Typen

Fussball: Stefan Effenberg
Fußball ist in seinem Wesen erzkonservativ. Vatikan-Vergleiche sind derzeit ja etwas heikel. Aber man kann wohl ganz unverfänglich behaupten, dass der Fußball mit dem Vatikan zumindest die konservative Grundhaltung gegenüber gesellschaftlichen Entwicklungen teilt. Sowohl der Fußball als auch der kirchliche Staat machen immer wieder deutlich, wie vorvorgestrig ihre gesellschaftlichen Wertvorstellungen doch sind.

Das konservative Wertesystem des Fußball begründet sich auf die zentrale Mythologie „der Typen“. „Typen“ sind die Spieler einer Mannschaft, die „dazwischengrätschen“, „in die Kerbe hauen“, „das Maul aufmachen“, „mit breiter Brust voran gehen“, „ein Zeichen setzen“, „den Gegner einschüchtern“, „klare Ansagen machen“ und damit letztlich für den Erfolg der Mannschaft ausschlaggebend sind. Die Mythologie besagt, dass eine Mannschaft, „der die Typen fehlen“ nicht erfolgreich sein kann. Sie wird entweder nicht Meister oder steigt ab. Erfolg bleibt ohne „Typen“, „Leitwölfe“, „Führungsspieler“ oder „Aggressiv-Leader“ auf jeden Fall aus, wie der allseits anerkannte Experte Peter Neururer zu berichten weiß.

Dass es sich dabei zweifelsohne um eine überhöhte Mythologie handelt, kann man bspw. in der aktuellen Ausgabe der Taktiktafel erfahren oder in der Fußball-Matrix nachlesen. Fußball ist heute mehr denn je ein Mannschaftssport, in dem es eben nicht mehr darauf ankommt, den Erfolg über das Können oder den Charakter von Einzelspielern zu ermöglichen. Kollektive Spielintelligenz wäre wohl das treffendste Schlagwort, um das es heute geht. Lucien Favre war bei Hertha ein Trainer, der auf Polyvalenz und Spielintelligenz (der Spieler und des Kollektivs) setzte und damit durchaus Erfolg haben konnte.

Sports News - March 07, 2010
Dennoch behielt der Mythos über „Typen“, bzw. ihr Fehlen auch für Hertha eine unglaubliche Wirkmächtigkeit. Schon im Herbst 2008 zu Beginn der Erfolgssaison unter Favre wurde Pal Dardai (oben in einer „typischen“ Situation) in einem Interview als „Relikt einer anderen Zeit“ auch nach Typen gefragt und sagte:

Wir hatten damals eine andere Mannschaft, mit anderen Typen. (…) Damals war noch ein anderer Zug drin, das hat man schon im Training gespürt. Das war sehr aggressiv, ohne dass es rüde zuging oder beleidigend. Jeder hat es geschluckt, dass es zur Sache ging. Nach dem Training war alles wieder gut. Aber das war eine andere Zeit, man kann das auch nicht mehr vergleichen. Ich hoffe, dass sich einige unserer jungen Spieler dazu entwickeln. Sie müssen daran arbeiten. Sie müssen es wollen.

Nach der vergleichsweise erfolgreichen Saison gab es einige Verwunderung, dass Hertha nun vermeintlich ohne „Typen“ auskommen wolle:

Kritiker bemängeln, die Mannschaft habe keine Typen mehr und sei auf dem besten Wege, eine Art Berliner VfL Bochum zu werden.

Man könnte nun leichthin vermuten, dass der Mythos hiermit überwunden werden konnte. Aber die Umstrukturierung der Hertha wurden eben immer noch vor dem Hintergrund der Führungsspieler-Tradition beäugt und kritisch hinterfragt. Der Mythos behielt also seine Wirkmächtigkeit und schlug sofort wieder zu, als sich ihm die Chance bot: Hertha hatte keinen Erfolg und die Analyse war so einfach wie deutlich: Es fehlen die „Typen“.

