Tops und Flops der Hinrunde

Fernbus nach Berlin, 11.12 Uhr. Ich habe Wlan und staune über die Möglichkeiten, die die mobile Vernetzung heute bringt. Und das für 15 Euro. Sorry, lieber Hertha-Hauptsponsor, da helfen selbst die zweieinhalb Stunden Zeitgewinn nicht, um das zu schlagen. Es klingt komisch, aber nur, weil der Bus länger unterwegs ist, habe ich endlich mal wieder die Ruhe, mich hier zu äußern (gut, zwischendurch stürzte das Wlan mehrfach ab, sodass ich gezwungen war, zu speichern und den Text erst jetzt online zu stellen).

„Unglaublich“ ist zwar ein viel zu oft benutztes Adjektiv, aber es gibt keins, das zum Hertha-Jahr 2013 besser passt. Oder fällt jemandem ein besseres ein? Ich jedenfalls saß in den letzten Monaten mehrfach völlig ungläubig vor dem Fernseher und konnte nicht fassen, was diese Mannschaft da auf den Rasen zauberte. Das war so unerwartet überragend, dass ich mir beim Schreiben ein breites Grinsen nicht verkneifen kann (inklusive eines abschätzigen Blickes vom Gegenüber). Natürlich überlagert der Eindruck vom 2:1-Auswärtssieg in Dortmund noch die Gefühlslage, aber mehr ging nun wirklich nicht in dieser Hinrunde. Oder?

Zeit, Bilanz zu ziehen. Hier sind meine Top und Flop 3 der Hertha-Hinrunde.

  • Flop 3

3. Ronny

Ihr merkt es schon: Wenn Ronny in den Flops auftaucht, ist es mir schwergefallen, wirklich welche zu finden. Natürlich hatte man sich vom Brasilianer mehr erhofft, andererseits gibt Luhukay ihm auch wenige Chancen, zu zeigen, dass die Angst des Trainers unberechtigt ist, was die Bundesligatauglichkeit des Linksfußes angeht. Ronny zeigt regelmäßig – wenn er denn spielt – dass sein Fuß nicht nur geniale Momente enthält sondern auch exorbitant viel Torgefahr, die für den Gegner kaum zu verteidigen ist. Trotzdem gehört er objektiv zu den wenigen Verlierern der Hertha-Hinrunde, weil viele nach dem torreichen Zweitligajahr nochmal eine Explosion erwartet/erhofft hatten. Dass er die noch im Köcher hat, glaube ich aber weiterhin. Luhukay muss ihn nur häufiger von der Leine lassen.

2. Peer Kluge

Was ist da eigentlich passiert? Peer Kluge holte zu Beginn der Saison alle Kohlen aus dem Feuer, die die Mannschaft dringelassen hatte, doch plötzlich stand der Fußball-Arbeiter nicht mal mehr im Kader. Sein Name steht im Duden neben dem Wort „emsig“, doch möglicherweise weil „Hosogai“ alphabetisch vor „Kluge“ kommt, erhielt der Japaner mit seiner Ankunft in Berlin den Vorzug und gibt seitdem überhaupt keinen Anlass, daran etwas zu ändern. Dass Kluge seitdem vor allem Tribünengast ist, mutet allerdings schon etwas merkwürdig an. Er ist – wenn man so will – der einzige echte Verlierer dieser Hinrunde. Neben Sascha Burchert, dem jetzt der Norwegische Riese vor die Nase gesetzt wurde und dessen Karriere bei Hertha damit wohl beendet ist.

1. Pyro im Block

Herthas Image schießt in ungeahnte Höhen, der Klub macht endlich nur noch sportliche Schlagzeilen (selbst die aus dem Archiv geholte Trunkenheitsfahrt von Ronny oder die Lolita-Affäre wurden gerichtlich aber eben auch durch sportliche Schlagzeilen schnell von den Titelseiten verdrängt) – doch in Braunschweig brennt plötzlich der Hertha-Blog Block. Es war das erste Mal seit der Zweitliga-Niederlage in Frankfurt, dass ich Jos Luhukay hilflos erlebt habe. Man sah es in seinem Gesicht, das sagte: Ich arbeite mir 24 Stunden am Tag den Arsch ab und ein paar Bekloppte setzen den Erfolg für ihre Selbstdarstellung aufs Spiel. Ich habe dafür genauso wenig Verständnis.

