Tiefe Einblicke

Man vergisst immer wieder, dass hinter den Profi-Fußball-Mannschaften, mit denen wir uns ständig beschäftigen, eigentlich mittelständische Unternehmen stecken. Das muss man nicht als Vorwurf an vermeintlich naive Fans verstehen. Ganz im Gegenteil versuchen die „Vereine“ ja die Ernsthaftigkeit, die mit ihrer wirtschaftlichen Verantwortung einhergeht, so gut es geht zu überspielen. Ernst ist die wirtschaftliche Lage nämlich fast immer und fast überall. Auch in Berlin bei Hertha BSC.

Den Fan will man damit wohl nicht belasten und solange sich trotz steigender Schuldenlast immer wieder neue Geldgeber finden lassen, kehrt man die ganze Ernsthaftigkeit unter den Teppich. Ist ja nur Fußball. Und der soll dem Kunden bekanntlich ein möglichst freudiges und unbeschwertes Erlebnis bereiten, weshalb man über die ernsten Dinge tunlichst schweigt.

Über die finanzielle Lage der KGaAs, „Vereine“ und anderen rechtlichen Geschäftsformen erfährt man in der Regel nichts. Ungefähre Schuldenstände sickern immer mal wieder durch. Auch im Rahmen des Lizenzierungsverfahrens seitens der DFL liest man ab und an sehr generelle Prognosen im Sinne von: Daumen hoch oder Daumen runter. Konkrete Zahlen, Verbindlichkeiten und Finanzierungspläne bleiben dagegen gut versteckt in den abgeschotteten Bereichen der Geschäftsstellen.

Wer sich für Zahlen interessiert, dem bieten sich nun tiefe Einblicke in die finanzielle Situation von Hertha BSC. Mit der Auflage einer neuen Anleihe in Höhe von bis zu sechs Millionen Euro verpflichtet sich Hertha BSC, den potentiellen Käufern ein genaues Bild der finanziellen Situation darzulegen. Ich habe mir dir Dokumente (klick) bereits besorgt und angefangen, sie zu lesen. Es stehen wirklich eine Menge Informationen bereit, die man erst einmal verdauen, sortieren und interpretieren muss. Ich jedenfalls bin weitestgehend ein Laie auf diesem Gebiet. Aber vielleicht helft ihr mir ja auf die Sprünge, was die wirklich interessanten Zahlen angeht.

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  • Wer hat das geschrieben?

    Mein Name ist Enno: im Jahre 1982 geborener Berliner, Exil-Herthaner in Bielefeld und Bremen. Seit 2006 schreibe ich im Internet über Hertha BSC. (→mehr)

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12 Kommentare

  1. Blauer Montag
    Am 17. November 2010 um 21:34 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Die meines Erachtens entscheidenden Aussagen stehen im Wertpapierprospekt auf Seite 12.
    „Die Emittentin (B.M. die Hertha BSC gmbH & Co KG) hat in den vergangenen Jahren mehrfach Fehlbeträge erwirtschaftet und verfügt nur über geringe Liquiditätsspielräume.
    Die Emittentin hat in dem Geschäftsjahr 2008/2009 einen Verlust in Höhe von rund EUR 1,9 Mio. ausgewiesen. Zwar hat die Emittentin im Geschäftsjahr 2007/2008 einen Jahresüberschuss von rund EUR 5 Mio. erzielt, dieser ist jedoch vollständig durch Verlustvorträge aus den vorherigen Geschäftsjahren aufgezehrt worden. Insgesamt ergab sich zum Stichtag 30. Juni 2009 ein nicht durch Eigenkapital gedeckter Fehlbetrag von rund EUR 1 Mio. Zwar konnte die Emittentin in der zweiten Hälfte des Kalenderjahres 2009 einen Überschuss in Höhe von rund EUR 1,38 Mio. erwirtschaften und damit zum Stichtag 31. Dezember 2009 ein positives Eigenkapital von EUR 361.000 ausweisen. Jedoch ffihrten der weiterhin ungünstige Saison-Verlauf und der anschließende Abstieg zum Stichtag 30. Juni 2010 erneut zu einem Jahresfehlbetrag in Höhe von rund EUR 6 Mio. und damit zu einem nicht durch Eigenkapital gedeckten Fehlbetrag von rund EUR 6,5 Mio. Die Emittentin ist damit bilanziell überschuldet. Nach Auffassung der Emittentin liegt eine materielle Überschuldung nicht vor, da von einer positiven Fortbestehensprognose ausgegangen wird. Sollte die bilanzielle Überschuldung nicht beseitigt und auch nicht, wie bislang, durch stille Reserven im Anlagevermögen, unter anderem in den Spielerwerten, ausgeglichen werden, könnte dies zum Jahr 2014 aufgrund einer dann in Kraft tretenden Gesetzesänderung zur Insolvenz der Emittentin führen. Die Emittentin verfügt ferner nur über geringe Liquiditätsspielräume. Sollte es zu unerwarteten Liquiditätsabilüssen kommen und der Emittentin zugleich keine ausreichende Liquiditätsquelle zur Verfügung stehen, könnte sie zahlungsunfähig werden und müsste Insolvenz anmelden. Es ist vor diesem Hintergrund nicht auszuschließen, dass die Emittentin zur Deckung der Fehlbeftäge oder zur Verbesserung der Liquiditätslage gezwungen sein könnte, Leistungsträger zu verkaufen und sich bei der Verpflichtung von neuen Spielern deutlich einzuschränken.“

    • Joel
      Am 18. November 2010 um 10:20 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Da hilft nur eines Anleihen zeichnen und der „alten Dame“ helfen ;-)
      Klingt schon dramatisch, aber im Vergleich dazu würde ich ja gerne mal die Bücher von Schalke sehen wollen.
      Angesichts dieser finanziellen Lage der Hertha, war das Ausscheiden in Runde zwei des DFB-Pokals ein kleines finanzielles Desaster?
      Ich unterstüzte die Hertha in dem ich zu jedem Heimspiel düse sofern mir möglich, was hoffentlich kein Tropfen auf den heißen Stein ist.