Da fehlen natürlich ein paar, nicht falsch verstehen, Drecksäcke. Wie früher ein Sverrisson oder Veit, die auf dem Platz herumgebrüllt haben. Solche Typen fehlen. Raffael und Chermiti sind eher Schönspieler.

Das sagte im November 2009 Herr Rehmer, seines Zeichens sicherlich nie in der Kategorie „Schönspieler“ zu finden. Die Diskussion um fehlende Typen zog weite Kreise. Zuletzt schloss sich der Diagnose von fehlenden „Typen“ nun auch Daniel an. In dieser Woche kulminiert sich die „Typisierung“ nun, in einem Interview, das Hertha BSC vor dem Spiel gegen die Frankfurter Eintracht mit einem modernen „Typen“, namens Maik Franz geführt hat. Sein Vorbild ist – wie sollte es anders sein? – Steffan Effenberg, der ProtoTYP:

Er hat seine Kollegen mitgerissen, selbst wenn ein Spiel schon verloren schien. Er ist immer vorangegangen und hat sich auch nach bitteren Niederlagen nicht versteckt. Er war ein Leitwolf, an ihm konnten sich viele hochziehen. Solche Typen braucht jede Mannschaft.

Der Fußball ist als soziales Geschehen viel zu komplex, um die Wichtigkeit von „Typen“ für den Erfolg seriös bewerten zu können. Um die absolute Bewertung geht es mir auch nicht. Mir fällt im Zusammenhang der „Typen“-Diskussion lediglich auf, dass hier ein Menschenbild „hochsterilisiert“ wird, das es in der heutigen Zeit eigentlich gar nicht mehr gibt und das außerhalb des Fußball höchstens noch bei Raufspielen auf dem Pausenhof der Hauptschule Anerkennung findet (welche Ironie der gesellschaftlichen Entwicklung, dass genau dieses letzte Reservoir des „Typen“ nun abgeschafft werden soll!).

Hier wird ein Typ Mann adressiert, den wir vielleicht in den fünfziger und sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts verorten würden. Zwar gab es schon damals auf Grund gesellschaftlicher Entwicklungen keine „Typen“ mehr, aber zumindest konnten sie noch als Projektionsfläche weiblicher Begierde in kulturellen Produktionen genutzt werden. Es war vollkommen legitim, sich einen Cowboy als Mann zu wünschen, obwohl man wusste, dass es in Wirklichkeit nur noch Post- oder Bahnbeamte zur Auswahl gibt (Gitte Haenning, 1963):

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Das interessante an diesem Vergleich ist ja, dass der Schlager aus den sechziger Jahren nur noch mit diesem Männerbild kokettiert, aber damit gleichzeitig die Realität offen legt: Es gibt keine „Cowboys“ mehr. Und zwar deshalb nicht, weil „Typen“ in der Gesellschaft keine Funktion mehr haben. So einfach war und ist das.

Für den Fußball ist das natürlich etwas anderes. Hier wird nach wie vor an den Mythos des „Cowboys“ oder des „Typen“ geglaubt. Man denkt, dass dieser archaische Anti-Team-Player nach wie vor eine Funktion für den modernen Mannschaftssport hätte. Auf Grund der Komplexität der sozialen Zusammenhänge kann man die Funktionslosigkeit von „Typen“ jedoch nicht beweisen. Deshalb können sich erzkonservative Wertstrukturen im Fußball auch besonders lange halten, viel länger als es in anderen Teilen der Gesellschaft möglich ist. Faszinierend!

Ich persönliche glaube nicht an den „Führer-Mythos“ im Fußball, um eine weitere begrifflich heikle Vergleichsebene anzubieten. „Typen“ gehen mir im Fußball in der Regel auf den Sack. Zumindest als Passiv-Sportler, der ich bin. Sie gehen mir deshalb auf den Sack, weil sie für eine Gesellschaft von vorvorgestern stehen. Warum bloß kann sich der Fußball nicht modernisieren? Das ist letztlich die Frage, die mich interessiert und auf die ich nur antworten kann, dass Fußball so komplex ist, dass er sich der Analyse entzieht. Also muss man „glauben“, z.B. an „Typen“.

