine Philosophie will er nicht eingehen, wie auch Uwe Bremer bei der Pressekonferenz feststellen musste. „Fehlende Gier“ ist analytisch nicht nur schwach, sondern nahezu lächerlich, wie man aus dem Kommentar des Duisburgers Kees Jaratz erfahren kann.

Wenn man Sport – auch wenn es nur in der Analyse oder der Außendarstellung sei – auf Einstellungsaspekte beschränkt, kann man nicht darauf pochen, ernst genommen zu werden. Insofern habe ich das Gerede von „mangelnder Gier“, „Bayern-Siegergen“, „Willen“ und die damit zusammenhängenden Populismen aus dem Sommer einfach satt. Man muss Fußball sicherlich nicht verklausulieren oder verwissenschaftlichen wie es Fußballlehrer wie van Gaal, Favre oder Rangnick bevorzugen. Muss nicht sein. Aber man darf mangelndes kollektives Können nicht auf mangelndes individuelles Wollen reduzieren. Wer dies tut, macht sich auf Dauer unglaubwürdig.

Man kann für Hertha und für Babbel nur hoffen, dass er intern andere Erklärungsansätze hat und Lösungsmöglichkeiten für die vielfachen Probleme findet. Andernfalls dürfte es für Babbel ein sehr kurzer und für Hertha ein sehr langer und kalter Winter werden. Aber wie gesagt: Es ist nur eine Miniminimini-Krise und Babbel wird mit Hertha sicherlich die Kurve kriegen. Nur ich werde mich nicht an diese unsäglichen Vereinfachungen gewöhnen, die Babbel so zu lieben scheint: Man müsse nur wollen, um auch zu können. Wenn das Leben nur so einfach wäre!

This entry was posted in Hertha BSC and tagged , , . Bookmark the permalink. Both comments and trackbacks are currently closed.
  • Wer hat das geschrieben?

    Mein Name ist Enno: im Jahre 1982 geborener Berliner, Exil-Herthaner in Bielefeld und Bremen. Seit 2006 schreibe ich im Internet über Hertha BSC. (→mehr)

    Ich würde mich freuen, deine Meinung zum Artikel zu erfahren. Schreib doch einen Kommentar und diskutiere mit!

    Und bleib auf dem Laufenden: Abonniere neue Beiträge des Hertha BSC Blogs (RSS-Feed / E-Mail)

15 Kommentare

  1. Am 1. Dezember 2010 um 04:42 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Was an dem ganzen Spaß, dass Babbel wirklich von „Wollen“ babbelt (excuse the pun), so befremdlich ist, ist, dass ihn ja irgendjemand ausgewählt haben muss. Offensichtlich ging man dabei nach der Schablone vor: Hauptsache!

    Hauptsache wir haben überhaupt irgendeinen Trainer.

    Wobei Hertha ja zur Zeit eher keinen Trainer hat. Obwohl er, zugegebenermaßen, immer noch Gelegenheit hat, das zu widerlegen.

  2. Blauer Montag
    Am 1. Dezember 2010 um 07:57 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Könnte nicht jemand hertha-leak starten?
    Ich wüßte sehr gerne, welche Matchpläne für die nächsten 20 Spiele der Trainer liegen hat im Safe in der Hanns-Braun-Straße?!

    • Joel
      Am 1. Dezember 2010 um 11:13 Uhr veröffentlicht | Permalink

      @Blue
      ich habe das was aus Wiki herausfischen können.
      Zum Beispiel bei Plan B24 heißt es, sollte die Herthaabwehr wiedererwarten nicht die beste der Liga sein (derzeit ist sie es wieder nach dem Aue 6:0 abgeschossen wurde), werde Babbel sich höchstpersönlich um die IV kümmern. Dies heißt wohl er spielt dann für den derzeit verletzten Mijatovic? ;-)
      Bin mal echt gespannt ob es eine Änderung im Spielsystem gibt und nicht nur eine Änderungen der einzelnen Akteure.

  3. Joel
    Am 1. Dezember 2010 um 11:15 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Was nicht heißen soll das es ausreichend sein kann andere Figuren auf dem Rasenschach zu verteilen. Hauptsache wir haben jemanden auf dem Platz der auch gut würfeln kann ;-) *fun off*

  4. Blauer Montag
    Am 1. Dezember 2010 um 11:34 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Schaut doch mal, was ein blauer Baumsteiger zur aktuellen Hertha Krise meint:
    http://www.schiedsrichtergespann.de/die-hertha-krise-ist-da/comment-page-1/#comment-648

  5. Oliver
    Am 1. Dezember 2010 um 11:41 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Vor allem, wenn Babbel davon redet, man bräuchte einen Spieler wie van Bommel. Ich hatte letzte Saison gerade angefangen, Bayern München ein wenig zu mögen, aber jetzt geht mir das einfach auf die Nerven. Timoschtschuk zeigt van Bommel gerade wie man Fußball spielt, aber Babbel braucht van Bommel. Kann er gleich noch Maik Franz und Frank Rost holen. Irgendwie braucht man jemanden, der die anderen mitreißt und wachrüttelt, wenn es nötig ist, das braucht die Mannschaft wohl gerade, aber bitte nicht mit Brutalo-Fouls am Gegner oder mit verzerrten Gesichtszügen a la Frank Rost. Und die unsäglich bescheuerte Aktion von Lell wird auch einfach unter den Tisch gekehrt. Mannschaftskapitän, nachts um vier nach einer Niederlage irgendwo, super !
    Der Trainerfuchs Sasic zeigt Babbel wie man einer Mannschaft einen Plan gibt, auch wenn dieses Wort spätestens seit Tuchel etwas überstrapaziert ist, aber das ist nun Mal moderner Fußball.
    Ich wünsche Babbel alles Gute und glaube an ihn, aber was für eine Ironie, daß ausgerechnet er, der mit seinem Überholmanöver in letzter Minute mit Stuttgart dafür gesorgt hat, daß wir nicht mit einem Trainer mit Plan in der Champions-League gelandet sind, sondern in der zweiten Liga, jetzt bei Hertha Trainer ist und etwas „planlos“ wirkt.

