Ronnymagie 2012

Die Aufregung war groß in dieser 82. Minute des Zweitliga-Duells zwischen Hertha BSC und dem FSV Frankfurt. Fehlentscheidung, schrien die einen, Gelbe Karte, die anderen. Die Gäste aus Frankfurt wussten natürlich, so ein Freistoß aus halbrechter Position birgt Gefahr. Gerade gegen Hertha. Wegen Ronny.

Ronny allerdings war in dieser 82. Minute die unauffälligste Person auf dem gesamten Spielfeld. Er schlich sich unter dem Aufmerksamkeitsradar der Frankfurter zum Ball, stoppte ihn kurz mit der Hand und schob ihn dann gefühlvoll in den Strafraum. Kein Hammer, kein Schlenzer – ein simpler Pass des Brasilianers über knapp fünf Meter sollte dieses Spiel kippen lassen. Pässe über fünf Meter – mit so etwas gibt sich Ronny eigentlich überhaupt nicht ab.

Gut für sein Team, dass er es diesmal doch tat. Ronny nahm nämlich die Aufforderung von Mannschaftskollege Marcel Ndjeng an, schob ihm den Ball in den Lauf und Ndjeng – von den Frankfurtern noch weniger beachtet, als Ronny – erzielte den 1:1-Ausgleich.

Dabei hatten sich viele ja zwischenzeitlich schon gefragt, ob Jos Luhukay in vorweihnachtlicher Geschenkelaune auch die Punkte nach Frankfurt schieben wollte. Erst brachte er als Reaktion auf den 0:1-Rückstand den 17-Jährigen Hany Mukhtar. Dann, als wäre die Mannschaft noch nicht genügend verjüngt worden, wechselte er den 20-jährigen Elias Kachunga ein. Sollten die jungen Jungs etwa die Wende bringen?

Tatsächlich führten die Wechsel zu etwas Unruhe in den Reihen der Gäste, aber aufmerksame Beobachter meiner Twitter-Timeline wissen: Erst wenn der Coach endlich mehr Sandro wagt, wird das auch was mit den Toren. Den Freistoß, der zum Ausgleich führte, holte jedenfalls der kurz zuvor eingewechselte Wagner heraus. Ich bin Fan.

Doch es waren ja noch gut acht Minuten zu spielen und auch wenn die Frankfurter ernsthafte Begehlichkeiten anzumelden schienen, so war doch eigentlich klar, wer dieses so erfolgreiche zweite Halbjahr für Hertha BSC mit einem Erfolg abschließen würde. Den wichtigsten Zweikampf gewann der starke Fabian Lustenberger, der kurz nach dem Ballgewinn plötzlich am gegnerischen Strafraum auftauchte, in den Rückraum passte und dann – dann kam Ronny!

Wie der Ball sich von seinem linken Fuß löste, wie mit einem dünnen Pinsel gemalt auf den Rasen des Olympiastadions, nur ein Lineal zur Hilfe genommen und wie sich dann das Netz ausbeulte, als hätte es die ganze Zeit nur darauf gewartet, endlich von einem Ronny-Schuss berührt zu werden – das war Ronnymagie 2012.

Die Entwicklung des einst als Bruder-Buddy von Raffael (die Älteren werden sich erinnern) geholten, ist einer der Erfolgsgaranten dieser Hinrunde gewesen. Wo Ronny war, fielen nicht selten die entscheidenden Tore. Neun erzielte er selbst, vier bereitete er vor. Es ist natürlich eine hypothetische Behauptung, aber ohne Ronny hätte Hertha mit Sicherheit nicht so geruhsame Weihnachten, wie es aktuell der Fall ist. Trotz des oft als “Tafelsilber” bezeichneten Adrian Ramos: Ronny ist der Spieler dieser Hinrunde und ein (im Fall von Ramos kolportierter) Abgang des Brasilianers würde Hertha deutlich mehr wehtun, als der des Kolumbianers.

Hertha hat in der ersten Hälfte dieser Saison mit ein, zwei Ausnahmen keine Gegner an die Wand gespielt. Das war grundsolider, auf harter Defensivarbeit und den Geistesblitzen der Individualisten ausgelegter Erfolgsfußball. Sieben Mal ging Hertha nur durch ein Tor mehr als Sieger vom Platz. Anfangs (und gelegentlich kommt dieser Gedanke auch noch mal auf) hätte man denken können, da sei aber viel Glück dabei. Andererseits ist Hertha da mittlerweile als Serientäter unterwegs – und dann kann man schon von System sprechen. Für meine in den letzten Jahren sehr strapazierten Nerven wäre es – man kann es ja mal versuchen – aber nett, wenn in der Rückrunde ganz Weihnachtsmann-mäßig der Sack das eine oder andere Mal früher zu gemacht würde.

Um das ganz klar zu sagen: Ich beschwere mich nicht über 1:0-Siege in Paderborn. Ich liebe das. Nach dem Spiel! Währenddessen ist es die Hölle.

Ich gebe auch zu, ich habe oft gemeckert in dieser Saison. Über dumme Unentschieden. Oder diese eine Niederlage. Über verschenkte Punkte halt. Doch nachdem heute das letzte Heimspiel in diesem Jahr über die Bühne gegangen war und ich das Ergebnis auf meinem Smartphone las, da gab es nur ein Gefühl, das ich aktuell mit der sportlichen Situation von Hertha (die Finanzen lassen wir so kurz vor Weihnachten einfach mal außen vor) verbinde: Große Zufriedenheit.

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2 Kommentare

  1. Analog Berliner
    Erstellt am 17. Dezember 2012 um 00:38 | Permanent-Link

    Ich fühlte mich schon an Raffael erinnert. Der hat letzt Saison gegen Stuttgart auch viele Fehler drin gehabt … und das Spiel dann entschieden!
    Es ist nun alles auf gutem Weg, nur bin ich irgendwie skeptisch, dass das für Liga 1 reichen würde. Na gut, muss es im Moment ja auch nicht. Lasst Luhukay mal weiter arbeiten!

    • Turma Lipsia
      Erstellt am 22. Dezember 2012 um 02:49 | Permanent-Link

      Da hast du ganz recht: “[...] muss es im Moment ja auch nicht.”
      Ich finde, die Truppe macht einen sehr guten Eindruck. Sie gewinnt ihre Spiele, auch wenn es nach dem Spielverlauf nicht unbedingt immer hätte so sein müssen. Aber egal: Sie erzwingen es. Und wenn JL weiter so arbeitet, glaube ich wirklich, dass sie aufsteigen werden und dann auch – mit der ein oder anderen personellen Verstärkung – die Klasse halten könnten. Aber das ist ja im Moment noch in weiter Ferne … weiter so, dann können (und dürfen) wir uns darüber den Kopf zerbrechen.

      Ha Ho He
      Marcel

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