Für alle, die daran glauben, dass Herthas Misere mit dem Fehlen von „Typen“ zusammenhängt, für die habe ich aber noch eine tröstende Aufmunterung parat, die ebenso tief im Mief der fünfziger und sechziger Jahre verwurzelt ist wie der Glaube an die „Typen“. Wenn nämlich bestimmte Sehnsüchte nicht mehr befriedigt werden können, besagt die einfache Lehre dieser Zeit, dass es sich nicht lohnt, sich mit dieser Form der Gefühlsduselei zu beschäftigen (Siw Malmkvist – Liebeskummer lohnt sich nicht, 1964):

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    Mein Name ist Enno: im Jahre 1982 geborener Berliner, Exil-Herthaner in Bielefeld und Bremen. Seit 2006 schreibe ich im Internet über Hertha BSC. (→mehr)

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15 Kommentare

  1. Am 16. April 2010 um 11:12 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Hehe, da muss ich mich anscheinend gleich selbst korrigieren, auch wenn ich als Zeuge herangezogen werde: „Typen“ und „Superstars“ sind für mich zwei verschiedene Betrachtungsebenen. Typen sind ja nicht Spieler, auf die die alleinige kreative Verantwortung abgeladen wird. Im Gegenteil sind Typen doch vielmehr die Spieler, die einen hierarchischen Fixpunkt in einer komplexen Gruppendynamik bilden sollen und so das Mannschaftsspiel disziplinieren. Den anderen in den Arsch treten, wenn sie ihren gruppentaktischen Aufgaben nicht nachkommen.

    So ein Typ, und da hast du recht, muss allerdings kein Gorilla sein. Leverkusen hat sich mit Hyypiä den besten Typen der Liga gekauft. Der braucht niemanden anschnauzen und den Macho markieren, trotzdem orientieren sich alle Spieler an ihm als Ruhepol. Supertyp, der.

    • Enno Enno
      Am 16. April 2010 um 17:47 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Und wo ist jetzt der „Typ“ Hyypiä, wo Leverkusen dem Misserfolg ins Auge schaut? Nichts zu sehen von seiner Wirkung… ;-)

  2. Heffer
    Am 16. April 2010 um 11:29 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich finde den Vatikanvergleich nicht so passend, weil sich im Fußball alles am Erfolg orientiert. Die Kirche kann sich viele Veränderungen nich erlauben, weil sie dann aufhören würde, als Kirche zu existieren.

    Wenn die Tabelle dagegen für eine Entwicklung spricht und die dann beibehalten wird, ist es immer noch Fußball.

    Und das schöne am Fußball (und auch das große Hindernis bei taktischen Neuerungen/Trainingsmethoden/Kaderzusammenstellung etc. pp) ist, dass so ziemlich jeder gegen jeden gewinnen kann.

    Real Madrid fliegt gegen einen Drittligisten aus dem Pokal, Griechenland gewinnt die Europameisterschaft, die Bayern gewinnen nicht jedesmal die Meisterschaft. Das ist alles Teil dessen, was Fußball so interessant macht.

    Der Wegfall eines Führungsspielers kann eine Durchschnittstruppe zum Absteiger machen, was aber impliziert, dass der restliche Kader nicht genug Qualität hat, um den Ausfall zu kompensieren. Möglich ist auch, dass die Mannschaft taktisch nicht geschult genug ist, mit der neuen Situation umzugehen.

