So sehen Kapitäne aus

Der von mir in den letzten Monaten rund um Hertha-Spiele am häufigsten geäußerte Satz dürfte dieser sein: „Mir tut der Thomas Kraft leid.“ Kriegt ständig die Hütte voll, kann aber selber am wenigsten dafür. Er muss sich jede Woche anschauen, wie seine Vordermänner Harakiri veranstalten und ihn immer wieder im Stich lassen. Hinzu kommt, dass er als Torhüter per Definition nur hinten drin steht und damit am (oft lustlos wirkenden) Spiel der Mannschaft nichts ändern kann. Wie so viele andere (Trainer, Fans, Manager etc.) kann auch er die Tore nicht schießen. Nun kenne ich mich nicht in der Psyche eines Torwarts aus, doch die Hertha-Fans in meinem Freundeskreis und ich sind uns einig: Wir hätten richtig die Schnauze voll. Und ich habe immer wieder gesagt, wie sehr ich es verstehen könnte, wenn der Junge sich total frustriert im Sommer sofort vom Acker machen würde. Ich könnte es ihm nicht mal verübeln.

Und dann kippte ich gestern fast aus den Latschen, als ich las: „Kraft bekennt sich zu Hertha BSC“. Egal, was passiert, er bleibe in Berlin. Unser seit Monaten bester Spieler, der Herthaner der Hinrunde, der sicherlich keine Probleme hätte, einen anderen (besseren) Verein zu finden, möchte auch im Falle des Abstieg bei Hertha bleiben. Ich bin ja ein skeptischer Mensch. Deshalb glaube ich sowas erst, wenn ich es sehe. Aber wenn Kraft zu seinem Wort steht – und ganz ehrlich: ich halte ihn nicht für einen Typen, der das nicht tut – dann weiß ich gar nicht wohin mit meiner Begeisterung.

Thomas Kraft hat sich diese Saison in die Top 3 meiner Lieblingsherthaner gespielt. Das hat er als hervorragender Torhüter (kleine Wackler, vor allem zu Beginn der Saison, seien ihm verziehen) und als Typ, der auf dem Platz auch mal den Mund aufmacht, geschafft. Er ist nicht umsonst von den Fans zum Herthaner der Hinrunde gewählt worden. Er ist der einzige der Ex-Bayern, der mich noch nicht enttäuscht hat. Ganz im Gegenteil: Thomas Kraft hat uns einige Punkte gerettet und ist eine Persönlichkeit auf dem Platz. Allein das Spiel in Leverkusen vor ein paar Wochen ist exemplarisch dafür. Erst hielt er bravourös den Elfmeter von Rolfes, dann stürmte er kurz darauf auf Tunay Torun zu, um ihn wach zu rütteln. Torun schoss danach zwei Tore. Kraft ist für mich ein Musterprofi, der trotz allem seine Leistung bringt und nicht mit dem Boulevard im Bett liegt. Ich bin mir sicher, dass er intern Dinge anspricht. Außerdem wirkt er sympathisch und bodenständig. Es ist schön, dass wenigstens einer der Sommertransfers Gold wert ist. Das ist eine Sache, die man Preetz/Babbel anrechnen kann. Und ich weiß zwar nicht, wie groß Preetz‘ Anteil daran ist, dass Kraft bleibt, aber auch hier sammelt der Manager ein paar Pluspunkte. Er kann sie gebrauchen.

Dass Kraft sich ausgerechnet jetzt zu Hertha bekennt, finde ich auch stark. Er stellt sich nicht nur hin und gibt das typische Statement ab („Ich bin überzeugt davon, dass wir die Klasse halten.“), sondern kommt mit so einer positiven Überraschung. Thomas Kraft könnte der erste Baustein einer neuen Hertha-Mannschaft sein. Gebt dem Mann nächstes Jahr die Kapitänsbinde!

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  • Wer hat das geschrieben?

    Ich bin Maria, Jahrgang 1988, geborene Sächsin. Seit Herbst 2008 wohne ich in Berlin, wo Hertha mich eingefangen hat. Vorher war ich nämlich vereinsloser Fußballfan. Mittlerweile bin ich Hertha-Mitglied und habe eine Dauerkarte für die Ostkurve. Als großer Sport- und Berlin-Fan gehe ich auch ab und zu fremd bei den Füchsen, Eisbären, ALBA etc. Vor meiner Zeit als Autorin beim Hertha BSC Blog bin ich schon regelmäßig auf verschiedenen Hertha-Blogs als Leserin und Kommentatorin unterwegs gewesen. Denn ich schätze die Fanmeinungen der Autoren und Leser sowie die allgemeine Atmosphäre. Ihr findet mich auch bei Twitter unter @Maria_Berlin, wo ich immer offen für Diskussionen bin.

