Und dann kam Ronny…

Es war der erwartet schwere Auftakt gegen den unangenehm spielenden SC Paderborn. Jos Luhukay hatte seine Ankündigung aus dem Vorfeld der Partie gegen Juventus Turin wahr gemacht: „Es gibt keine Experimente“ hatte der Hertha-Coach gesagt und mit einer Ausnahme glich die Startelf gegen Paderborn der gegen Juventus. Lediglich der Top-Torschütze der Vorbereitung, Elias Kachunga, blieb auf der Bank, für ihn rückte Fabian Lustenberger in die Aufstellung.

Das bedeutete zunächst einmal: Absicherung. Defensiv sicher stehen. Nicht zu früh in Rückstand geraten. Doch diese Gefahr bestand zunächst gar nicht. Hertha legte los, wie man es sich einmal in der vergangenen Erstliga-Saison im Olympiastadion gewünscht hätte: Mit viel Engagement und Zug zum Tor. Leider setzte sich der ineffiziente Trend aus dem Turin-Spiel auch gegen Paderborn fort: Sami Allagui nutzte seine erste Chance nicht, kurz zuvor hatte Paderborns Keeper gleich dreimal Hand und Körper zwischen den Ball und seine Torlinie bekommen. In der gleichen Szene hätte sich Paderborn allerdings nicht über einen Elfmeter-Pfiff beschweren dürfen, als einem Verteidiger der Ball an die Hand sprang. Schiri Aytekin ließ allerdings weiterlaufen. Die anschließende Schwalbe von Fabian Lustenberger war eine Frechheit.

Danach war Hertha fast nur noch durch Standards gefährlich. Im Spielaufbau trauten sich die jungen John Brooks und Nico Schulz nach dem überraschenden 0:1 überhaupt nichts mehr zu und übten sich im Ballquergeschiebe. Marcel Ndjeng versuchte zumindest etwas Druck nach vorne zu entwickeln. Und Roman Hubnik spielte, nunja, wie immer. Im Mittelfeld schoben sich Lustenberger, Kluge und Niemeyer gegenseitig die Verantwortung zu, während die Außenstürmer Knoll und Beichler blass blieben. Sami Allagui wurde häufig mit langen Bällen gefüttert – es gibt andere Dinge, die ihm besser schmecken.

Und dann kam irgendwann Ronny in die Partie. In der 60. Minute schickte ihn Jos Luhukay auf den Platz und sofort veränderte sich das Spiel der Herthaner. Plötzlich war da jemand, der die Bälle anzog, sie sogar haben wollte und meist auch etwas damit anzufangen wusste. Ronnys Technik ist unbestritten, sein linker Fuß zumindest bei Youtube berühmt, doch den Ausgleich – den machte er mit Rechts.

Dass Hertha kurz nach seiner Einwechslung beinahe das 0:2 kassiert hätte, geschenkt. Erstens hätte der potentielle Schütze, Daniel Brückner nach einem Tritt in der ersten Halbzeit gar nicht mehr auf dem Platz stehen dürfen und zweitens konnte sich Sascha Burchert dadurch endlich einmal auszeichnen. Seine Parade rettete Hertha in dieser Phase die Moral, die nur eine Minute später in Ronnys Treffer münden sollte.

Es folgte eine verrückte Schlussphase mit Chancen auf beiden Seiten, wobei die größte durch Ramos vergeben wurde, der den Ball nach Pass von Ndjeng weder in Richtung Tor noch auf den völlig blank stehenden Wagner weiterleitete. Da wurden sie wieder wach, die Erinnerungen an die vergangene Saison. Umso mehr, als ein mindestens diskussionswürdiger Elfmeterpfiff das Spiel zu entscheiden drohte. Hubnik traf in der Szene zwar auch etwas hölzern seinen Gegenspieler, spielte allerdings mit dem Knie zuallererst den Ball. Hertha reagierte mit viel Wut im Bauch, Ronnys linker Fuß und Allaguis Schlitzohrigkeit sorgten schließlich dafür, dass Hertha am Ende zumindest einen Punkt in Berlin behalten konnte.

Die Lehren aus dem Start gilt es nun für das Trainerteam zu ziehen. Es war ein Zeichen an die Jugend, dass Jos Luhukay in der Defensive auf Spieler wie Schulz und Brooks setzte – obwohl zum Beispiel Schulz‘ Stärken eigentlich komplett in der Offensive liegen. Man konnte das häufig beobachten, in der A-Jugend spielte Schulz eine Art Arjen Robben auf der linken Seite. Er ging in acht Dribblings und kam zweimal durch. Eins davon führte dann in der Regel zu einer Chance oder sogar zu einem Tor. Hinten links wird ihm aus meiner Sicht vieles von seiner Gefährlichkeit genommen. Ich gönne Marvin Knoll seine Nominierung und habe viele gute Ansätze gesehen, aber mir persönlich würde eine Links-Achse Bastians-Schulz (in dieser Reihenfolge) deutlich besser gefallen.