  6. Blauer Montag
    Am 1. Dezember 2010 um 12:20 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Hätte, wäre, wenn, Oliver
    hilft uns nach 18 Monaten auch nicht mehr weiter.
    Babbel will wohl sagen, er braucht noch mehr Spieler, die mit vollem Einsatz gegen die Gegner gehen. Nach 14 Spieltagen eine späte Erkenntnis. Dafür sind jetzt kreative lösungen gefragt, denn Geld für neue Spieler oder Trainer ist bei Hertha nicht vorhanden.

  7. spreemaradona
    Am 1. Dezember 2010 um 13:14 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Angeblich soll Ramos jetzt neben Friend in einem Zwei-Mann-Sturm getestet werden. Auch wenn ich statt Friend lieber Raffael auf der Halbposition sehen würde, hoffe ich doch dass diese Umstellung Babbels mangelnde taktische Fähigkeiten einigermaßen kaschieren kann.

    • Joel
      Am 1. Dezember 2010 um 14:19 Uhr veröffentlicht | Permalink

      ehrlich gesagt sehe ich die Lösung nicht in einem Sturmduo Ramos/Friend. Friend müsste dafür den Pass spielen können, gelle?
      Hingegen wäre Raffa auf der Position schon fast ne Verschwendung, lieber als hängende Spitze. Aber hey ich bin nicht der Trainer und Babbel wird wie auch immer er handelt es besser machen, als ich je könnte :-)
      Hoffe mal auf ein 4-4-2, ach ich nehm auch ein 4-3-3, die spielen doch sowieso anders uffm Platz ;-) *spässchen*
      Werden wir schnelles Kurzpassspiel in Berlin (bei der Hertha) wiedersehen?

      • Am 1. Dezember 2010 um 23:39 Uhr veröffentlicht | Permalink

        Werden wir schnelles Kurzpassspiel in Berlin (bei der Hertha) wiedersehen?

        Eben. Es ist doch völlig wurscht, wer wo rumsteht, wenn es keinen Plan gibt, wie man den Ball dahin bekommt, wo man ihn haben will.

  8. Am 1. Dezember 2010 um 23:43 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Aber man darf mangelndes kollektives Können nicht auf mangelndes individuelles Wollen reduzieren.

    Reduzieren sicher nicht, aber zu haben damit könnte es – auch. So Mannschaftsleistungen sind ja fragile Gebilde, die sich aus zahlreichen positiven Rückkopplungsprozessen ergeben. Da ist es mitunter schwierig zu ermitteln, wo man anzusetzen hat, damit sich ein Trend umkehrt. Unbedingten Leistungswillen herauszukitzeln wäre da eine Möglichkeit, zumindest eine theoretische.

    Konkret auf Herthas Probleme zur Zeit angewendet scheint es mir aber der falsche Ansatz zu sein. Da ist doch sehr viel Unsicherheit im Spiel, und die vergrößert man durch solchen Druck nur noch.

  9. Joel
    Am 3. Dezember 2010 um 09:54 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Wenn ich so an die vorherige Station von Markus Babbel denke hat er meines Erachtens auch kräftig die Mannschaftsaufstellungen rotieren lassen, auf der Suche nach der Lösung. Allerdings dann nicht mehr erfolgreich für den Verein. Hoffe das hier die Rechnung aufgeht und Berlin in die Erfolgsspur zurückfindet, ansonsten….

    • Anonymous
      Am 3. Dezember 2010 um 11:28 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Joel,
      rotieren an sich ist nicht das Problem.
      Bei Mainz 05 klappt die Rotation in der Regel prima.
      Allerdings hat Mainz auch ein nachhaltiges Konzept,
      eine Spielphilosphie mit jeweils aktuellen Matchplänen.
      Bei Hertha dagegen ist dagegen ein Konzept Stand heute für mich nicht erkennbar.

  10. Joels
    Am 6. Dezember 2010 um 00:07 Uhr veröffentlicht | Permalink

    sicherlich richtig das rotieren eigentlich nicht das problem darstellen sollte. aber leider scheinen die herthaner das rasenschach wie die mainzer nicht zu beherrschen…

  11. Joels
    Am 6. Dezember 2010 um 00:18 Uhr veröffentlicht | Permalink

    „Nicht dass ich dafür plädiere, dass jetzt alle Spieler viele Gelbe Karten kassieren sollen“, sagte Niemeyer, aber es sei schon komisch, dass er bei den Verwarnungen so meilenweit voran marschiere „und der Nächste dann zwei Gelbe Karten hat oder so“. Das darf wohl als zaghafte Kritik an der kämpferischen Einstellung der Kollegen verstanden werden.

    Hat er vielleicht damit recht?

    Wird Zeit das Führungsspieler auf dem Platz den Ton angeben!!!