Serben und Langhaarige

Michael Preetz sah man das verlorene Gewicht an seiner Miene an. Die Steine, die ihm nach dem 3:1-Erfolg gegen Bröndby IF vom Herzen gefallen waren, hatten Spuren hinterlassen. Preetz strahlte. Oder besser: Er versuchte es. Denn der Manager von Hertha BSC hat sich mittlerweile ein beachtliches Leidensgesicht zugelegt, das immer dann zum Einsatz kommt, wenn er auf die finanzielle Situation des Klubs angesprochen wird.

Natürlich nutzten seine beiden ehemaligen Teamkollegen Axel Kruse und Thomas Helmer die gelöste Situation nach dem 3:1-Erfolg gegen Bröndby IF, um Preetz nach dem neuen Stürmer zu fragen, der mittlerweile in Berlin so sehnsüchtig erwartet wird, wie ein Jobangebot aus der Bundesliga von Lothar Matthäus. Doch der Nachfolger von Dieter Hoeneß meisterte die Situation gewohnt langweilig souverän. Ja, Adrian Ramos sei eine Option. Ja, die Qualifikation für die Europa-League-Gruppenphase erweitere die Möglichkeiten. Nein, es gebe noch keine Einigung. Mehr sagte Preetz trotz des Hundeblicks von Axel Kruse nicht. Die Zeiten von medienwirksamen Inszenierungen außerhalb des Platzes sind bei Hertha BSC vorbei.

Dabei wären die 14.000 Zuschauer im Jahnsportpark und die paar vor den Bildschirmen, die nach den ersten 70 Minuten noch nicht abgeschaltet hatten, froh gewesen, über jede Art von Inszenierung auf oder neben dem Rasen. Das, was ihnen die Berliner bis dahin boten, erinnerte einfach zu sehr an schlimme Zeiten, die sie nach einer erfolgreichen Saison mit der haarscharf verpassten Champions-League-Qualifikation doch längst überwunden wähnten. Aber das hier war ja auch nicht die Champions-, sondern die Europa-League. Qualifikation. Dieses Gebilde, das früher mal Uefa-Cup hieß und von Franz Beckenbauer als „Cup der Verlierer“ bezeichnet wurde. Ein passender Name für einen Wettbewerb, in dem Hertha gefühlt bisher immer nur verloren hatte – aber erlebt ja irgendwie auch.

Und nun führte der Gegner schon wieder. Zwar hatte er nur ein Tor erzielt. Aber weil Hertha dem in beiden Duellen nie Angst einflößenden Team aus Kopenhagen im Hinspiel zwei Tore geschenkt und selbst nur eines erzielt hatte, brauchten Kacar und Co. nun sogar schon drei Treffer. Dazu muss man wissen, dass Tore in dieser Saison nicht unbedingt das sind, was die Berliner schon beim Gedanken daran in Verzückung versetzt. Eher hatte man das Gefühl, sie würden schon beim Anblick dieser rechteckigen Kästen mit den Netzen vor Ehrfurcht den Ball absichtlich daran vorbei schießen. Tore bei Hertha? Schießen und schossen bisher immer nur Serben oder Männer mit langen Haaren (oder eben beidem).

Es fehlten also drei dieser abartigen Zählkonstrukte, die den Fußball so faszinierend machen und für die eigentlich eigens dafür ausgebildete Stürmer zuständig sind. Bei Hertha zählen zu dieser Kategorie Artur Wichniarek und Valery Domovchiyski. Lukasz Piszczek wurde auch mal als solcher verpflichtet, ließ sich aber aufgrund zu großer Konkurrenz (Serben und Langhaarige) auf Rechtsverteidiger umschulen. Beim Stande von 0:1 also, hatte Hertha-Coach Favre eine antizyklische Idee. Wenn sein Team schon mit Stürmern keine Tore erzielte, konnte er es genauso gut mal ohne versuchen. Also wechselte er erst Domovchiyski für Rechtsverteidiger Piszczek aus und nahm kurze Zeit später auch den angeschlagenen Wichniarek vom Platz. Es gibt wohl nicht viele, die in dieser Phase des Spiels noch ihre Mutter oder auch nur einen Zehnagel derselben auf die Blau-Weißen gesetzt hätten.

In Stuttgart rieb sich Horst Heldt derweil die Hände. Eine nicht europäisch spielende Hertha hatte im Gegensatz zu seinem Champions-League-VfB den Sex-Appeal einer abgelaufenen Essiggurke. Hervorragende Aussichten für einen Vertragspoker mit Gojko Kacar. Am Mittwoch nach dem – den Einzug in die Champions League bedeutenden – 0:0 gegen Timisoara hatte Heldt vor laufenden Kameras erklärt, dass der VfB noch den einen oder anderen Transfer nachlegen werde – und es dabei auch vorkommen könne, dass man Spieler verpflichte, die in der laufenden Spielzeit schon europäisch gespielt hatten. Doch gerade als Heldt begann, sich vorzustellen, wie er Kacar in einer Woche der Stuttgarter Presse vorstellen würde, jubelte eben jener im Jahnsportpark und malte dabei mit seinen Händen ein imaginäres Herz um das Hertha-Logo auf seiner Brust.

