Misserfolgsfan – Leidenschaft in Krisenzeiten

Sportliche Krise, finanzielle Krise, personelle Krise, usw. usf. Hertha ist ein Krisen-Club. Na und? Mir doch egal! Ich mag unsere Hertha. Und zwar nicht nur trotzdem, sondern gerade wegen des Misserfolgs! Um Missverständnissen vorzubeugen: Nein, ich bin kein Masochist. Ich freue mich – wie die meisten – über den Erfolg am meisten.

Aber ich habe Hertha leidend lieben gelernt. Also Hertha litt und ich begann zu lieben. Bei mir war es so, dass Fußball und Hertha immer irgendwie nebenbei mitgelaufen sind. Aber Fan? Nein, das wäre zu viel gesagt. Meine Leidenschaft für Hertha BSC wurde erst in der dramatischen Fast-Abstiegs-Saison unter Hans – im Glück – Meyer entfacht. Ich bin also alles andere als ein Erfolgsfan, der nur den Weg ins Stadion fand, weil der Erfolg schon da war. Ganz im Gegenteil: man darf mich mit Fug und Recht als Misserfolgsfan bezeichnen. Wenngleich ich kein Fan des Misserfolgs bin. Das muss man auseinanderhalten.

Dem Schönen, dem Erfolgreichen, dem Eleganten, kurz: dem Star jubeln alle zu. Aber wer bleibt, wenn die Lichter einmal weniger hell scheinen? Wenn die Rechungen nicht mehr bezahlt werden können? Wenn die Stars abhanden gekommen sind und der Erfolg ausbleibt? Dann ist unsere Hertha immer schon ziemlich schnell ziemlich allein gewesen. Und wer ist noch verrückter und kommt erst dann, wenn alle anderen Berliner sich schon wieder abgewendet haben? Der Misserfolgsfan. Es war kurz und heftig. Dann ging ich nach Bielefeld. Aber die Leidenschaft blieb.

Erst der Kampf um die nackte Existenz macht deutlich, welche Qualität ein Bindung hat. Welche Leidenschaft in ihr steckt. Gemeinsames Leiden schafft erst die Basis für den echten Jubel, wenn es wieder besser laufen wird. Und es werden bessere Zeiten kommen. Da können wir uns sicher sein.

Um zum Tagesgeschehen zurück zu kommen: Gibt es für Gegenbauer eine Alternative? Woher soll das Geld kommen, um im Winter neue Spieler zu verpflichten? Wird Hertha noch mehr Zukunft verkaufen? Kommen solche Graupen wie Görlitz, Makaay oder gar Ailton? Ich bin mir sicher, dass Hertha einige falsche Entscheidungen treffen wird. Aber genau deswegen stehen wir ja zu unserem Krisen-Club. Deswegen sprechen wir ja auch von Leidenschaft.

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  • Wer hat das geschrieben?

    Mein Name ist Enno: im Jahre 1982 geborener Berliner, Exil-Herthaner in Bielefeld und Bremen. Seit 2006 schreibe ich im Internet über Hertha BSC. (→mehr)

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17 Kommentare

  1. Sebastian
    Am 5. November 2009 um 10:48 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Love is in the air…Sonntag Stolander? Es könnte der Beginn einer Serie werden…

    • Enno Enno
      Am 5. November 2009 um 10:50 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Ja, Stolander und Serie. Das klingt gut!

      • Sebastian
        Am 5. November 2009 um 11:08 Uhr veröffentlicht | Permalink

        Perfekt! Abgemacht!

  2. Moritz
    Am 5. November 2009 um 11:08 Uhr veröffentlicht | Permalink

    …. schön beschrieben
    und genau darum kann ich einen Bayern „Fan“ nicht ernst nehmen.

  3. Am 5. November 2009 um 12:26 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ersetze Hertha durch viele andere Vereine, dann kannst du den Eintrag bei allen anderen auch online stellen. Also Bochum, Frankfurt, etc. Nicht bei Hoffenheim, Wolfsburg oder Leverkusen. Selbst beim HSV wird es schwierig, weil Misserfolg in anderen Dimensionen berechnet wird.

