Trauma München

Einer meiner besten Freunde ist Fan von Bayern München. Wie wir wissen, suchen wir uns unseren Verein nicht aus, er wird uns in die Wiege gelegt oder durch den ersten Stadionbesuch geschenkt. Ich habe meinen Freund natürlich trotzdem dafür verurteilt und es nie verstanden, wenn er mit dieser Millionärs-Truppe mitgefiebert hat. Ich schäme mich heute noch manchmal für den Hauch von Schadenfreude, den ich damals im Mai 99 gespürt habe.

Einmal fuhren wir gemeinsam nach München, wir entschieden uns kurzfristig dazu. Es war Freitagabend, wir hatten nichts zu tun und wollten nicht schon wieder Billard spielen gehen. Also sagten wir uns zum Spaß: Lass uns doch nach München fahren, haha. Drei Stunden später waren wir unterwegs. Ich weiß nicht mal mehr, wie das Spiel ausgegangen ist.

Im April 2002 fuhren wir wieder. Diesmal mit seinem Vater und Bruder, Ersterer blühender Bayern-Anhänger, Letzterer eher Mitläufer, weil alle – außer mir – Bayern-Fans waren. Wir hatten Karten für die Haupttribüne des Münchener Olympiastadions. Nicht direkt in der Mitte, sondern mehr in der Nähe der Bayern-Kurve. Ich fühlte mich sofort unwohl zwischen den ganzen roten Trikots. Doch ich hatte Hoffnung, weil Hertha in einer guten Verfassung war und mit einem Sieg in München an den Bayern hätte vorbeiziehen können. Auf einen Champions-League-Qualifikations-Platz.

Und das Spiel begann entsprechend. Den Bayern um Elber, Pizarro, Scholl und Salihamidzic fiel nichts ein, Hertha hielt gut dagegen und wartete auf Chancen für Alves, Preetz oder Marcelinho. Nach 35 Minuten dann aber der Knackpunkt. Schiri Kemmling wollte ein Handspiel von Dick van Burik gesehen haben, pfiff die Aktion ab, was ich damals schon lächerlich fand. Van Burik drehte sich um und soll, was nie bewiesen oder widerlegt oder anderweitig kommentiert wurde, „Arschloch“ zum Schiedsrichter gesagt haben. Unter dem Jubel der jolenden Menge (ich mittendrin mit rotem Uli-Hoeneß-Gedächtnis-Kopf) wurde der damalige Abwehrchef vom Platz gestellt. Mit zehn Mann in München, Sparta lässt grüßen.

Doch was darauf folgte war keineswegs eine (Abwehr-)Schlacht. Im Gegenteil, Hertha spielte weiter mit, hatte sogar Vorteile, auch wenn mein damaliger-und-immer-noch Held Gabor Kiraly ein ums andere Mal rettend eingreifen musste, weil die Löcher mit der Zeit größer wurden. Nach 67 Minuten ertönte dann aber doch die unsägliche Tormusik der Bayern und die Menschen um mich rum feierten ausgelassen das 1:0 durch ein Eigentor von Michael Hartmann. Elber (82.) und Pizarro (83.) legten noch zwei Treffer nach, damit nach dem Spiel bloß keiner davon sprechen konnte, dass es ein glücklicher Sieg war.

Die Autofahrt nach Hause war lang.

Und wäre ich nicht ein zutiefst vergebender Mensch hätte ich unsere Freundschaft danach beendet. Denn niemand im Auto wollte gesehen haben, was ich gesehen hatte. Eine gleichwertige, wenn nicht bessere Hertha-Mannschaft, die mindestens einen Punkt verdient gehabt hätte. Nein, vielmehr waren die Bayern die ganze Zeit über drückend überlegen gewesen, die rote Karte ein Resultat dieser Überlegenheit und die Tore lediglich die logische Folge. Selten fühlte ich mich unwohler nach einem Fußballspiel, die Ungerechtigkeit schrie mir ins Gesicht und ich hatte noch nicht mal die Sportschau oder ein Internet-Handy, um dieser roten Sicht der Dinge etwas entgegen zu setzen. Ich brauchte zwei Wochen, um das zu verarbeiten.

Seitdem hat Hertha in München mit einer Ausnahme nie auch nur den Hauch einer Chance in München gehabt. Ein 1:1-Unentschieden am zweiten Spieltag der Saison 04/05, danach bekam Hertha in München, entschuldigt die Ausdrucksweise, ausnahmslos auf die Fresse. 0:3, 2:4, 1:4, 1:4, 2:5.

Das Team von Markus Babbel klingt vor dem Auswärtsspiel am Samstag selbstbewusst. Sogar das Wort „Auswärtssieg“ ist nicht verboten. Mir würde mit Blick auf die jüngere Geschichte und beim derzeitigen Leistungsstand der Bayern eine knappe Niederlage schon reichen. Klingt pessimistisch, aber jedesmal, wenn ich vor Bayern-Spielen auch nur den Hauch einer Hoffnung hatte, wurde dieser verhauen, zertrampelt und in Brand gesetzt. Scheiß drauf, holen wir da endlich den ersten Dreier!

