Kraft hält Hertha am Leben

Die Köpfe gingen runter. Mal wieder drohte ein Schiedsrichterpfiff die zärtlich aufkeimenden Hoffnungen von Hertha BSC zu zerstören. Der Leverkusener Angreifer Eren Derdiyok war gefallen, als hätte man ihn von hinten erschossen und war dafür mit einem Elfmeter und der roten Karte für seinen Gegenspieler, Hertha-Kapitän Levan Kobiashvili, belohnt worden.

Kurz zuvor waren die Köpfe noch oben gewesen. Da hatte der eingewechselte Pierre-Michel Lasogga mit einem wuchtigen Kopfball den Anschlusstreffer erzielt und irgendwie hatte man das Gefühl, dass doch noch was gehen könnte in Leverkusen für Hertha BSC.

Doch dann dieser Pfiff. Und seine Konsequenz. Ein Elfmeter. Simon Rolfes läuft an, trifft den Ball gut, er fliegt nicht halb hoch ins rechte Eck, sondern etwas höher. Eigentlich nicht haltbar. Doch Thomas Kraft macht sich länger, als jede Praline der Welt und lenkt den Ball an den Pfosten. Eine Tat, die ein Spiel entscheiden kann. Eine Tat, die auch einen Abstiegskampf entscheidet?

Denn was danach folgt, ist für Hertha-Verhältnisse außerirdisch. Ein Konter über Rukavytsya, eine Hereingabe in die Mitte – und der eingewechselte Torun schiebt zum Ausgleich ein. Sechs Minuten später ein Konter über Raffael, der Brasilianer sprintet über den ganzen Platz, vergisst dabei beinahe den Ball doch die Leverkusener rücken langsamer nach als der frische Torun. Pass Raffael, Direktschuss Torun – 3:2. Was zum Zeitpunkt des Elfmeters und der roten Karte so weit entfernt schien, wie die Champions League, ist plötzlich zum Greifen nah: Ein Sieg in Leverkusen.

Doch Hertha 2012 wäre nicht Hertha 2012, wenn es nach diesem Kraftakt ein Happy-End gegeben hätte. Ein Allerweltsfoul im gefährlichen Bereich rund um den Strafraum, wieder ein Pfiff von Weiner und dann eine Bankrotterklärung der Hertha-Defensive. Wenn Kießling den Ball nicht ins Tor geköpft hätte, wären auch noch Derdiyok und Manuel Friedrich bereit gewesen. Es war nicht das erste und nicht das letzte Mal, dass die Zuteilung bei Standards überhaupt nicht funktionierte.

Der Punkt durch das 3:3 ist nach dem Rückstand und der roten Karte natürlich ein Gewinn. Einer, der allerdings nur sehr sehr wenig bringt, weil Augsburg gleichzeitig in Wolfsburg (!) gewann und der HSV sich gegen Hannover durchsetzte. Der erste Nicht-Abstiegsplatz ist nun bereits fünf Punkte weg, wenn Köln am Sonntag gegen Gladbach gewinnt, verschwindet auch der Relegationsplatz aus dem direkten Sichtfeld. Vier Punkte wären bei drei Spielen kaum noch einzuholen.

Gewinnt Köln nicht, ist der Punkt insofern ein wichtiger, weil Hertha Stand heute ein besseres Torverhältnis als die Kölner aufweist. Und wer weiß, wozu das am Ende noch wichtig sein könnte. Für die Moral war das Spiel gegen Leverkusen ohnehin mindestens Silber wert. Aber das dachte man nach den Siegen gegen Bremen und Mainz ja auch. Insofern muss Hertha den einen Punkt in der kommenden Woche gegen Kaiserslautern vergolden.

Die Frage, die sich Otto Rehhagel und die Mannschaft nach der ersten Halbzeit und dem 0:2-Rückstand gefallen lassen muss, ist: Warum nicht gleich so? Warum erst mit 10 Mann? Warum immer erst, wenn schon fast alles vorbei ist? Andererseits sind wir jetzt in einer Phase der Saison, in der jeden Spieltag alles vorbei sein kann. Insofern hat die Mannschaft nun noch drei Spieltage lang Zeit, endlich zu zeigen, dass das Gesicht der Mannschaft das ist, was zwischen der 60. und 80. Minute in Leverkusen auf dem Platz stand.