    Misserfolgsfan finde ich ein gutes Wort.

    • spreemaradona
      Am 5. November 2009 um 12:59 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Bei Hertha kommt jedoch die Abneigung des Rests der Republik erschwerend hinzu. Sei es wegen des Skandalimages oder einer gewissen Mißgunst der Hauptstadt gegenüber. Die Vereine die du aufzählst, können auch außerhalb ihres unmittelbaren Einzugsgebiets Anhänger gewinnen oder werden vom Rest der Republik mit Gleichgültigkeit bedacht. Dies ist bei Hertha nur bedingt der Fall. Wir sind halt nicht nur eine graue Maus, sondern eine verhasste, graue Maus. Und es ist nicht so, dass ich mich daran aufgeile oder gar in Selbstmitleid versinke. Ich begegne dem meinerseits mit Gleichgültigkeit, denn ich habe keine andere Wahl als zu meinem Verein zu stehen.

  4. Kugelblitz
    Am 5. November 2009 um 12:54 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Wieder mal treffend.

    Wir lieben es einfach missgelaunt das Stadion zu verlassen u. zu sagen – Beim nächsten Spiel wird alles besser.

  5. Kugelblitz
    Am 5. November 2009 um 13:15 Uhr veröffentlicht | Permalink

    … Woher soll das Geld kommen, um im Winter neue Spieler zu verpflichten? …

    Ein, zwei Genußscheine sind noch im Angebot u. im nächsten Jahr eine Neuauflage der Anleihe.

    Alles ganz einfach.

  6. Kugelblitz
    Am 5. November 2009 um 13:34 Uhr veröffentlicht | Permalink

    … Kommen solche Graupen wie …, Makaay oder gar …? Ich bin mir sicher, dass Hertha einige falsche Entscheidungen treffen wird. …

    Warum erwähnst Du nicht noch einen anderen Spieler? Sitzt ebenfalls in Holland nur auf der Bank.

    • Enno Enno
      Am 5. November 2009 um 13:40 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Weil ja nun mal bekannt ist, dass der andere Spieler, der in Holland auf der Bank sitzt, keine Graupe ist, sondern die Berliner Erlösung! :-) Ich würde mich tatsächlich freuen, wenn die serbische Diva das Berliner Team wieder verstärken würde. Verrückt, oder?

      P.S.: Kugelblitz, du hast wohl versehentlich deine E-Mail-Adresse in das Feld für die URL eingetragen, sodass sie immer veröffentlicht wird. Ich nehme an, dass das nicht in deinem Interesse war und habe es geändert. Überprüf das bitte beim nächsten Kommentar. Danke.

      • Kugelblitz
        Am 5. November 2009 um 13:43 Uhr veröffentlicht | Permalink

        Verrückt nicht, nur etwas überraschend.

        Danke, für den Hinweis.

  7. Am 5. November 2009 um 13:49 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich halte die weiter oben erwähnte Abneigung der anderen für a) einen grundlegenden Irrtum der Fans aller Klubs („keiner mag uns“) mit die Regel bestätigenden Ausnahmen wie Bremen oder vielleicht mal Unterhaching (?) und b) gerade im Falle von Hertha eher für ein unglaubliches Gelangtweilsein von ihrem Fußball.

    Abneigung, dafür müsste schon irgendwas Besonderes passieren oder passiert sein, was diese begründete. Und das eben ist bei Hertha nicht der Fall.

