Unter dem Radar

Es gibt ein paar Fragen, die mir in den letzten Tagen häufiger gestellt werden. Auf Parties, im Büro, auf dem Fußballplatz. Das hat natürlich damit zu tun, dass der Bundesliga-Start immer näher rückt (und in einem Fall auch damit, dass die zweite Liga – da, wo Hertha zuletzt gespielt hat und wo der Fragesteller sie immer noch verortete – bereits wieder angefangen hat). Aber die Häufung finde ich trotzdem bemerkenswert.

„Was macht denn deine Hertha eigentlich? Wen habt ihr denn so verpflichtet? Und wie liefen die Testspiele so?“

Das mag für unregelmäßige Leser dieses Blogs merkwürdig klingen. Andere wissen natürlich, dass ich in hier in einer Stadt lebe, in der Hertha vom Stellenwert her ungefähr auf einer Ebene mit Frauen-Eishockey ist. Ausnahme: Wenn Hertha zufällig der nächste Gegner des BVB ist. Dann wird schonmal darüber geredet, welchen Linksverteidiger Blaszczykowski heute schwindelig spielt und wem Lewandowski den Ball diesmal durch die Beine schiebt. In kurz: Hertha hat hier die Relevanz eines abgelaufenen Toastbrots und ich denke, dass das ein ganz guter Gradmesser für den Rest der Republik ist.

Hertha läuft in dieser Vorbereitung ganz eindeutig unter dem Radar.

Man vergisst das ja ganz gerne mal, wenn man in Berlin lebt, wo täglich die Zeitungen und Internetauftritte über den größten Berliner Sportverein berichten. Aber Hertha bundesweit – da ist das Interesse auf den nächsten Fehler von Michael Preetz oder die Gewichtsprobleme von Ronny beschränkt. Klassisches „Ha-Ha“-Interesse. Nur: In solchen Sphären taucht Hertha nun schon lange nicht mehr auf. Entsprechend findet Hertha national kaum statt. Und das ist für die Vorbereitung wirklich gut so.

Klar, sie werden sich in Frankfurt sch0n damit beschäftigen, was Jos Luhukay mit seinen Aufsteigern vorhat. Hertha ist schließlich der erste Gegner. Aber als ich neulich zum Beispiel einen guten Freund und Frankfurt-Fan traf, war die erste fußballthematische Frage: „Wen habt ihr denn so verpflichtet?“. Sowas überrascht mich dann schon, denn was mich angeht, kann ich zwar nicht alle Neuzugänge von allen anderen Bundesligisten aufzählen, aber ich bin schon so interessiert, dass ich weiß, bei welchem Verein ich sagen kann: Hmmm, wenn die alle einschlagen, wird es Hertha im direkten Duell schwer haben.

Dieses Selbstvertrauen hätte ich ehrlich gesagt  auch gerne. Sagen zu können: Was die anderen machen, ist mir egal, wir sind stark genug. Sind wir auch, zumindest was das Tabellenende betrifft. Oder sollten wir sein. Wenn alles klappt. Und sich niemand verletzt. Ihr seht: So sicher bin ich mir wirklich nicht.

Was Mut macht, ist diese merkwürdige Vorbereitung unter dem Radar. Niemand scheint Hertha auf dem Zettel zu haben, weder für ganz oben noch für ganz unten. Schön mittig, da ordnet man Hertha ein. Schaun mer Mal. Das ist dann auch die Antwort, die ich gebe, wenn ich mal wieder gefragt werde: Ja, alle Testspiele gewonnen, ganz gute Leute verpflichtet, den Trainer hatten wir ja schon, aber wichtig is‘ auf’m Platz.

Phrase schon klar. Aber so wirklich interessiert es sie ja ohnehin nicht. Und wenn Ronny ihnen mit einem seiner Freistöße die Punkte entführt hat, werden sie es ohnehin merken.