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  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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17 Kommentare

  1. Oliver
    Am 14. April 2012 um 18:26 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Schöner Artikel und so schnell, Kompliment. Das heißt also: Die Fans leben noch und die Mannschaft auch. Auch wenn das heute brutal war, der Leverkusener Ausgleich und das späte Siegtor für Augsburg (und erst der dumme Madlung mit seinem geschenkten ersten Tor für Augsburg): Jeder der kann, ins Olympiastadion gegen Kaiserslautern !

  2. Klaus
    Am 15. April 2012 um 07:53 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Lieber Daniel, danke für den Text. Kleine Alternativeinschätzung: Ich finde dieses Mal nicht, dass die Frage „Warum nicht gleich so?“ aufdrängt. Sie haben bis zur Pause den höher eingeschätzten Gegner im Griff gehabt und auf Konter gelauert, die Ben-Ha dann leider nicht verwerten konnte. Dann kassierten sie zwei Tore, ich habe den Liveticker zugeklappt und mich zu meiner Familie gesellt. Das Team hingegen, statt zuzuklappen, hat eine verblüffende Reaktion gezeigt. Hab mir am Abend die Aufzeichnung auf herthatv angeguckt und war so stolz wie lange nicht mehr auf diese merkwürdige Mannschaft.

  3. Am 15. April 2012 um 08:09 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Die Überraschung, die du ja gefordert hast, Daniel, ist Hertha gestern wirklich gelungen. Und dabei schaue ich gar nicht unbedingt auf das Ergebnis. Was mich nämlich wirklich überrascht hat, war, dass das Spiel von Hertha mich in dieser Saison noch mal gefesselt hat. Das war selbst bei den Siegen gegen Bremen und Mainz nicht der Fall, bei den Niederlagen eh nicht. Aber gestern packte es mich. Und das hat mich wirklich überrascht.

    Der Relegationplatz ist noch drin. Der FC muss einfach weiter dilletieren. Ganz, ganz vielleicht stolpert der HSV auch noch zum wiederholten Male über seine Hybris. Dann… Nein, Relegation. Das bleibt das Ziel.

  4. Blauer Montag
    Am 16. April 2012 um 08:00 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Guten Morjen :grin:
    Insofern hat die Mannschaft nun noch fünf Spieltage lang Zeit, endlich zu zeigen, dass das Gesicht der Mannschaft das ist, was zwischen der 60. und 80. Minute in Leverkusen auf dem Platz stand. Der FC Köln hat am Sonntag in Gladbach verloren. Hertha steht mit 28 Punkten (Tore – 23) hinter dem FC Köln mit 29 Punkten (Tore -30). Platz 16 ist für HERTHA in Reichweite.

    • Herthana
      Am 16. April 2012 um 18:16 Uhr veröffentlicht | Permalink

      sind aber nur noch drei Spiele. Relegation ist noch drin. Das wird (leider) alles ziemlich spannend!

  5. Am 16. April 2012 um 18:31 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ganz ehrlich: Ich bin mir mittlerweile nicht mehr sicher, ob der Klassenerhalt ein so erstrebenswertes Ziel ist, wenn man längerfristig denkt.

    • tztz
      Am 16. April 2012 um 23:15 Uhr veröffentlicht | Permalink

      solange die derzeitigen Verantwortlichen am rude sind plant man eh nicht längerfristig *bitterlach*

    • Joel
      Am 18. April 2012 um 22:10 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Nun ein Abstieg ist garantiert kein Vorteil, gleich gar nicht bei langfristiger Planung.

      Finde die Äußerung warum immer erst solch eine Leistung, wenn’s eigentlich zu spät ist oder man einen weniger hat, nicht stimmig, wo war da der Sieg o. wenigstens das Unentschieden dann gegen den VFB als Ottl runter ging zum Duschen in der ersten HZ?

  6. Oliver
    Am 17. April 2012 um 22:50 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Auf alle Fälle ist ein Abstieg nichts, in das man sich einfach so freiwillig fügt , auch mit einer eventuellen neuen „jungen“ Mannschaft ist aufsteigen eine sehr, sehr schwere Sache. Gibt es eigentlich irgendwelche Gerüchte, wer in der neuen Saison Trainer werden soll und wenn ja, ob dieser Trainer auch im Falle eines Abstiegs kommen würde? Außer Rangnick damals bei Ottos Einstellung habe ich irgendwie nichts mitbekommen.

    • Am 17. April 2012 um 23:14 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Auf alle Fälle ist ein Abstieg nichts, in das man sich einfach so freiwillig fügt , auch mit einer eventuellen neuen “jungen” Mannschaft ist aufsteigen eine sehr, sehr schwere Sache.

