Luhukay spielen und scheitern

In Anlehnung an den gestrigen Beitrag habe ich mich heute mal hingesetzt und an einer taktischen Aufstellung für die ersten Spieltage der Hinrunde gebastelt. Wenn man so will, habe ich Luhukay gespielt. Das ist dabei rausgekommen.

So würde ich erst einmal spielen lassen - ohne die Trainingseindrücke zu haben.

So würde ich erst einmal spielen lassen – ohne Trainingseindrücke.

Wie man sieht, ist der Ball bereits im Tor, insofern könnte man behaupten, ich war erfolgreich. Aber wenn ich mich beim Hin- und Herschieben der Spieler gefilmt hätte, wäre offensichtlich geworden, wie schwer das in den kommenden Wochen für Jos Luhukay wird. Was aber noch viel offensichtlicher wurde, ist welche Möglichkeiten diese Vielfalt an Spielern erwirkt. Man könnte von Fluch und Segen zugleich sprechen und ich möchte in diesem Jahr noch weniger Hertha-Trainer sein, als sonst. Aber wenn man sich den Kader so anschaut und vor allem die Ausgeglichenheit des Kaders, dann tendiert mein Gefühl eher zum Segen als zum Fluch. Was ich jedenfalls mit großer Sicherheit festgestellt habe: Wer Luhukay spielt und bei diesem ausgeglichenen Kader nicht regelmäßig am Trainingsplatz steht, der muss zwangsläufig scheitern. Ich habe es trotzdem versucht. Mit einer Lösung (siehe oben), die mit Sicherheit nicht jeder so unterschreiben würde.

Der Denkprozess war schwierig. Ich habe immer wieder überlegt, ob man Fabian Lustenberger nicht vorziehen sollte, weil ja nun Sebastian Langkamp da ist und auch Roman Hubnik so stark trainiert. Sollte nicht doch lieber Lasogga seine Chance bekommen und Ramos dafür über rechts kommen? Wie schnell kann sich Nico Schulz auf die Bundesliga einstellen und wo spielt eigentlich Marcel Ndjeng? Änis Ben-Hatira? Alexander Baumjohann? Peter Niemeyer? Alles Härtefälle, die es für Luhukay zu moderieren gilt. Eine Mammutaufgabe.

Kraft ist gesetzt

Die einzige Position, die als gesetzt gelten dürfte, ist die von Thomas Kraft. Er hat seine Stärke auf der Linie bereits mehrfach bewiesen und damit auch seinen Wert für die Mannschaft. Allerdings – und da sehe ich erste Probleme – könnte Kraft noch sehr viel mehr mitspielen. Natürlich, könnte man sagen, soll ein Torhüter zunächst einmal Bälle festhalten können, seinen Strafraum beherrschen und seine Vorderleute dirigieren. Aber gerade in heutigen Zeiten und aufgrund der Tatsache, dass Jos Luhukay offenbar vorhat, den Gegner zu pressen, ist es von großer Wichtigkeit, dass Kraft sehr viel mehr mitspielt, als er das in den vergangenen Jahren getan hat. Das heißt: Grundsätzlich sollte er der Abwehrreihe näher sein, als der Torlinie, um Bälle in die Tiefe abzulaufen. Das ist im Übrigen eine der Stärken von Sascha Burchert, auch wenn die Erwähnung dieser Stärke durch die beiden Slapstick-Tore gegen Hamburg damals zynisch erscheint.

In der Abwehrkette habe ich mich schon extrem schwer getan. Hinten links dürfte Neuzugang Johannes van den Bergh erst einmal gesetzt sein, allerdings wird Luhukay genau beobachten, wie sich der Neue ins Team eingliedert. Der Vorteil: Levan Kobiashvili kann er auf dieser Position immer bringen. Auf rechts kämpfen Peter Pekarik (mein Favorit) und Marcel Ndjeng um einen Platz – mit leichten Vorteilen für Ndjeng, weil er ein Lieblingsschüler von Luhukay ist. Bei mir würde Pekarik aber trotzdem spielen (wenn er anständig trainiert), weil ich ihn für den besseren Spieler halte.

Was ist mit Hubnik und Franz?

Die Innenverteidigung ist von mir ehrlich gesagt nicht seriös zu beurteilen. Ich habe mich deshalb für das gewohnte und erfolgreiche Duo aus dem überragenden und hoffentlich weiterhin verletzungsfreien Fabian Lustenberger und dem jüngsten Souverän der Liga,  John Anthony Brooks, entschieden. Ich weiß nicht, ob Sebastian Langkamp an einem von beiden vorbeikommt. Vorstellen kann ich es mir nicht. In Augsburg war er von Spieltag eins bis zwölf fester Bestandteil der Startelf und machte danach verletzungsbedingt kein einziges Spiel mehr. Eine weiche Leiste kostete ihn weitere Einsätze, seit November hat er kein Pflichtspiel mehr absolviert. Spannend zu beobachten wird die Entwicklung von Brooks sein. Luhukay kann ihm die Zeit geben, denn Roman Hubnik und Maik Franz stehen genauso wie Christoph Janker auch noch im Kader. Fehlende Tiefe in der Defensive kann man Hertha also in diesem Jahr nicht absprechen. Zumal Peter Niemeyer auch noch Innenverteidiger spielen könnte.