    Mark van Bommel ist bestimmt nicht wegen seiner Fußballerischen Möglichkeiten Kapitän bei den Bayern. Das macht auch den Unterschied zwischen den Bayern und Barcelona deutlich, bei denen das Spiel am wenigsten von Führungsspielern abhängt.
    Als Stuttgart das letzte mal die Schale geholt hat, empfand ich die Mannschaft auch als ein ähnliches Gefüge, dass jeden Ausfall wegstecken konnte.

    Wenn eine Mannschaft gut genug ist, kommt sie ohne „Typen“ aus, aber der Großteil alles Mannschaften sind nicht gut genug und das wird auch nie so sein.

    Hyypiä empfinde ich eher als Respektsperson, zu dem man wegen seiner Erfahrung und seiner Qualität aufschaut. Im Gegensatz zu Frantz, der aber genauso, wenn nicht noch wichtiger für seine Mannschaft sein kann.

  3. Am 16. April 2010 um 11:59 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Welche Art Mensch gibt es nicht mehr?

    Solche, die bei Problemen als erste die Initiative ergreifen?
    Solche, die ihrer Umgebung Sicherheit und Vertrauen vermitteln?
    Solche, die innen wie außen respektiert sind?
    Solche, die es wagen, inoffizielle Spielregeln neu zu definieren, wenn die Situation es erfordert?
    Solche, die Misserfolg hassen und alles dagegen tun?

    Doch, doch, die gibt es noch.

    Die Idee vom Kollektiv, in dem jeder gleich viel gilt und macht und bedeutet, ist zwar eine bekannte Utopie, hält aber der Realität nicht stand. Die Kerle spielen nicht nur auf unterschiedliche Art Fußball, sie ticken auch unterschiedlich, und wie in fast jeder Gruppe wird auch dort immer wieder mal automatisch nach Führern gesucht, da konnte uns Adolf den Gedanken daran noch so sehr austreiben. Bieten sich keine an, oder nur solche, die den Anforderungen nicht gerecht werden, kommt es gerne zu Krisen. Auch wird die Führerrolle gerne situativ vergeben, ohne feste Legislaturperiode.

    Diese Führer müssen weder Machos sein noch „Typen“, die mit Feldherrengeste im Mittelkreis für ihr eigenes Denkmal Modell stehen, es können auch „ehrliche Arbeiter“ sein, die einfach nur unverdrossen weiter den Rasen umpflügen und ihren Mitspielern etwas von ihrem Geist vermitteln. Wie z.B. van Bommel in Manchester in der 1. Halbzeit.

    All das widerspricht überhaupt nicht der Notwendigkeit, als eingespieltes Team funktionieren zu müssen, um richtig gut Fußball spielen zu können. Es ist kein Zufall, dass Messi in Barcelona zaubert, in der Nationalelf aber nicht. Aber bei zwei taktisch gleich gut geschulten Teams kommt es dann eben doch noch auf ein paar Dinge mehr an, und wenn es mal überhaupt nicht läuft, was trotz aller modernen Erkenntnisse als stete Erinnerung an die Steinzeit immer wieder mal vorkommt, dann tut es vielen Mannschaften gut, wenn eben doch mal jemand vorübergehend das Kommando übernimmt und die anderen mitzieht.

    Wenn du in der Mannschaft „Typen“ hast, die das können, bist du erfolgreicher.

  4. spreemaradona
    Am 16. April 2010 um 12:53 Uhr veröffentlicht | Permalink

    „Typen“ sind Arschlöcher.
    Funkelfußball braucht „Typen“.
    @Rayson: Messi hat in der Albiceleste nur „Typen“ um sich, bei Barça jedoch nicht.

    • Am 16. April 2010 um 19:12 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Messi hat in der Albiceleste nur “Typen” um sich, bei Barça jedoch nicht.

      Deswegen erwähnte ich ihn ja auch als Beispiel, dass moderner, teamorientierter Fußball eine Grundvoraussetzung ist.