      Sagen wir es mal so: Wenn es diesmal nach unten geht, wird es viel länger dauern als letztes Mal. Man wird sogar froh sein müssen, Liga 2 halten zu können. Schön ist das nicht. Die Frage ist nur, ob es nicht sowieso passiert, wenn nicht in dieser, dann in der nächsten Saison, oder in der übernächsten, wobei alle Spielzeiten stets vom Abstiegskampf geprägt sein würden. Und mit jedem Jahr Verzögerung verfestigen sich die Probleme weiter, so dass es immer schwieriger wird, sie irgendwann grundlegend zu lösen.

      Dass dies allerdings geschieht, wenn die Mannschaft jetzt absteigt, ist natürlich auch nicht garantiert. Aber vielleicht ist die Chance höher. Es geht auch weniger um das Alter der Mannschaft als darum, dass der Verein endlich ein Konzept für den Profi-Fußball bekommt und sich danach den passenden Trainer sucht. Statt immer unter den gerade verfügbaren Namen nach dem prominentesten zu streben, der auch bereit wäre zu kommen.

      • tztz
        Am 20. April 2012 um 18:58 Uhr veröffentlicht | Permalink

        Das eine eventuelle zukünftige zweitklassigkeit sehr lange dauern wird das glaube ich auch und ich denke an eine frühere Zeit bei Hertha, als kein Spieler auf dem Platz den ball haben wollte…grrrrrr. gruselige Zeiten waren das und werden es vermutlich wieder :o(

      • Oliver
        Am 20. April 2012 um 22:48 Uhr veröffentlicht | Permalink

        Ich glaube, daß man sich mit der Hoffnung auf eine wirklich grundlegende Erneuerung im Falle eines Abstiegs nur zu trösten versucht. Andere Vereine haben so eine Erneuerung auch als verbleibender Erstligist geschafft, nach wie vor kann ich das nicht als Grund ansehen, freiwillig abzusteigen. Und warum soll es immer um den Abstieg gehen? Diese Mannschaft hätte es mit einem nicht überragenden Trainer Babbel sicher geschafft, die Klasse zu halten. Irgendetwas ganz neues muß her in diesem Verein, das ist klar, aber das kann auch ein guter neuer Trainer bewirken. Und einen guten Trainer zu bekommen, ist meistens Glückssache. Gladbach würde mit keinem anderen Trainer da stehen, wo sie jetzt sind, die würden immer noch so rumkrebsen wie vorher. Deshalb gehe ich morgen ins Stadion, und hoffe, daß jetzt nicht auch noch Köln nach dem Trainerwechsel groß aufspielt.
        Solche Relegationsspiele wären doch auch mal was, die Spezies des leidgeprüften Hertha-Fans hätte eine neue Bewährungsprobe vor sich, auf so etwas kann man sich auch freuen.

  7. tztz
    Am 21. April 2012 um 08:11 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Löw kritisiert Hertha für die vielen Trainerwechsel und das zu Recht außerdem bemängelt er, dass Hertha sich damit ständig andere Philosophien holt und damit alles durcheinander gerät.
    Ich würde auch gerne mal wissen was für eine Philosophie hat Hertha eigentlich? Die Verantwortlichen müssen endlich dafür Sorgen, dass Hertha eine Philosophie vertritt, der man folgt. Also für was steht Hertha in der Zukunft?

    • Mr. Jaycobz
      Am 21. April 2012 um 08:55 Uhr veröffentlicht | Permalink

      In einem anderen Thread (http://www.hertha-blog.de/chaostante-hertha-hertha-entlasst-skibbe.html#comment-6901) hatte ich mich für die Verpflichtung von Volker Finke als Sportdirektor + Trainer in Personalunion ausgesprochen. Mich würde interessieren, was ihr davon haltet. Ich halte ihn für einen Vertreter einer modernen, attraktiven Spielphilosophie, deren Erfolg durch das sportl. Abschneiden des SC Freiburg in den vergangenen fast 20 Jahren messbar wird, vor allem vor dem Hintergrund der geringen finanz. Mittel dieses Vereins!
      Aus meiner Sicht hat Hertha nur die eine Möglichkeit für die Zukunft, nämlich wieder ein Ausbildungsverein zu werden, und zwar nicht für andere Vereine! Die Zeiten, in denen teure Südamerikaner (Schönwetterspieler) oder gescheiterte teure Ex-Spieler von dt. Spitzenklubs verpflichtet werden, müssen angesichts der finanz. Schieflage der Hertha endgültig der Vergangenheit angehören!
      Bspw. hätte man Ramos auf dem Zenit seines Schaffens für 5 – 7.5 Mio Euro abgeben (Interessenten waren da) und somit Transfererlöse einstreichen können. An gut ausgebildeten, talentierten jungen dt. Stürmern mangelt es nicht, oder etwa doch?