Eigentlich ist Niemeyer aber Mittelfeldspieler, Abräumer vor der Abwehr. Ich bin nicht der Einzige, der die Erstligareife Niemeyers in Frage stellt. Ich bin aber auch nicht der Einzige, der sich gerne eines Besseren belehren lassen würde. Niemeyer hat das Zeug zu einer Berliner Version von Sebastian Kehl zu werden. Eigentlich zu langsam für das schnelle Spiel des BVB, aber trotzdem immer noch regelmäßig in der Startelf. Niemeyer ist ein Kämpfer, dem ich es gönnen würde, wenn er sich durchsetzt. In meiner Startelf hätte er aber Stand heute keinen Platz. Stattdessen sichert „die Lunge“ Peer Kluge die beiden offensiveren Mittelfeldleute Ronny und Hosogai ab. Hosogai traue ich zu, dass er sich in Berlin durchsetzt, auch weil er Luhukay kennt und weiß, was der Coach von ihm erwartet. Unter Luhukay machte der Japaner in der Saison 2011/12 32 Bundesliga-Spiele.  Auf der sensiblen Sechser-Position kann sich Luhukay aber natürlich auch für Fabian Lustenberger entscheiden – wodurch wieder ein Platz mehr in der Innenverteidigung frei würde.

Sieben Spieler bleiben draußen

Kommen wir zur Offensive, die von Ronny angeführt wird und in der es bei mir auch sonst wenig Veränderungen im Vergleich zur Vorsaison gibt. Nico Schulz bekommt seine Chance in Liga eins, Sami Allagui hat sich seinen Platz dort ebenfalls im vergangenen Jahr verdient. Nun gibt es für die Offensive, wenn wir davon ausgehen, dass Ronny fit wird und seine Leistung noch einmal steigert, drei Positionen für sieben Offensivspieler. Diese sind traditionell anfälliger für Egoismen, als Defensivleute, weshalb hier die größte Gefahr, aber eben auch eine große Chance lauert. Ben-Hatira, Lasogga, Wagner, Ben Sahar, Baumjohann, Ndjeng und mit Abstrichen aufgrund seiner Jugend Mukthar – sieben vor Selbstvertrauen strotzende Spieler, die in meiner Startaufstellung erst einmal draußen bleiben. Mindestens vier, die im Spiel überhaupt nicht zum Einsatz kommen, eher sogar fünf. Ich bin gespannt, wie Luhukay und Preetz das dann moderieren.

Das ist natürlich ein für einen Aufsteiger lukratives Luxusproblem. Besser zu viele Spieler, die für die Startelf in Frage kommen, als zu wenig. Ich hoffe, dass die einzelnen Spieler es als Herausforderung empfinden und nicht als blockierende Situation. Gerade in der Offensive rutschen Fußballer gerne mal in ein Formtief, wenn sie nicht das Vertrauen des Trainers spüren. Das ist der Knackpunkt: Schafft es Luhukay, allen den Glauben zu geben, die gleiche Chance auf einen Einsatz zu haben, wird sich der Konkurrenzkampf positiv auswirken. Spielen trotz aller Bekenntnisse immer die gleichen und bleibt dann der Erfolg aus, wird es schwer.

Überangebot kein zwangsläufiges Problem

Was mir beim Luhukay spielen aufgefallen ist: diese Mannschaft ist spannend und vielseitig. Das Überangebot muss nicht zwangsläufig zum Problem werden, wie ich es bisher häufig gesehen haben. Es kann, im Gegenteil, beflügelnd wirken, wenn die Spieler diese Situation annehmen. Wenn sie Enttäuschungen als Chance sehen, statt als Zurückweisung. Es ist die andere Seite der Karte, die ich bisher häufig unbeachtet gelassen habe. Luhukay spielen hat mir die Vorfreude gegeben, die ich zuletzt aus schlechter Erfahrung nicht so recht zulassen wollte.

Die Saison kann beginnen.

This entry was posted in Hertha BSC and tagged , , , , , . Bookmark the permalink. Both comments and trackbacks are currently closed.
  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

    Ich würde mich freuen, deine Meinung zum Artikel zu erfahren. Schreib doch einen Kommentar und diskutiere mit!

    Und bleib auf dem Laufenden: Abonniere neue Beiträge des Hertha BSC Blogs (RSS-Feed / E-Mail)

Ein Kommentar

  1. Schoddie
    Am 4. Juli 2013 um 22:29 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Dein guter Blog lädt ja quasi dazu ein…

    Tor: Kraft
    Abwehr: van den Bergh, Lustenberger, Brooks, Pekarik
    d. Mittelfeld: Kluge, Niemeyer
    o. Mittelfeld: Ben Hatira/Ramos links, Ramos/Ndjeng rechts, Ronny Mitte
    Sturm: Lasogga