      Ich würde aber bezweifeln, dass Barca keine Typen hat. Man ruft nur nicht nach ihnen, weil es auch keine Krise gibt. Und so können sich die Xavis, Iniestas und Pujols auf das Fußballspielen konzentrieren.

  5. Mirko030
    Am 16. April 2010 um 17:24 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich finde jede Gruppe braucht Typen um immer 100% Leistung zu bringen. Sicher können Mannschaften/Gruppen auch eine gewisse Zeit ohne diese Typen auskommen. Wichtig ist aber, wenn es mal Probleme gibt muss jemand das sein, der die Verantwortung und Führung der Gruppe übernimmt. Sowas machen in der Regel Menschen, welches Typen sind und auch bereit sind den Kopf dafür hinzuhalten. Typen sind nicht nur ein Relikt aus dem letzten Jahrhundert. Es gibt sie immernoch, auch wenn nicht jeder diese Typen oder nennen wir sie Führungspersönlichkeiten sehen will. Diese Menschen sind in der Regel unbequem und sagen auch mal Ihre Meinung, auch wenn Sie nicht jedem gefällt. Damit die Gruppe sich weiterentwickeln kann, braucht Sie einfach solche Persönlichkeiten, an denen Sie sich orientieren kann und aufbauen kann. Denen sie vertraut und aus diesem Grund auch einfach mal folgt, ohne den Grund der Aktion zu hinterfragen.

    Eine Mannschaft/Gruppe ohne diese Typen ist nur die hälfte Wert und wird sich nicht weiterentwickeln, da sie sich mit dem erreichten zufrieden gibt. Das liegt nunmal in der Natur des Menschen. Nur wenn es immer wieder welche gibt, welche nicht zufrieden sind mit dem Erreichten und die dafür die Ärmel hochkrempeln, wird sich die Gruppe auch weiterentwickeln können.

  6. Enno Enno
    Am 16. April 2010 um 17:47 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Vielen Dank für die Kommentare!

    Sicher gibt es „Typen“ im von mir beschriebenen Artikel und „Typen“, die eine gewisse Autorität in der Mannschaft haben, ohne dass sie „Dreckssäcke“ sein müssen. Um die geht es aber in der Regel nicht, wenn das Fehlen von „Typen“ moniert wird. Auch „Schönspieler“ können ja Typen sein, was ja dann häufig nicht zählt. Auch Leisetreter können für das Funktionieren einer Mannschaft wichtig sein, wenngleich auch diese nicht gemeint sind, wenn der Misserfolg mit dem Fehlen der richtigen „Typen“ erklärt wird.

    Ich wollte nicht sagen, dass in einer Fußballmannschaft alle gleich sein sollten. Das wäre ja Quatsch. Worum es mir viel eher geht, ist der Hinweis auf die mythische Überhöhung der „Leitwölfe“. Auch ein KSC mit Maik Franz ist ja durchaus abgestiegen. Typ hin oder her.

    Was mir wichtig ist: „Typen“ werden überschätzt. Und zwar bei Weitem, weil Fußball als Mannschaftssport viel zu komplex ist, als dass man Erfolg oder Misserfolg an solch einfachen Kategorien messen könnte. Dass sich der Mythos dennoch hartnäckig hält, sagt mehr über den Fußball und seine (selbsterklärten) Experten aus, als darüber, wie er tatsächlich funktioniert.

    Vielleicht ist es Taktik, vielleicht der Trainer, vielleicht die Mischung der Mannschaft, vielleicht das Glück oder auch das Schicksal, das den Unterschied macht. Das liebe Geld natürlich nicht zu vergessen. Am wahrscheinlichsten ist jedoch, dass alle Variablen zum Erfolg beitragen und ihre individuelle Konstellation eine große Bedeutung hat. Damit kann man aber nichts erklären, außer zu sagen, dass man nichts erklären kann.

    Der Mythos der „Typen“ macht Fußball dagegen leicht erklärbar. Tatsächlich ist damit aber noch nichts gesagt, außer dass man eine erzkonservative Einstellung präsentiert. Darum geht’s.