      • Anonymous
        Am 21. April 2012 um 10:14 Uhr veröffentlicht | Permalink

        Wo ist der SC Freiburg sportlich denn erfolgreich gewesen in den letzten 20 Jahren? Ja klar, man kann sagen, dass es für einen derart „kleinen“ Verein erfolgreich ist öfter 1. als 2. Liga zu spielen, aber wollen wir unsere Hertha wirklich mit Freiburg vergleichen („arrogant waren wir immer“ – Zitat Daniel Rimkus)?

        Wenn ich was zu sagen hätte, dann würde ich (neben einen neuen Manager natürlich) einen motivierten, aufstrebenden ex Spieler von Hertha (!) ala Jolly Sverrisson als Trainer installieren, weil Tuchel, mein Favorit Nr. 1, es sich ja wohl derzeit echt nicht antun wird, in die Hauptstadt zu kommen.

        Niemals würde ich Finke holen, weil ich der Meinung bin, dass die Kölner, hätten sie Solbakken mal mehr machen lassen, am Ende der Saison nicht auf dem zweitletzten Platz die Saison beenden würden. *hoff!* ;) Der mischt sich (öffentlich) einfach noch zu viel in die Trainerarbeit ein, so dass der Trainer gar nicht in Ruhe arbeiten kann. Und wenn schon eine Person für beide Ämter, dann doch vielleicht wirklich Prof. Rangnick, der ja offensichtlich sogar bereit dazu ist, einen Verein mit Perspektive in der 2. Liga zu übernehmen. Obwohl ich persönlich von seiner Art nicht überzeugt bin. Kann aber auch daran liegen, weil er für Hoffenheim und Schalke gearbeitet hat, was grundsätzlich erst mal negativ auf mich wirkt. ;) Ferner kostet Rangnick aber auch wohl weit mehr als das Doppelte, als ein Neuling und wenn’s nicht klappt? Was dann? Wieder mitten in der Saison, wenn’s mies ausschaut, mit „gestandenen“ Trainern experimentieren? Dann doch lieber zu Beginn einer Saison einen jungen Trainer ins kalte Wasser schmeißen und ihm bitte ein bisschen Zeit geben.

        Dass mit dem Ausbildungsverein, finde ich gut, wenn denn die Spieler wirklich nicht immer sofort verballert / vielmehr vergrault werden. In den letzten Jahren sind zu viele junge Spieler erst nach der Station Hertha (groß) gestartet. Olic, die Boatengs, Salihovic, Samba… Selbst Malik Fathi und Nando Rafael zähle ich wehmütig dazu. Dazu all die, die mir gerade spontan nicht einfallen. Ihr könnt die Liste gerne ergänzen….

        • Schoddie
          Am 21. April 2012 um 10:15 Uhr veröffentlicht | Permalink

          Ups, ich war das gerade! Damit ihr wisst, auf wen ihr draufhauen könnt… ;-)

          • Mr. Jaycobz
            Am 22. April 2012 um 09:38 Uhr veröffentlicht | Permalink

            Hätten die Kölner Solbakken mal mehr machen lassen? Also aus meiner Sicht war genau er das Problem, eben mal wieder ein Trainer ohne BuLi-Erfahrung. Der Spieß gehört umgedreht, Finke hätte die Mannschaft auf- und einstellen müssen…aber das ist nur mein persönl. Urteil. Und was hat Finke in Freiburg schon großartig erreicht? Immerhin konnte unter ihm der SC erstmals in die 1. Liga aufsteigen und wurde dort (weitgehend) etabliert, bis hin zum Erreichen des UEFA-Cups. Der SCF ist sicher nicht die Messlatte eines Hauptstadtklubs mit all seinen Ambitionen, da gebe ich dir Recht. Doch was erleben wir in Berlin seit 3 Jahren? Die grausame Performance einer „neuen“ Fahrstuhlmannschaft!
            Mir fehlt halt insgesamt die Entwicklung einer Spielidee im Verein, eine Philosophie, ein Konzept wie nun und bis auf weiteres Fußball kreiert werden soll. Der Neue, wie auch immer er heißt (m.E. gern R. Rangnick), möge bitte da ansetzen.

            Ach so, und M. Preetz hat inzwischen den Nachweis erbracht, dass er die Rahmenbedingungen für eben solch ein Konzept nicht zu setzen vermag.

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