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    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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7 Kommentare

  1. Natalie
    Am 22. Juli 2013 um 19:27 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Hallo,
    ich finde, daß Deine Beobachtung grundsätzlich richtig ist, aber ich habe dafür eine ganz andere Begründung. Dazu werde ich später einmal ausführlich bloggen, Recherche wird noch nötig sein.
    Nur soviel, Hertha interessiert maximal als Verein der Hauptstadt, aber eigentlich niemanden außer uns Fans. Ich glaub, das hat allein politische Gründe, Hertha hat von allen Vereinen Deutschlands am meisten unter der Teilung des Landes gelitten. Hertha war zunächst ein gesamtdeutscher und (gesamt)berliner Verein, wegen der Teilung nur noch ein westberliner Verein, und das ist in den Köpfen einfach so geblieben. Wir sind weder west- noch ostdeutsch, sondern eine Fußballenklave innerhalb der Bundesliga. Allein deshalb bringen uns nur Skandale ins Gespräch.
    Wie gesagt, ich gehe jetzt nicht groß in die Tiefe, aber ich denke, Du verstehst, worauf ich hinaus will.
    Beste Grüße in die Diaspora ;)
    Natalie

    • Daniel
      Am 22. Juli 2013 um 20:00 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Hochspannender Ansatz, den ich auch so schon erahnen kann. Aber ich würde mich freuen, mehr davon zu lesen :-)
      Grüße zurück!

    • Enno
      Am 23. Juli 2013 um 08:26 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Hey Natalie, kennst du meinen Beitrag zum Thema?

      http://www.hertha-blog.de/hertha-bsc-und-die-folgen-des-geteilten-deutschlands.html

      Bin gespannt, was du dazu schreiben wirst!

    • Anonymous
      Am 23. Juli 2013 um 12:07 Uhr veröffentlicht | Permalink

      @natalie…gehe seit ca. 1998 regelmäßig ins Stadion…das was du so schön beschreibst ist genau das was mich an der hertha so anzieht…fahre dafür gern 130km eine Strecke…

  2. LLcoolandi
    Am 22. Juli 2013 um 20:12 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Hab‘ da mal ’ne Frage; Warum sollte sich jemand außerhalb von Berlin/Brandenburg für Hertha interessieren und warum soll das „uns“ interessieren ?
    Wenn es sportlich nicht läuft, hilft es auch nicht, keine wirklichen Typen in der Truppe zu haben. Seit es also keine Typen mehr bei Hertha gibt (z.B. Pante, Marcello, Friedrich) gibt es auch nichts außerhalb vom Platz zu berichten
    – Sportlich nichts los
    – Weichgespülte Typen (Niemeyer, Baumjohann, Kluge)

    Was bleibt da noch ? Evtl. noch Ronny ;-)

  3. Am 22. Juli 2013 um 21:29 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Schöner Blog, den ich mittlerweile abonniert habe. Ich war bislang einmal bei der Hertha im Stadion und finde diese wunderbar alte Arena einfach so großartig, dass ich über deinen Blog mich über die Hertha informiere.

    Gerade von Baumjohann halte ich sehr viel. Bei Kaiserslautern war er einer der stärksten im letzten Jahr, der sollte sich in der ersten Liga etablieren können.

  4. Halblinks
    Am 23. Juli 2013 um 20:04 Uhr veröffentlicht | Permalink

    schöner Beitrag und gut beobachtet. Aber ist das nicht eigentlich schon immer so? Gab es je eine Zeit in den letzten, sagen wir, 20 Jahren, in denen die Hertha irgendjemanden in Fußballdeutschland wirklich interessiert hätte?
    Aber ist es nicht auch genau das, was uns Berliner letztlich ausmacht, dass uns genau dieser Umstand vollkommen wurscht ist. sollen die doch alle denken, was sie wollen. Schön wäre nur, wenn man irgendwann, sagen wir, in den nächsten 20 Jahren, aus dieser „scheiß-egaler Underdog-Rolle“ mal etwas zählbares machen würde.
    Klassenerhalt wäre mal ein erster Schritt.

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