Viva la Relegation!

So gegen 17.10 Uhr war es plötzlich ganz still im Berliner Olympiastadion. Marvin Compper hatte den Ball über die Linie gedrückt und die zehn Hoffenheimer noch einmal auf 1:2 herangebracht. Plötzlich wurden ängstliche Blicke getauscht: Das würde doch jetzt nicht noch…?

Nein, es wurde nicht. Aber sind wir ehrlich: Es hätte zu dieser Saison gepasst, wenn Hertha in der 90. Minute noch ein Eigentor kassiert hätte, ähnlich dem, durch das der 1. FC Köln zu Hause gegen die Bayern mit 0:2 in Rückstand geriet. Ping-Pong. Unglück. Unfassbares Pech.

Andererseits hatte Hertha dieses Pech ja in den 33 Saisonspielen zuvor bereits arg strapaziert. Rote Karten bekommen, Eigentore erzielt, unfassbare Gegentore zugelassen. Nein, das Glück war zurückgekehrt ins Olympiastadion, zumindest für diesen einen Tag, den 34. Spieltag der Bundesliga.

Es zeigte sich zunächst in Person von Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer, der bis zur 42. Minute alle noch so harten Fouls der Herthaner durchgehen und bis auf zwei Ausnahmen die Karten stecken ließ. Doch dann wurde Hoffenheims Babel in seinen Gegenspieler geschubst (keine Frage, dass er sich da auch ein bisschen hineinwarf) und rückte im Anschluss daran ein wenig zu nah an Hertha-Kapitän Levan Kobiashvili heran. Der nahm es decamargo-esk an – und ging zu Boden (allerdings ohne ernsthaft zu leiden). Kinhöfer zeigte für das Hineinwerfen in den Gegenspieler Gelb und für das Zunahheranrücken an Kobiashvili auch – Gelb-Rot für einen der gefährlichsten Hoffenheimer, Danke, sagten die 50.000 im Stadion! Um das Ganze so ein bisschen zurechtzurücken, versagte er Hertha drei Minuten später einen klaren Elfmeter – trotzdem hatte Kinhöfer entscheidend ins Spiel eingegriffen.

Das muss erwähnt werden, denn wir haben uns in dieser Saison oft genug über Schiedsrichter-Entscheidungen aufgeregt. Über übertriebene rote Karten. Über Elfmeter. Oder beides. Und dass Kobiashvili in dieser Situation so zu Boden geht, würde mich als Kölner genauso aufregen, wie ich mich damals über de Camargo aufgeregt habe. Der Unterschied ist lediglich der, dass Köln an den Spieltagen zuvor genug Chancen hatte, den Sack zuzumachen. Dennoch: Ich möchte nicht, dass mein Verein mit solchen Aktionen Vorteile erzielt.

Denn es ist gut möglich, dass Hertha nun in der Relegation auf eine Mannschaft trifft, die so durch die gesamte Saison gekommen ist. Aber damit beschäftigen wir uns, wenn es soweit ist. Die potentiellen Gegner heißen Fortuna Düsseldorf (sehr wahrscheinlich), FC St. Pauli oder SC Paderborn. Angst muss niemand vor diesen Teams haben. Denn wirklich beworben haben sie sich in diesem Jahr nicht für den dritten Aufstiegsrang. Düsseldorf hat 2012 (Stand heute) nur vier (!) Spiele gewonnen. St. Pauli fünf, Paderborn sechs. Letzteres wäre im Übrigen eine nette Pointe für all die Berichte in den letzten Wochen und Monaten, in denen davon die Rede war, dass Hertha in der nächsten Saison wohl nach Paderborn müsse.

Pierre-Michel Lasogga wird Hertha in der Relegation fehlen. Diagnose: Kreuzbandriss. Bitter für ihn. Bitter für Hertha. Denn die Innenverteidiger suchten ihn immer wieder als Anspielstation für lange Bälle – die einfachste und sicherste Variante für Verteidiger. Lasogga pflückte sie immer wieder herunter, saugte sie an und verteilte sie. Adrian Ramos wird ihn ersetzen müssen. Es sind zwei Spiele für den Kolumbianer, in denen er vieles wieder gut machen kann.

Was Hertha unbedingt mitnehmen muss aus dem Spiel gegen Hoffenheim, ist der Wille in die Zweikämpfe zu gehen. Fanol Perdedaj steht dafür beispielhaft, auch wenn er bereits nach 44 Minuten raus musste. Es lag auch an ihm, dass Ryan Babel kurz zuvor schon etwas entnervt war. Und es spricht für Perdedaj, dass er sauer war, dass er raus musste. Er wird noch wichtig werden, in dieser Relegation.

Überhaupt die Relegation! Wir, als Fans, müssen uns ja beim so oft verschrieenen „modernen Fußball“ bedanken, dass Hertha am Leben bleibt, dass wir am Leben bleiben, dass wir dieses Spiel gegen Hoffenheim, das ja noch einmal Euphorie freigesetzt hat, erleben durften. Die Relegation ist reine Geldmacherei, Fernsehrechte sollen verkauft werden, die Bundesliga noch dramatischer werden. Wir müssen uns dafür bedanken und hoffen, dass die Mannschaft diese Chance jetzt nicht mehr aus der Hand gibt. Viva la Relegation!