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  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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13 Kommentare

  1. Timbo
    Am 14. Oktober 2011 um 08:41 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Liebe Grüße an die besagt Familie! @Daniel: Ich bin da bei dir! Ich kann bis heute für so etwas kein Verständnis aufbringen! Als Berliner sollte man der Hertha ergeben und nicht, weil man so gern Siege feiert, Fan der Bauern sein! ;) Ich bin geduldig und sollte man irgendwann mal einen Überraschungscoup landen, werde ich diesen Moment voll und ganz auskosten! :) Grüße an Familie W aus F bei B!

  2. Am 14. Oktober 2011 um 08:49 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Wie mir dieser Blogpost aus dem Herzen spricht. Dem gibt es nichts hinzuzufügen. Wickeln wir Ihnen ihr „mia san mia“ einmal kräftig um die Gurgel*.

    (*Samstag – oder bei irgendeinem der nächsten 30 Versuche)

    • Am 15. Oktober 2011 um 22:50 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Dann eben bei „irgendeinem der nächsten 30 Versuche“.

      Oje.

  3. Illdre
    Am 14. Oktober 2011 um 12:54 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Wer zu einem Spiel einer der größeren Mannschaften (Bayern, Dortmund, Bremen) ins Olympiastadion geht kennt das Gefühl:
    Viele Hertha-, aber auch viele „Auswärts-„Fans.
    Ich sehe hier bei mir im Siedlungsgebiet auch mehr Auswärtige als Blau-Weiße rumlaufen, liegt aber daran, dass hier viele Zugezogene wohnen und die ihre Mannschaft meist an die Kinder „vererben“
    Bei einem Freund meines Neffen konnte ich letztens helfend eingreifen. Nach einem erneuten Ausflug zur Hertha (diesmal das Spiel gegen Augsburg) hat der sich freiwillig eine Hertha-Fahne gekauft. Der Papa ist Mainzer, der wird’s mit Humor nehmen.

    Zurück zum Thema:

    Gegen Bayern wird es sehr schwer, auswärts erst recht und ich kann nur hoffen dass es nicht wie vor ein paar Jahren hier zuhause wird wo ich mich mit dem Wissen zufrieden geben musste, dass wir die 2. Halbzeit 2:1 gewonnen hatten.
    Damals hatten wir auch viele Chancen, Arne Friedrich macht sogar das 1:0, bei Bayern war danach aber jeder Schuss ein Treffer (Halbzeitstand: 1:5).

    Sowas würde ich uns gerne am Samstag erspart sehen.

  4. Halblinks
    Am 14. Oktober 2011 um 13:40 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Sven Goldmann hat letztens im Tagesspiegel dazu einen sehr lesenswerten Beitrag geschrieben:
    http://www.tagesspiegel.de/berlin/eure-kinder-sind-berliner/4677270.html

    Ansonsten ein schöner Beitrag, Daniel.
    Ich kann mitfühlen.
    Ich will auch garnicht an einen Auswärtssieg glauben. Ein Auswärtstor wäre ja schon eine mittlere Sensation in dieser Saison, bei der derzeitigen Verfassung von „Würstchen-Ulis“ Bande.
    Nur, bitte nicht wieder solch eine Tracht Prügel, wie in der von dir richtig aufgezählten jüngsten Historie.

  5. Maria Maria
    Am 14. Oktober 2011 um 13:54 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Zum Glück fahre ich in einem Bus voller Herthaner nach München und wieder zurück.
    Ich gehe mal wieder ohne Erwartungen in das Spiel. Mein Wunsch ist aber ein Hertha-Tor. Es soll einer von unseren Jungs Neuers Serie beenden. Wäre auch nicht schlecht, wenn dieses Tor bei einem Spielstand fiele, bei dem man noch jubeln kann (nicht bei 0:4 oder so).

  6. junichi
    Am 14. Oktober 2011 um 17:02 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Die Quote ist 1:11 bei bwin. Warum nicht mal 110 Euro abräumen?

  7. Halblinks
    Am 15. Oktober 2011 um 17:22 Uhr veröffentlicht | Permalink

    ich dachte, ich hätte mich mit meiner Bitte klar ausgedrückt. *koppschüttel*

    Aber nein, die ach so lockeren Herren Fussballprofis lassen sich beim „Bonusspiel“ die Hösschen über die Ohren ziehen.
    Schade-Schade

  8. Illdre
    Am 15. Oktober 2011 um 22:17 Uhr veröffentlicht | Permalink

    No Comment!!!!

  9. Am 18. Oktober 2011 um 14:41 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Es tut mir wirklich ein wenig leid für die Hauptstadt. Aber bitte steigt nicht ab!

  10. Am 25. Oktober 2011 um 13:45 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich drück euch die Daumen, allein schon weil meine Uroma mit Vornamen Herta hieß und (kein Witz) Nachname Berlin.

  11. Am 23. April 2012 um 10:29 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Na mitlerweile sieht doch die Welt schon wieder ganz anders aus ;-)

  12. RC Modellbau
    Am 9. Mai 2012 um 21:09 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Naja, so wie es aussieht, gibt es in der kommenden Saison 2 neue Chancen das „Trauma“ (den Begriff find ich übertrieben) zu vernichten….