    • Enno Enno
      Am 5. November 2009 um 13:56 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Ich glaube, dass wir schon von Abneigung sprechen können. Und zwar insofern, dass der Rest der Republik von Herthas Fußball so gelangweilt ist wie von den Vorstellungen, die Bochum, Cottbus oder Frankfurt abliefern. Wir Hertha-Fans erdreisten uns aber, uns als Hauptstädter auf einen besonderen Thron zu stellen und den Fußball der Hertha und uns selbst als das beste zu sehen, was der Welt geschehen konnte. Das geht Schalkern, Bayern–Fans oder Stuttgartern sicher nicht anders. Aber es wird im Falle Berlins zu einer speziellen Form der Abneigung, weil viele ja doch zur Hauptstadt aufblicken. Sei es, dass sie gerne dort wohnen und arbeiten (wollen) oder auch nur beste Erinnerungen an ihre Besuche in der Hauptstadt haben. Jeder liebt Berlin. Aber dann kommt da die graue Maus Hertha und hält sich nur auf Grund ihrer lokalen Platzierung in der Republik für das Größte. Über Schalker/Bremer/Stuttgarter kann man lachen, wenn sie solche einen Anspruch hegen (was wollen die denn?). Über Hertha muss man sich zwangsweise ärgern. Weil sie mit Berlin ja Recht haben, nur mit ihrem Fußball nicht.

      • spreemaradona
        Am 5. November 2009 um 14:08 Uhr veröffentlicht | Permalink

        Dass jeder Berlin liebt, halte ich für eine sehr gewagte These. Es ist doch eher so, dass jeder meint zu wissen wie der Berliner „an sich“ so tickt. Seien es nun die Zugezogenen, welche sich über die vielzitierte Berliner Unfreundlichkeit mokieren oder der Boulevard, der stets ein, in der Anhängerschaft de facto nicht vorhandenes, überzogenes Anspruchsdenken bezüglich der Hertha ausmachen will. Diesen nimmt dann die breite Öffentlichkeit wiederum für bare Münze. Dass wir nicht absteigen wollen, halte ich jedoch für einen legitimen Anspruch.

        • Am 6. November 2009 um 08:28 Uhr veröffentlicht | Permalink

          Als Exil-Berliner ist mir in der Diaspora auch immer eine gewisse Abneigung entgegengebracht worden. Das wurde umso schlimmer, je größer die Provinzstadt wurde, in der ich gelandet bin. In Köln zum Beispiel. Die hatten glaube ich Minderwertigkeitskomplexe. Dabei halten sie ihr Kölle doch für das schönste Fleckchen auf Erden.

          Zum Topic: Ich bin auch Misserfolgsfan, geworden in den langen Jahren 2. Liga in den 1990ern. Sagen wir es so: Ich habe Theo Gries noch spielen sehen, zusammen mit anderen 2499 Verrückten im Olympiastadion. Das prägt.

  8. Oliver
    Am 5. November 2009 um 16:09 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ist Makaay wirklich so schlecht geworden ? Vielleicht kann jemand etwas dazu sagen, der sich auskennt. Mal abgesehen davon, ob sich Makaay das antun würde, fand ich den Gedanken beim ersten Hören gar nicht so schlecht. Und wenn das Bild-Zeitung-Geschmeiß es schreibt, scheint ja etwas dran zu sein. Ich würde Makaay auch noch immer höher bewerten als Pantelic. Genauso einen Stürmer bräuchte Hertha. Was war das in der Saison 2003/2004 unter Hans Mayer für ein Krampf, zuhause ein Tor zu schießen, mit Bobic und Wichniarek. Das hat damals ja erst gegen Dortmund wirklich geklappt. Also, wer weiß mehr? 29 Tore und 11 Vorlagen in 59 Spielen für Rotterdam hören sich gar nicht so schlecht an, der kleine Ramos kann das bestimmt noch nicht schaffen. Wir haben natürlich andere Probleme im Moment, aber über neue Spieler zu schwadronieren, lenkt wenigstens ein bißchen ab

  9. dns
    Am 5. November 2009 um 16:17 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Soweit ich mich umgelesen habe, liegts bei Makaay’s möglicher Aussortierung daran, dass er nicht in das taktische Konzept des aktuellen Trainers passt. Allerdings kann ich nicht von mir behaupten, deiner Anforderung „der sich auskennt“ zu entsprechen. Aber die Ablenkung nehme ich gern mit. :)