    • Am 16. April 2010 um 19:18 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Hat das wirklich etwas mit einer konservativen, ja sogar einer „erzkoservativen“ Einstellung zu tun? Ich sehe dahinter eher eine Variante der in allen Lebensbereichen populären Personalisierung.

      Durch die Reduzierung von Problemen und Lösungen auf Gesichter und individuelle Leistungen bzw. Verfehlungen wird eine Geschichte erst so erzählbar, dass sie ein breites Publikum erreicht.

      • Am 16. April 2010 um 19:27 Uhr veröffentlicht | Permalink

        Schön formuliert Rayson. Ohne Gesichter wäre der Fussball nichts. Die Medien und Menschen brauchen Personen – nicht umbedingt Typen – auf die sie sich konzentrieren können.
        Der Hype in dieser Saison um Robben zeigt eigentlich ganz gut wie sich alle Aufmerksamkeit auf einen Spieler gerichtet wird. Eine Spezialkamera beim warmlaufen, in der Halbzeitpause, das Raunen wenn er sein Trainingsleibchen auszieht und immer wieder die gleiche Frage um die sich alles zwischen den Spieltagen zu drehen scheint: „Wie gehts dem Knie?“
        Es wird impliziert als sei Robben eine Art Übermensch und der Ausgang eines Spiels hänge allein an ihm.

        Um Ribery und van Nistelrooy gab es ein ähnliches Theater.

        Keine Frage: Sie sind allesamt wichtige Spieler, die auch in der Lage sind Spiele zu entscheiden, aber letztendlich eben doch nur einer von elf.

      • Enno Enno
        Am 16. April 2010 um 20:25 Uhr veröffentlicht | Permalink

        Ja, die Personifizierung hängt natürlich stark mit dem Phänomen des „Typen“ zusammen. Das kann man wohl kaum bestreiten. Dennoch ist die Sehnsucht nach einem „Cowboy“ doch ziemlich bemerkenswert. Es könnten ja auch andere Bilder des Heroen gezeichnet werden. Das passiert aber eigentlich nicht.

        • Am 17. April 2010 um 17:21 Uhr veröffentlicht | Permalink

          Aber Zweikämpfe, ohne die es eben auch nicht geht, als entschärfte Variante des Duells in der Mainstreet zu erkennen, liegt doch sehr nahe, oder?

          Außerdem: Da treffen 22 Kerle im besten Testosteron-Alter aufeinander. Bevor da nicht auch mal das Ideal des Machos hochgehalten wird, haben die „Grünen“ im Bund eine Zweidrittelmehrheit ;-) Und die Fans, bei denen es nicht (mehr) zehnmal täglich klappt, identifizieren sich nur allzu gerne 90 selige Minuten mit dieser Illusion von Männlichkeit.

          Also stellt sich dieser unerträglich arrogante Ronaldo eben wie John Wayne beim Stuhlgang breitbeinig hin, bevor er dann doch leider wieder das Teil in die obere linke Ecke semmelt…

          Erzkonservativ? Dann schon eher archaisch…

  7. junichi
    Am 18. April 2010 um 16:37 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Hallo Enno, danke für den interessanten Artikel. Aber mal eine Frage: Warum denkst Du hat Barcelona – das Kollektivteam schlechthin – Puyol zum Kapitän gemacht? Sicherlich ist Vereinszugehörigkeit ein Kriterium, aber das beantwortet die Frage hier nicht erschöpfend.

  8. Am 19. April 2010 um 16:10 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ohne hier ungebührend Werbung machen zu wollen, so sei kurz der Hinweis erlaubt, dass sich auch die Stadionwürste mit den „Drecksäcken“ in einer Fußballmannschaft beschäftigt haben. Mir ist dabei aufgefallen, dass diese unangenehmen Typen Marke „Maik Franz“, „Michael Ballack“ oder „Matthias Sammer“ sehr wohl wichtig für ein Team sind. Warum? Weil sie absoluten Siegeswillen ausstrahlen. Die Körpersprache, ihr Verhalten, ihre verbale Ausdrucksweise kennen nur das Streben nach dem Sieg. Das ist in einem äußerst expressivem Sport wie dem Fußball nicht unbedeutend.