Der Serbe (natürlich) hatte soeben den Ausgleich erzielt und war in die Hertha-Kurve gerannt. Wenn Hertha das Spiel nicht noch gedreht hätte, würde hier vielleicht von einem Abschiedsgruß die Rede sein. Doch weil kurz danach zunächst Pal Dardai gegen die Regeln verstieß (ein Ungar!) und schließlich Kacar selbst dafür sorgte, dass er auch mit einem blau-weißen Trikot in der laufenden Saison unter der Woche spielen darf, kann die Geste als Treuebekundung zu seinem aktuellen Verein gedeutet werden. Kacar wird in Berlin bleiben. Zumindest bis zur Winterpause.

Denn wenn er so weiter macht, werden schon bald andere Vereine bei Hertha anklopfen, als der neureiche aus Stuttgart. Vielleicht sorgt Gojko Kacar ja dafür, dass Michael Preetz beim Thema Finanzen schon bald nicht mehr sein Leidensgesicht aufsetzen muss. Bis es soweit ist, bereitet Kacar ihm und den Fans auf eine andere Art Freude: Durch seine Leistungen auf dem Platz.

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    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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8 Kommentare

  1. Am 28. August 2009 um 07:40 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich hab gestern erst zur 60. einschalten können. Hab das Ergebnis gesehen und alles für normal befunden, so wie eigentlich immer in den letzten Jahren. Und plötzlich war da ne Mannschaft, die – Achtung Phrasenschwein – eine „Reaktion gezeigt“ hat, die mit Pressing und Laufbereitschaft irgendwie noch versucht hat, das „Ding zu drehen“. Es ist schon klar, dass eine Mannschaft nach dem Abgang ihrer beiden nennenswerten Stürmer und des Innenverteidigers nicht einfach so weiter an die Bundesligaspitze stürmt, wie letzte Saison. Aber die Moral dieser Hertha ist etwas, das in den letzten Jahren nicht gerade eine Berliner Spezialität war.

    Und jetzt möchte ich gern, dass unser residenter Favre-Basher, mir erklärt, warum das alles nicht die Handschrift vom „Käsefresser“ trägt. Hertha braucht dringend noch einen Stürmer (die Grundlage für eine Verpflichtung wurde gestern gelegt), weil man nicht alle Spiele in so einem Kraftakt lösen kann – aber in einer Viertelstunde so ein Spiel auch ohne Stürmer noch zu drehen hat eben auch etwas mit dem Trainer und dem unter ihm geformten Teamgeist und Selbstbewusstsein zu tun. Nicht die schlechteste Ausgangsposition.

  2. Enno Enno
    Am 28. August 2009 um 08:51 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Gestern stand ja nicht nur das Spiel auf der Kippe, sondern fast schon die gesamte Saison. Die Kritiker hätten sich bestätigt gesehen, und darauf gepocht, dass Hertha nur gegen den Abstieg spielen würde. Es hätte ohne weiteres eine Negativspirale geben können.

    Man darf schon beeindruckt sein, wenn man das Spiel gegen Bröndby mit der Partie in Bochum vergleicht. Gestern stimmte die Einstellung und es darf gehofft werden, dass damit der Grundstein für eine erfolgreiche Saison gelegt wurde. Ich bin gespannt!

    Und wenn tatsächlich ein Kolumbianer verpflichtet wird, kann man nur hoffen, dass er wenigstens lange Haare hat oder eine serbische Uroma vorzuweisen hat. Das dürfte beim Tore-Schießen ungemein hilfreich sein. Klasse Text, Daniel!

  3. Jonas
    Am 28. August 2009 um 10:31 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Großes Lob für den Text, insbesondere für die „antizyklische Idee“ – großes Kino!

    Ich wollte Favre gestern für seine Auswechslungen den Kopf abreissen. Ich habe in meinen Emotionen nicht verstanden, dass es Sinn macht, das Mittelfeld zu stärken und dass man einen Kacar und Piszeck auch nach ganz vorne Packen kann. Ich habe nicht verstanden, dass in einer solchen Situation des Anrennens der zweite Ball besonders wichtig ist. Und ich habe völlig vergessen, dass Favre ein Trainer-Genie ist.

    Hertha hat gestern Charakter gezeigt und obwohl ich das gestern in der 60. Minute noch ganz anders gesehen habe : Hertha hat gut gespielt! Das Spiel macht dann doch Hoffnung.

