Nicht Fisch, nicht Fleisch

Gestern wurde im Olympiastadion lediglich vegetarische Kost aufgetischt. Wer bei der Partie unserer Hertha gegen Hannover 96 ein üppiges Sonntagsmahl erwartet hatte, der wurde enttäuscht. Nach den Abgängen der stürmenden Prachtsteaks Pantelic und Voronin musste Chefkoch Lucien Favre auf vegetarische Vollwertkost setzen. Selbst ein solider Simunic-Fond zur Stabilisierung der Defensive fehlte merklich. Einzig der anerkannte Weißwurstliebhaber Hoeneß wurde nicht vermisst. Berlin wird sich erst an den neuen Speiseplan gewöhnen müssen.

Das Problem des Lucien Favre liegt nun darin, ein bis zwei mal die Woche eine vegetarische Mahlzeit zu zaubern, die nicht nur enthaltsamen Vegetariern mundet, sondern auch diejenigen zufrieden stellt, die eine ordentliche Fleischbeilage erwarten. Das dürfte schwierig werden. Derzeit scheint mir Trainer Favre Gefahr zu laufen, den typischen Fehler von Kantinen-Köchen auf dem Spielfeld zu wiederholen. Es ist ja bekannt, dass vegetarische Menüs in den meisten Kantinen deswegen nicht schmecken, weil die Fleisch-essenden Köche immer in Sorge sind, ihre vegetarischen Kunden könnten nicht satt werden. Also wird vermeintlich fehlendes Fleisch mit reichlich Ei, Sahne oder Käse kompensiert. Das macht zwar satt, aber Hochgenuss sieht sicher anders aus.

Und so repräsentierten in einer vegetarischen Hertha-Elf die Spieler Nicu, Stein, von Bergen und Wichniarek das Übermaß an Käse, Ei und Sahne. Eine uninspirierte und träge Masse hatte Lucien Favre da serviert. Niemand stach heraus, alles ging in einem Brei der Sättigungsbeilagen unter. Als dann auch noch Dardai auf der Speisekarte auftauchte und kurz danach tatsächlich das Spielfeld betrat, schüttelte ich angesichts des Ergebnisses den Kopf. Denn es dauerte ein wenig, bis ich realisierte, dass Dardai nur die Grundlage für einen offensiveren Kacar in einem 4-3-3-Menü bieten sollte. Der junge Serbe erzwang dann folgerichtig das entscheidende Tor des gestrigen Spiels. Erzwungen im Sinne des letzten Bissens, den man runterschlucken muss, obwohl man schon längst satt ist, es sich aber nun einmal gehört, den Teller leer zu machen.

Dabei zeigte gerade die letzte Viertelstunde, dass ein vegetarische Menüfolge durchaus anregend zubereitet werden kann. Lucien Favre sollte dafür auf Zutaten setzen die mehr Feuer versprechen als die genannten Sättigungsbeilagen. Patrick Ebert gehört grundsätzlich in jedes Spiel. Domovchiyski ist mittlerweile sicherlich in der Lage schon im Hauptgang für heraus stechende Geschmacksnoten zu sorgen. Es wird Zeit, dass der junge Bulgare schon vor dem Dessert zum Einsatz kommt.

Vor allem ist Domovchiyski eine echte Alternative zur Tofu-Wurst Wichniarek. Wer das jetzt als böse Beleidigung gegen Wichniarek (oder die Tofu-Wurst) auslegt, liegt vor allem deswegen falsch, weil er das Prinzip der Tofu-Wurst nicht verstanden hat. Denn Wichniarek steht als vegetarische Kompensation für Pantelic und Voronin. Und mit Tofu-Würsten verhält es sich wie mit dem genannten Kantinen-Speisen. Sie wurden von Menschen erfunden, die vegetarische Produkte in Fleisch-Kategorien entwickeln. Die Tofu-Wurst ist deshalb ein grundsätzlicher Konstruktionsfehler, wofür sie selbst wenig kann. Und Wichniarek droht das gleiche Schicksal einer Tofu-Wurst: Wenn man eine Wurst vom Grill bestellt, dann will man Fleisch. Wer stattdessen eine Tofu-Wurst serviert bekommt, ist enttäuscht und ruft schnell nach dem Original. Entsprechend verlangte die Kurve gestern nach Pantelic. Hertha muss Wichniarek als eigenständige Zutat einbauen, das gelang gestern nicht. Er ist nicht die Anspielstation, die Voronin und Pantelic waren. Da sich die Mannschaft auf seinen Stil noch nicht umgestellt hat, muss er noch die Tofu-Wurst geben, die vergeblich versucht den langen Bällen entgegen zu springen. Hoffentlich gelingt ihm bald eine eigenständige Integration, ansonsten sollte er schnellstmöglich gegen Domovchiyski ausgetauscht werden.