10 Kommentare

  1. dns
    Am 3. Mai 2012 um 20:45 Uhr veröffentlicht | Permalink

    stark

  2. Daniel
    Am 4. Mai 2012 um 08:45 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Die Forderung würde ich unterschreiben. Vor allem weil es vier Worte waren, die Kraft in dieser Saison am häufigsten gesagt haben dürfte, nämlich: „Leck mich am Arsch“, manchmal noch garniert mit einem „dooooooo!“.

    Ich kenne die Psyche von Torhüter ein bisschen (da ich selbst einer bin). Da man das Spiel der Mannschaft eh nur minimal beeinflussen kann – denn Tore müssen die da vorne ja selbst erzielen – kann man sich irgendwann schon damit abfinden, dass einem ständig die Bälle um die Ohren fliegen. Das klingt vielleicht makaber und wenn nicht irgendwann die Wende kommt, wird es wahrscheinlich wirklich frustrierend, aber ich glaube, dass das einem Verrückten wie Kraft sogar Spaß machen kann. Vor allem, wenn du merkst: An dir liegt es nicht. Wenn man ein Video von Krafts Paraden in dieser Saison zusammenschneiden würde, könnte man daraus einen Kinofilm machen, so viel Material hätte man.

    Ich hoffe jedenfalls auch, dass er zu seinem Wort steht und auch nächste Saison bei uns spielt. Wie gesagt gerne als Kapitän.

  3. Süven
    Am 4. Mai 2012 um 11:40 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Toll! Per Option verlängert, kriegt im Abstiegsfall sein 1. Liga-Gehalt von ca. 1Mio weiter, ich bin total begeistert…und vielleicht funktioniert das mit der Strafraumbeherrschung, der Spieleröffnung, dem Einleiten der Konter dann endlich, da hat er ja schon jetzt ordentliches Zweitliganiveau…ist schon ein paar Freudensprünge wert!

  4. mdler
    Am 4. Mai 2012 um 11:41 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ein absolut positives Zeichen in diesen unruhigen Tagen.
    Thomas Kraft hat ohne Kapitänsbinde gute bis sehr gute Leistungen abgeliefert und sich so sein Standing in der Mannschaft und bei den Fans erarbeitet. Deshalb benötigt er die nicht.

  5. Am 4. Mai 2012 um 12:59 Uhr veröffentlicht | Permalink

    hm. ein Vertrag zu erstligabezügen in der zweiten…. das kommt mir irgendwie verdammt bekannt vor. bei aller Freude frage ich mich wie lange die Finanzierung des Vereins noch gut geht.

  6. Am 4. Mai 2012 um 13:22 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Mit dem finanziellen Kram kenne ich mich nicht aus. Und wie die Verträge der Spieler aussehen, weiß ich erst recht nicht. Deshalb rede ich nur vom Sportlichen. Und Kraft da so runter zu machen, ist doch Schwachsinn. Er ist ein toller Torhüter, der sich noch entwickelt. Spieleröffnung, Konter… Dafür müssten die Spieler auch mal so laufen, dass der Torhüter weiß, wohin mit dem Ball.

  7. Schwachsinniger
    Am 4. Mai 2012 um 13:58 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Liebe Maria, ich teile deine Einschätzung der sportlichen Qualitäten von Thomas Kraft in weiten Teilen nicht. Auf der Linie stark, thats it. Meine Einschätzung halt. Sein sonstiges Können reicht bestimmt gut für die 2. Liga, ne Mio Gehalt empfinde ich allerdings deutlich zu hoch dafür. Und bei der vertraglichen Situation find ich auch sein „Bekenntnis“ zu Hertha nicht so wirklich heroisch. Welchen anderen Erstligastammplatz hat er denn dafür ausgeschlagen? Ich wüsste keinen..schöne Grüße Süven

    • Am 4. Mai 2012 um 14:00 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Ja, deine Meinung kannst du ja behalten. Schön, dass der Meckerherthaner nicht ausstirbt. Meine Meinung sieht wie gesagt anders aus.

  8. Süven
    Am 4. Mai 2012 um 14:12 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Am liebsten bin ich Jubel- und Feierherthaner! Schon ne geile Sau, der Kraft :-)

  9. unionkommt
    Am 8. Mai 2012 um 21:17 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Gute Torhüter gib es wie Sand am Meer.