  • Top 3

3. Adrian Ramos

Was Selbstvertrauen und Vertrauen des Trainers aus einem Spieler machen können, zeigt die Entwicklung von Adrian Ramos. Der Kolumbianische Stolperstorch ist zur torgeilen Gazelle geworden. Wahnsinn, wie treff- und ballsicher der Angreifer geworden ist. Wer seit dem Abstiegsjahr unter Babbel/Skibbe/Funkel/Rehhagel kein Hertha-Spiel mehr gesehen hat, wird nicht glauben, dass das ein und derselbe Spieler ist. Ist aus dem Hertha-Angriff nicht wegzudenken und sorgt derzeit auch mit regelmäßigen Toren dafür, dass über das Thema Lasogga höchstens in den hintersten Winkeln des  Boulevards gesprochen wird.

2. Neuzugänge

Wenn es so etwas wie einen Oscar dafür geben würde, Neuzugänge sofort zu integrieren, könnte Hertha die Vitrine in der Geschäftsstelle mal wieder aufschließen. Egal, ob Alex Baumjohann bis zu seiner Verletzung, Sebastian Langkamp (dito), Johannes van den Bergh, Hajime Hosogai, Per Skjelbred oder Tolga Cigerci – alles feste Stützen einer Mannschaft, die durch ihre unterschiedlichen Spielertypen mittlerweile so ausrechenbar ist, wie das Collatz-Problem. Alle haben die Qualität der Mannschaft angehoben, missen will man keinen mehr, verlassen kann man sich auf jeden – und wenn Aufstiegshelden wie Ronny oder Sami Allagui in der Startelf stehen, gilt das Gleiche.

1. Jos Luhukay

Wer sonst? Kopf der Mannschaft, ach was, des Vereins. Seine Bescheidenheit ist so ansteckend wie ein Erkältungsvirus in der überfüllten Berliner S-Bahn. Er tut Berlin und Hertha so wahnsinnig gut, man würde ihm auch zutrauen, den BER-Flughafen mit der ihm eigenen Beharrlichkeit und Ruhe endlich an den Start zu bringen. Der beste Neuzugang der vergangenen fünf Jahre. Trifft auch mal unpopuläre Entscheidungen (Lasogga, Niemeyer, Ronny) und liegt damit meistens richtig. Hat es sogar geschafft, Michael Preetz wieder aus der Schusslinie zu holen – der nun endlich die seit Jahren gewünschte Kontinuität auf der Trainerposition anpeilen kann.

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  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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2 Kommentare

  1. Am 25. Dezember 2013 um 14:38 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Treffender Überblick über die Vorrunde, gut geschrieben!

    Es ist in der Tat verwunderlich, was die Hertha diesen Herbst geboten hat. Mich erstaunt die Konstanz, mit welcher die Mannschaft tolle Spiele abliefert, auch wenn sie mal als Verlierer vom Platz muss. Sie war gegen KEINEN Gegner chancenlos, selbst in München haben sie als einziges Team zweifach getroffen (klammert man das bedeutungslose Spiel gegen ManCity aus).

    Ich bin mit dir einig, die Neuzugänge haben sich toll integriert und sind qualitativ eine echte Verstärkung. Auch hier ist Luhukays Handschrift erkennbar, allesamt emsige Arbeiter mit einer guten Portion Spielintelligenz, ruhige mannschaftsdienliche Typen.

    Interessant ist ebenfalls die Personalie Niemeyer. Einerseits FLOP, da vom Kapitän zum Bankdrücker degradiert, andererseits TOP in seinem Verhalten. Hat nie aufgesteckt oder gegen den Trainer intrigiert, sondern sich seiner Rolle angenommen und ist da wenn gebraucht (z.B. Dortmund).

  2. Pinsty
    Am 27. Dezember 2013 um 23:33 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Zu deiner ersten Frage: Ja! Ich bin mehr bei „fantastisch“, „großartig“. „Unglaublich“, logo weiß ich, wie du das meinst, aber, unglaublich war das Hertha-Jahr für mich nicht. „Das hat die Welt noch nicht gesehen“, trifft auf vieles zu, aber nicht auf den Fußball! ;-)
    Klugscheißer, der ich nunmal bin.

    Ansonsten bin ich absolut bei dir.