Ich würde mich über eine neue, frische und von mir aus auch vegetarische Hertha freuen, die selbstbewusst damit umgeht, gegen die Normalerwartung einer Fleisch-essenden Gesellschaft ein Spiel zu komponieren, das ihr vorhandene Potential so komponiert, dass auch die Liebhaber eines deftigen Steaks nicht nur satt werden, sondern sich über die freche Alternative freuen. Bis dahin müssen wir mit dem gestrigen Menü vorlieb nehmen und uns auf das wichtigste konzentrieren: Von den drei Punkten sind wir alles satt geworden!

Beliebte Beiträge zum Thema:

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Hertha BSC und getagged , , , , , , , , . Bookmarken: Permanent-Link. Kommentieren oder ein Trackback hinterlassen: Trackback-URL.
  • Wer hat das geschrieben?

    Mein Name ist Enno: im Jahre 1982 geborener Berliner, Exil-Herthaner in Bielefeld und Bremen. Seit 2006 schreibe ich im Internet über Hertha BSC. (→mehr)

    Ich würde mich freuen, deine Meinung zum Artikel zu erfahren. Schreib doch einen Kommentar und diskutiere mit!

    Und bleib auf dem Laufenden: Abonniere neue Beiträge des Hertha BSC Blogs (RSS-Feed / E-Mail)

9 Kommentare

  1. Erstellt am 9. August 2009 um 16:47 | Permanent-Link

    Zum Glück bin ich Vegetarier. Tofu schmeckt allerdings nur, wenn richtig gewürzt. Aber das richtige Rezept werden sie schon noch herausfinden.

    PS. Guck nochmal über den Text mit Fokus auf Tippfehler ;-)

    • Erstellt am 9. August 2009 um 16:53 | Permanent-Link

      Jupp, danke für den Hinweis. Ich bin heute etwas Rechtschreib-blind. Sorry.

  2. Anonymous
    Erstellt am 9. August 2009 um 22:26 | Permanent-Link

    Aber Platz 4! Das hätte uns vor der Saison niemand zugetraut!

  3. Daniel
    Erstellt am 9. August 2009 um 22:26 | Permanent-Link

    Das mit dem Gewürz auf der Tofu-Wurst ist mir auch direkt eingefallen. Wenn du die Tofu-Wurst nämlich anständig und kräftig würzt, wird sich der Fleisch-Liebhaber wundern, wie gut sie schmecken kann. Es ist an Trainer Favre das richtige Rezept für diese Würzmischung zu finden. Mir hat das Magermahl von Samstag wegen des hervorragenden Abgangs sehr gemundet. Was vorher war, hab ich schon abgehakt.

  4. Erstellt am 9. August 2009 um 23:14 | Permanent-Link

    Oli Kahn hätte zu dem Spiel gesagt: “Mund abputzen und nach vorne schauen” … egal ob Tofu, Fleisch oder Fisch!

  5. Erstellt am 10. August 2009 um 08:15 | Permanent-Link

    Ja, dann hoffen wir mal, dass Wichniarek eine eigene Geschmacksnote entwickelt und auch als Tofu-Wurst gut ankommt. Eigentlich habe ich ja das Vertrauen in Trainer Favre, dass er die richtige Mischung findet. Aber ich finde, dass Domovchiyski sich als Alternative schon ziemlich aufgedrängt hat.

  6. spreemaradona
    Erstellt am 10. August 2009 um 10:24 | Permanent-Link

    Dardai würde sich selbst wahrscheinlich als ein gutes Glas Rotwein sehen.

  7. PhilF
    Erstellt am 11. August 2009 um 19:38 | Permanent-Link

    Das war erst das erste Spiel. Das allererste Steak gelingt auch nur selten. Also, lasst den Koch mal kochen, dann wird das Hertha-Menü schon bald wieder schmecken…. auch mit Tofu-Wurst.

3 Trackbacks

  1. Von links for 2009-08-10 | Du Gehst Niemals Allein am 10. August 2009 um 14:04

    [...] Nicht Fisch, nicht Fleisch | Hertha BSC Blog "Vor allem ist Domovchiyski eine echte Alternative zur Tofu-Wurst Wichniarek." (tags: hertha wichniarek favre bundesliga0910 analyse) [...]

  2. [...] Nicht Fisch, nicht Fleisch [...]

  3. Von Tiefpunkt, vorläufiger | Hertha BSC Blog am 31. August 2009 um 09:56

    [...] waren jetzt nicht unbedingt die Top-Mannschaften, gegen die Hertha in die Misere geraten ist. Gegen Hannover sah das Team schlecht aus, gegen Gladbach und Bochum verlor das Team auch aufgrund mangelhafter [...]

Ihr Kommentar

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder verteilt.

Mit Abgabe des Kommentars stimmst du den Kommentar-Regeln zu.

Du kannst diese HTML Tags und Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Abonnieren ohne einen Kommentar abzugeben