  4. sehnsuchtberlin
    Am 28. August 2009 um 11:03 Uhr veröffentlicht | Permalink

    als das spiel begann dachte ich mir, mensch das könnte wirklich was werden, nur tauchte auch wieder die alte schwäche auf, mann nimmt das spiel in die hand, erarbeitet sich chancen und nutzt sie einfach nicht und plötzlich taucht der gegner auf und weiss gleich wo das tor ist. da hab ich schon gedacht das wars und dann die auswechselung, ich dachte ich bin im falschen film.
    in dem moment hab ich das erste mal wirklich gezweifelt ob favre wirklich weiss was er da tut aber gut seid er da is, hat er immer für überraschungen gesorgt und meist mit erfolg.

  5. Gerd
    Am 28. August 2009 um 13:32 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Zum gestrigen Spiel kann ich sagen, daß mir die ersten 5 Minuten gut gefallen haben. Nach der ersten Halbzeit war ich drauf und dran den Kanal zu wechseln, denn was ich bis dahin gesehen habe erinnerte mich doch sehr stark an die „alte“ Hertha. Passiv, lustlos und für ein Tor 100 Chancen. Selbst nach dem 0:1 (was für mich eindeutig abseits war) kam kein Aufbäumen.
    Zum Glück habe ich weiter geschaut. Die letzte Viertelstunde hat dann entschädigt (aber auch nur dank Ebert und Kacar). Auf jeden Fall sehe ich auch in der laufenden Saison (auch wenn sie noch sehr jung ist) schwarz und ich befürchte, daß wir gegen den Abstieg spielen. Denn von der Leistung her (Hannover!!!!) müssten wir eigentlich mit 0 Punkten ganz unten stehen. Zu Artur Wichniarek möchte ich mich eigentlich nicht noch mal ausführlich äussern-meine Befürchtungen zu ihm haben sich bestätigt. Ich verstehe nur nicht, wie man zweimal denselben Fehler machen kann, so einen Mann zu verpflichten.
    Gruss Gerd

  6. Morix
    Am 28. August 2009 um 16:26 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Bei Hertha Inside hat ein User so ziemlich genau das beschrieben, wie es mir und ich denke so manch anderen im Stadion erging.

    http://www.hertha-inside.de/forum/viewtopic.php?p=560262#p560262

    Wir sind danach dann auch noch in den Pratergarten gegangen und haben glückselig ein Kristall getrunken, selbst das ich meinen Schal verstecken musste konnte meine Laune nicht mehr trüben. (Zitat großer breiter Mann am Eingang vom Prater: Kannst du den Schal abmachen, wir wollen hier eigentlich keine Fußballfans)

  7. spreekicker
    Am 28. August 2009 um 16:52 Uhr veröffentlicht | Permalink

    @gerd finde deine worte etwas zu hart. die alte hertha aus dem letzten jahr war doch alles andere als ineffizient. und hertha hatte gesetern auch bis zum 1:1 deutlich mehr klare chancen erarbeitet, weshalb sie eigentlich nicht passiv war. hannover war nicht das gelbe vom ei, aber gegen gladbach war auch ein remis drinn. ist halt fußball.

    was ich favre dem taktikfuchs raten würde, ist nur noch mit einem stürmer zu spielen der aus einem torgefährlichen 5 mann starkem mittelfeld bedient wird. klappts es nicht, kann kacar schnell nach vorne beordert werden. das meine ich vor allem unter berücksichtigung der aktuellen sturmalternativen. also so ähnlich wie gestern dann am ende, bloß halt von anfang an. was haltet ihr davon?

  8. Daniel
    Am 28. August 2009 um 16:59 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich halte mich mit meinem Rat an Favre zurück, weil er es – wie gestern bewiesen – eh besser weiß ;)

    Wichtig ist, dass das Mittelfeld entweder vorne eine Anspielstation hat, die zum Doppelpass fähig ist (einen so genannten Wandspieler) oder die Dinger einfach selbst reinmacht. Beides konnte bisher kein Stürmer wirklich zeigen. Technisch hätte den Wandspieler am ehesten Piszczek drauf, aber da fehlts vielleicht am Körper (wobei Eto’o von Barca auch kein Bulle ist).

    Vielleicht ist das ja Ramos…mal gucken.

Ein Trackback

  • Von Alles wird besser werden | Hertha BSC Blog am 7. November 2009 um 12:02 Uhr veröffentlicht

    […] Euphorie wieder einer bösen Vorahnung, denn mir fallen immer mehr Parallelen zum Rückspiel gegen Bröndby auf. Auch da drehten wir ein verloren geglaubtes Endspiel nach einem Rückstand, erzielten drei […]