  2. Am 18. November 2010 um 11:31 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Die erste Anleihe wurde auch zurück gezahlt, allerdings war man zu dem Zeitpunkt ja noch Erstligist … Auch Schalke geht ja mittlerweile diesen Weg um mal auf ein Vorkommentar einzugehen …

    Letztlich zählt aber wohl vor allem der idielle Wert der Anleihe und bei nem Stückpreis von 100 Euro ist die günstigste Form der Unterstützung ja auch nicht viel teurer als ein aktuelles Trikot …

    • Kugelblitz
      Am 18. November 2010 um 21:34 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Rückzahlungstermin für die laufende Anleihe ist der 01.12.10. Soll heißen – Noch ist das Geld nicht bei den Gläubigern.

      Die Frage – Warum startet die neue Anleihe schon jetzt? – dürfte damit beantwortet sein.

  3. Blauer Montag
    Am 18. November 2010 um 12:31 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Alles nur Geschmackssache sagte der Igel, als er in die Seife biss…
    Kauf einer Eintrittskarte = fun im Oly,
    Kauf eines Trikots = bleibende Werte bis zur nächsten Saison
    Kauf einer Hertha-Anleihe = 5% Zinsen (bis zur Insolvenz?)

    Simon Kuper behauptet zwar im Oktoberheft 2010 von 11freunde:
    „Klubs werden zu sehr geliebt, um bankrott zu gehen“. Aber ähnliche Euphemismen schrieb die Wirtschaftspresse bis vor 2 Jahren auch über die Lehman Brothers Bank.

    • Am 19. November 2010 um 11:59 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Den Vergleich zu Lehman Brothers kann man nicht ziehen oder kennst du einen Bank-Fan? Ich glaube auch nicht, dass so ein Verein wie Hertha jemals insolvent oder zwangsabsteigen wird.

  4. Kugelblitz
    Am 18. November 2010 um 21:41 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Insbesondere rechnet der Verein insgeheim damit das zumindest die Schmuckanleihen mit ihren Zinsscheinen nicht beglichen werden müssen.

    Stichwort: Sammlerstück – Fanausstattung

    Dem Verein verkauft quasi ein Stück Papier zum an die Wand hängen.

    • Joel
      Am 19. November 2010 um 11:13 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Ich kenn da sogar einen der das macht :-)
      äh ich bin s nicht.

      • Kugelblitz
        Am 19. November 2010 um 22:40 Uhr veröffentlicht | Permalink

        Die alte Anleihe macht ja mit einem blauen Bilderrahmen optisch auch etwas her. Kann man ruhig im Büro mal hängen haben. Ein kleiner Hingucker.

  5. Blauer Montag
    Am 19. November 2010 um 12:58 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Glauben heißt nicht wissen Felix.
    An einen Zwangsabstieg in den letzten Jahren kann ich mich erinnern, an einen Punktabzug wegen falscher Angaben bei der Lizensierung aber schon.
    Ich weiß nicht, ob die DFL in den nächsten Jahren das Lizensierungsverfahren verschärfen will.

    Jedoch weiß ich, dass mit Beschluss des G-20 Gipfels vom 12.11.2010 die Eigenkapitalquote der Banken ab 2013 bei der Kreditvergabe erhöht werden soll. Mit anderen Worten: Die Banken werden zukünftig die Bonität ihrer Kreditnehmer noch genauer prüfen. Ob, in welchem Umfang und zu welchen Konditionen die Hertha BSC GmbH & Co KGaA weitere Kredite erhalten kann wird sich zeigen. Falls dann aufgrund fehlender Kredite die Zahlungsfähigkeit nicht mehr gesichert ist, müsste der Vorstand die Geschäftstätigkeit der KGaA nach § 92 ff AktG einstellen. So gesehen kann ich der Hertha nur raten, bis 2012 alle Kreditlasten pünktlich zu bezahlen, und soweit als möglich auch Kredite zu tilgen.

  6. Blauer Montag
    Am 19. November 2010 um 12:59 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Es muss heißen:
    An einen Zwangsabstieg in den letzten Jahren kann ich mich nicht erinnern.

  7. Moritz
    Am 19. November 2010 um 18:39 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Das ist doch bei dieser Anleihe wie bei allen anderen „Finanzprodukten“ auch: Ich bezahle dafür Geld, gebe also Kapital zu jemandem, der es braucht und bekomme dafür Zinsen. Umso höher die Zinsen, umso höher das Risiko.

    Fünf Prozent sind vergleichsweise viel, wenn man das mal mit Bundesschatzbriefen oder aktuellen Zinssätzen bei Tagesgeldkonten vergleicht, das heißt, dass es ein gewisses Risiko gibt. Ob man das eingehen will oder nicht, muss jeder für sich selbst entscheiden.

    Ich sehe das so, wie einige andere hier auch, dass das auch ein ideeller Wert ist: Ich kaufe einen Anteilsschein, um so meiner Hertha zu helfen. Find ich gut. Ich spiele auch mit dem Gedanken das zu machen.