Räume auf Kleinwagengröße

Die Fassade fiel in sich zusammen wie ein großes altehrwürdiges Hochhaus nach einer Sprengung. Ohne Gnade, ohne Wehmut. Einfach so. Als die eigentlich geheimen Laktaktwerte der Profis von Hertha BSC plötzlich in einer Zeitung auftauchten, die schon in der vergangenen Saison mannschaftsintern eigentlich zu gut informiert war, da war wieder offensichtlich, wie fragil das Gebäude Hertha in dieser Saison eigentlich ist.

Favre und Skibbe scheiterten an der Psychologie

Mannschaftspsychologie ist ein komplexes Feld mit vielen unterschiedlichen und voneinander abhängigen Variablen. Sie zu beherrschen ist für einen Trainer mindestens genauso wichtig, wie die Vermittlung der eigenen taktischen Vorstellungen. Lucien Favre ist daran in Berlin gescheitert. Michael Skibbe später auch. Und Jos Luhukay? Wird diese Prüfung erst noch ablegen müssen. Denn ein erfolgreiches Zweitligajahr souverän mit dem Aufstieg abzuschließen ist eben keine große Prüfung für ein Mannschaftsgefüge. Den Charakter einer Mannschaft erkennt man erst bei Misserfolg.

Nun ist Hertha noch weit von der ersten Ergebniskrise entfernt, was vor allem damit zusammenhängt, dass die Saison noch nicht begonnen hat und die Gegner in der Vorbereitung von den Herthanern nicht mehr als das Niveau eines Trainingsspielchens verlangen. Aber dass Ronnys Laktatwerte dramatisch schlecht sind – und diese Information an die Öffentlichkeit gelangte – ist ein erstes Warnsignal. Da will jemand Druck ausüben, auf Ronny, aber auch auf Jos Luhukay (an die These, dass Luhukay selbst oder gar Michael Preetz die Info weitergegeben hat, glaube ich nicht). Fakt ist: Die Geschichte wird wieder ausgepackt, wenn Ronny drei Spiele hintereinander wirkungslos über den Platz schlurft. Das ist in der zweiten Liga auch mal vorgekommen, gewonnen wurde trotzdem, danach sprach niemand mehr von dem schwachen Spiel des Brasilianers. Eine Etage höher wird Hertha Ronnys Individualität wöchentlich benötigen.

Auf dem Platz und daneben

Ist diese Mannschaft erstligareif? Diese Frage wird uns durch die Saison begleiten und sie wird nicht nur auf dem Platz entschieden, sondern auch daneben. Wie reagiert dieses Gefüge auf Misserfolge? Wird die Wut dann auch einfach heruntergeschluckt? Oder ganz schnell auf Angriff geschaltet? Klar, es gibt diese eingeschworene Truppe um Peter Niemeyer und Thomas Kraft, die in Düsseldorf durch die Hölle gegangen ist. Aber alle, die danach dazukamen, können da nicht mehr mitreden und sind sich im Zweifel selbst am nächsten.

Es wird viel auf den Trainer ankommen, aber es wird auch sehr viel mehr als bisher auf den Manager ankommen. Michael Preetz hat in Berlin nicht den besten Ruf. Aber man kann ihm nicht nachsagen, dass er nichts aus seinen Fehlern lernen würde. Vieles, was derzeit bei Hertha passiert, kann man nur als vorbildlich bezeichnen. Die Vertragsverlängerungen mit Ronny und Brooks, die vier Neuzugänge, die neuen und alten Sponsoren, die ausgeglichenen Ticketpreise für Gästefans. Da ist viel dabei, was unter Dieter Hoeneß so nicht möglich gewesen wäre. Aber wie Preetz reagiert, wenn in den kommenden Monaten jemand ausschert (und das wird passieren), darauf wird es ankommen.

Taktik für jede Liga

Der Trainer scheint jedenfalls den Weg vorzugeben. Denn bei der Frage, ob diese Mannschaft erstligareif ist, muss man zwangsläufig das Zweitligajahr vergessen. Luhukay hat im Aufstiegsjahr eine Zweitliga-Taktik vorgegeben. Nun trainiert er eine für die erste ein. Die Räume, die in der zweiten Liga teilweise groß wie Turnhallen waren, sollen in der ersten auf Kleinwagengröße schrumpfen. Das wird gegen Bayern und Dortmund vermutlich trotzdem nicht reichen. Aber für die drei, vier, fünf Teams, die Hertha hinter sich lassen muss, schon.

Luhukay baut weiter am Fundament eines weiterhin fragilen Gebäudes namens Hertha. Wenn die Saison beginnt, soll es einen Sturm überstehen können. Wenn die Spieler nicht an den Säulen sägen, kann das was werden.

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  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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2 Kommentare

  1. Enno
    Am 3. Juli 2013 um 13:36 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Als (beruhigende) Relativierung möchte ich aber gerne noch hinzufügen, dass Luhukay zu Beginn der Zweitliga-Saison einiges richtig machte, als es eben auch nicht gut lief (schleppender Start in der Liga, frühes Pokal-Aus). Er inszenierte einen öffentlichen Wutanfall, den man von ihm bis dato nicht kannte und ihm auch nicht zutraute. Das verschaffte ihm intern und offensichtlich auch extern die nötige Autorität für die strategische Führung der Mannschaft.

    Hinzu kommt, dass Luhukay mit Augsburg vor zwei Jahren nach zwei guten Spielen extrem schlecht in die Saison gestartet war (http://www.kicker.de/news/fussball/bundesliga/vereine/1-bundesliga/2011-12/fc-augsburg-91/chart-saisonvergleich.html). Es war ihm aber möglich, seine Linie durchzuziehen und die Saison mit dem Klassenerhalt erfolgreich abzuschließen. Sicher ist das ein anderes Umfeld in Augsburg. In Berlin wird er viel schneller am Pranger stehen. Aber die Mannschaft ist ihm in Augsburg auch in Zeiten des Misserfolgs gefolgt.

    Insofern gibt es berechtigte Hoffnungen, dass Luhukay auch einen schlechten Start moderieren kann. Das Gegenbeispiel wäre übrigens Luhukays Zeit in Gladbach. Dort ist er nach dem Aufstieg und einem ähnlich schleppenden Start ziemlich schnell vom Hof gejagt worden. Man kann nur hoffen, dass er aus dieser Situation die richtigen Schlüsse gezogen hat.

    Denn es ist einfach zu erwarten, dass auch Hertha schleppen in die Saison starten wird. Das scheint einfach typisch für Luhukay zu sein. Und dann stellt sich halt die Frage, wie schnell das Pulverfass in Berlin zu zündeln beginnt. Hier ist Preetz gefordert, dessen Vertrag zwar verlängert wurde, dessen Schicksal aber immer noch stark an Luhukay hängt. Eine weitere Chaos-Saison wie vor zwei Jahren wird Preetz ebenfalls den Job kosten. Insofern wird er vermutlich alles tun, um Luhukay so lange wie möglich – ggf. auch gegen Widerstände – zu halten.

    • Daniel
      Am 3. Juli 2013 um 22:53 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Luhukay ist ja, um ehrlich zu sein, alles was wir haben. Wenn er nicht funktioniert oder (Gott bewahre) plötzlich aus welchen Grünen auch immer hinschmeißt, geht das Chaos von vorne los. Es muss vieles, am besten natürlich alles passen, aber ein, zwei Fehler durfte man sich in der Bundesliga zuletzt eigentlich immer erlauben.