    Natürlich macht ein „agressive leader“ alleine keine Mannschaft zum Meister. Aber wenn das Potenzial stimmt, dann hilft ein solcher Spielertypus. Man schaue infach mal auf den aktuellen Zustand der TSG Hoffenheim. Dann stelle man sich vor, sie hätten einen Sammer im Team. Ich glaube kaum, dass sich die Spieler derart hängen und den Absturz des Vereins derart distanziert geschehen ließen.

  9. dns
    Am 19. April 2010 um 17:16 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ein Rudel braucht einen Leitwolf, eine Herde braucht einen Leithammel, eine Gorillasippe einen Silberrücken, eine Affenbande einen Oberaffen. Das ist, denke ich, kein Fussball-Ding. Das ist eine gruppendynamische Grundlage.
    Die Ausnahme bestätigt die Regel. Es gibt immer wieder Gruppen, die ohne Führungscharakter funktionieren. Das sieht man auch speziell in kleinen Unternehmen, die noch von einer Ideologie oder Vision getragen werden und vollkommen ohne Hierarchie effizient sind. Der Laden wird dann größer, es werden ein, zwei Leute eingestellt und das Gefüge verändert sich. Wenn dann keiner da ist, der die unvermeidbare Grüppchenbildung verhindert und somit „die Stämme vereint“, dann zerfällt das Gefüge.
    Ähnliches hab ich auch mal in der Karibik beim Anstehen am Bus beobachtet. Bis 15 Personen bildet sich eine saubere Schlange und alle sind entspannt. Ab knapp 20 Leuten bildet sich ein wilder Haufen und jeder fährt die Ellbogen aus. War aber ein „Typ“ mit natürlicher Austrahlung da, der sich wie eine Art Türsteher so plazierte, dass die Tür nur von einer Seite betretbar war, kam es auch bei 30 Leuten nicht zur Haufenbildung.
    Ich denke, es liegt in unserer Natur, nach dem „Stammeshäuptling“ zu suchen, sofern wir es nicht selbst sind.
    Auf der anderen Seite sind zu viele „Chefköche“ genauso hilfreich, wie kein Chefkoch, wobei aber bei zuvielen die Chance höher ist, dass es gut geht (hier denke ich an Barca), weil der Mensch zumindest zeitweilig in der Lage ist, sein Ego dem gemeinsamen Erfolg unterzuordnen und einfach eine Weile nicht auf seinen Führungsanspruch besteht. (Mal sehen, wie gut Barca funktioniert, wenn es mal nicht läuft und die Saison auf Platz 4 beendet wird.)
    Anders sieht es aus, wenn es keinen einzigen Gruppenteil gibt, der Führungsanspruch anmeldet. Wenn sich jeder hinter der Gruppe verstecken will, anstatt sich als Teil der Gruppe nach vorn zu stellen, dann nennt man das „geordneter Rückzug“. (Hier spreche ich von der Hertha in der Hinrunde und auch teils der Rückrunde. Auch wenne s manchmal eher nach Flucht, denn nach Rückzug aussah.) Ich denke, hier liegt auch der Grund für Funkels Nicht-Wechsel-Taktik der ersten Spiele. Er hat es einfach keinem Spieler gestattet sich aus dem Staub zu machen, bzw. versucht, aus den Ersatzlern eine Reaktion hervorzukitzel, die zeigt, wer eigentlich etwas gegen die Misere tun wolle. Aber gut, Funkels Gedanken sind die seinen, vielleicht schreibt er ja mal Memoiren und klärts auf. ;)

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