Im Mittelfeld ist Hertha gut besetzt, aber Luhukay tut gut daran, sich dort mehr zuzutrauen. Lustenberger, Niemeyer und Kluge haben ihre Qualitäten vor allem im Abräumen, auch wenn der Schweizer grundsätzlich dazu in der Lage ist bzw. vor seinen zahlreichen Verletzungen in der Lage war, auch offensive Akzente zu setzen. Was aber möglich ist, wenn man sich in der Mitte etwas mehr zutraut, hat man gesehen, als Ronny schließlich die Zentrale besetzte.

Aber das ist ja auch eine Qualität. Selten war Hertha in so vielen Bereichen so unterschiedlich gut besetzt. Luhukay kann auf jede erdenkliche Situation von der Bank reagieren. Und mit Änis Ben-Hatira kommt jetzt noch so einer dazu, der ein Spiel mit einer Überraschungs-Aktion entscheiden kann.

Die neue Hertha – mir hat sie zumindest teilweise Spaß gemacht. Aber ich glaube die Mannschaft weiß noch gar nicht, welche herausragenden Qualitäten sie in sich trägt.

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  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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3 Kommentare

  1. Schoddie
    Am 7. August 2012 um 08:19 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Bravo! Genau meine Meinung.

    Luhukay sollte sich in den nächsten Spielen wirklich mehr zutrauen. Ich kann verstehen, dass man mit einer nicht eingespielten Truppe erstmal auf Ergebniss spielt. Trotzdem hätte ich mir gewünscht, dass man direkt am ersten Spieltag ein dickes Zeichen setzt und versucht bedingungslos auf Sieg zu spielen. Mit zwei Spitzen halt, wie man ja schließlich auch die ganze Vorbereitung trainiert hat.

    Und Ronny muss spielen! Vielleicht kriegt Luhukay ihn ja mal endlich richtig fit. Der spielt Pässe, die spiele ich auf der Playstation nicht. Einfach genial! Ich würde Hertha gerne offensiv mit zwei Spitzen, Änis und Ronny spielen sehen. Dann ne starke Achse mit Kraft, Hubnik und Kluge/Niemeyer/Lusti (maximal zwei davon). Mit einer derartigen Mannschaft müsste doch attraktiver und erfolgreischer Fußball in Liga 2 zu spielen sein.

    Aber gut, ich freue mich auf die Saison. Wir tun gut daran, uns als Borussia Dortmund der zweiten Liga zu sehen und auch dementsprechend aufzutreten.

  2. Am 7. August 2012 um 12:30 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Hättet ihr wohl in der ersten Viertelstunde eine der Chancen genutzt, wäre der Drops womöglich gelutscht gewesen. Ansonsten können wir gut gegen euch und auch gut gegen die vermeintlichen Übermächte in der Liga. Das liegt bedingt daran, dass unsere Defensive, auch wenn sie nun neu formiert ist, stark ist und dass man mittlerweile ziemlich effizient mit seinen Möglichkeiten umgeht, vgl. das 1:0.

    Klar, Mr. Aytekin war eine Witzfigur. Sämtliche Fehlentscheidungen. Doch unterm Strich finde ich nach wie vor, dass es ein gerechtes Remis war. Auch Jos klang nach der Partie nach außen zufrieden. Zwei Rückstände aufgeholt und Moral gezeigt.

    Wir konnten eigentlich nur froh sein, dass es noch August ist und nicht Oktober/November. Spätestens dann hätte ich mir eigentlich keine Chance gegen Hertha ausgerechnet!

    • Daniel
      Am 7. August 2012 um 13:09 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Keine Frage, das Unentschieden hattet ihr euch (mehr) verdient (als wir), am Ende war es eine Mischung aus viel Glück, ein bisschen Verzweiflung und Ronnys linkem Fuß, die den Ausschlag für die Punkteteilung gegeben hat.

      Um die Effizienz beneide ich euch – die hätten wir in den letzten drei, vier Jahren (und natürlich auch jetzt) gut gebrauchen können. Ich hab das bisher nur in persönlichen Gesprächen gesagt, aber ich glaube (und ein bisschen Hoffnung ist natürlich auch dabei), dass Paderborn noch einige Teams in dieser zweiten Liga ärgern wird. Ich hoffe natürlich, dass es Aufstiegskonkurrenten von Hertha sein werden ;-)

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  • Von Blick über den Kurvenrand #1 | Hertha BSC Blog am 7. August 2012 um 14:12 Uhr veröffentlicht

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