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  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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10 Kommentare

  1. Walter
    Am 6. Mai 2012 um 11:55 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Otto find ich gut!! :)

  2. Oliver
    Am 6. Mai 2012 um 14:31 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich hoffe auch, daß diese beiden Spielen mit ihrem besonderen Charakter noch einmal alle Lebensgeister in ihm wecken. Otto will die Dinge, die er anpackt immer durchziehen, nicht nur einen Überraschungssieg, sondern so viele, daß man auch Sensationseuropameister wird. Ich hoffe, daß er dieses Können noch einmal abruft, man konnte ja schon den Eindruck haben, daß er auch ein bißchen resigniert hatte. Aber jetzt sind wir alle wieder da. Und Fair-Play kann man machen, wenn man oben steht, im Moment brauchen wir auch mal so eine Kobi-Aktion. Zumal er durch eine solche unfaire Aktion von Derdiyok selber rausgeflogen ist, das war auch ein perfektes Umfallen von ihm, Kobi hat dadurch in den wichtigen Spielen gefehlt.

  3. Halblinks
    Am 7. Mai 2012 um 12:34 Uhr veröffentlicht | Permalink

    uiuiui. Wie findet man das?!?!
    Das wird was. Not gegen Elend live im TV. Die Fortuna hat sich ja auch nur, von der grandiosen Hinrunde zehrend, auf Platz 3 gerettet, weil die anderen beiden auch wochenlang auf einem Auge blind waren.
    Souverän tritt da wohl keine der beiden Mannschaften auf. Wenn man dann die Versagensangst noch bis auf die Tribüne riechen kann, dann werden das zwei ganz unansehnliche Fußballspiele, in denen ein Zufallstreffer letztlich entscheidet.
    Emotional will man die Hertha sicher in Liga eins behalten. Das Rationale in mir sagt mir aber, dass dann definitiv kein Neuanfang gemacht wird, sondern unter Wiederholung der üblichen Scheixxhausparolen ein „Weiter-so“ die nächsten Desastersaison einleiten würde. Der „Trainerverpflichtungsreflex“ des MP deutet ja wieder auf einen gefallenen „Star“.
    Erst holt er einen ältlichen halb abgehalfterten (Funkel) und scheitert. Dann folgt der gescheiterte Jungtrainer (Babbel) und es sieht nach Erfolg aus. Man scheitert aber aus „persönlichen“ Gründen. Dann versucht er diesen Ansatz zu wiederholen und glaubt in Skibbe einen ebenfalls gescheiterten gefunden zu haben. Diesmal geht das aber gründlich in die Hose. Also holen wir eben wieder einen alten, abgehalfterten Trainer.
    Derzeit kursiert ja zumindest der Name Doll, der wieder in die andere Kategorie passen würde. Mein Tipp: Ausgang = Skibbe
    Aber einen Trainer mit Konzept, den KÖNNEN sie garnicht verpflichten. Warum? Weil der (wie Rangnik es angeblich getan hat) verlangen würde, dass MP keine Verantwortung im sportlichen Bereich hat. Leider ist das offensichtlich. Es wird sich somit beim Klassenverbleib nichts ändern.
    Bitter, bitter, bitter.
    Man sollte, zum Wohle des Vereins, für Fortuna sein.
    Ich kann es kaum fassen, dass ich das geschrieben habe.

  4. Oliver
    Am 8. Mai 2012 um 11:01 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich glaube, daß es zumindest zwei sehr spannende Spiele werden und setze darauf, daß die Mannschaft wie im letzten Spiel endlich ihren Mut und ihre Einsatzbereitschaft gefunden hat. Vielleicht verschieben sie es wieder auf das zweite Entscheidungsspiel, daß machen sie ja ganz gerne, erst wenn, es wirklich nicht mehr anders geht, bringen sie die nötige Leistung. Deswegen weiß ich nicht, ob ein volles Olympiastadion gut wäre, daß können sie eher nicht, aber so gute 60.000, das wäre schon gut. Auf alle Fälle möchte ich nicht, daß sie absteigen, daß sollte man eigentlich während des Spiels am Sonnabend gemerkt haben. Wegen eines vielbeschworenen, eventuellen Neuanfangs in der zweiten Liga ? Ich halte das für Unsinn, und ich möchte auch nicht zwei oder drei Jahre in der zweiten Liga rumdümpeln, das Risiko ist viel zu groß gegenüber der reellen Chance in der ersten Liga zu bleiben.
    Mich wundert nur, daß hier so wenig los ist, es kommen die zwei Spiele des Jahres und es herrscht wieder Schweigen im Walde. Wenn es wegen der Unsicherheit ist, ob man sich über diese Chance freuen soll oder nicht, dann kann ich das wie beschrieben einfach nicht verstehen. Es ist wirklich nicht zu fassen, zum Wohle des Vereins für Düsseldorf zu sein. Ich habe 17 Jahre gewartet, bis Hertha endlich wieder richtig in der ersten Liga, wo sie hingehören, etabliert war. Das war lange genug, und ich glaube, daß gerade die jüngeren Fans da zu wenig Leidenszeit hinter sich haben, um immer wieder mit diesem unseligen „Neuanfang in der zweiten Liga“ anzukommen.
    Hertha ist keine Fahrstuhl-Mannschaft, aber es ist einfach schwer nach einem Wiederaufstieg in der ersten Liga zu bleiben, daß darf man ja auch nicht vergessen. Also gebt euch einen Ruck, und glaubt an eure Mannschaft.

    • chris
      Am 8. Mai 2012 um 12:11 Uhr veröffentlicht | Permalink

      recht hast du!

      • Oliver
        Am 8. Mai 2012 um 17:03 Uhr veröffentlicht | Permalink

        Danke, da freue ich mich, daß es noch andere gibt, die nicht nur draufhauen.
        Gerade habe ich die Aussagen von Klopp über Preetz gelesen.
        Auch wenn ich finde, daß Preetz einige schwere Fehler unterlaufen sind: Es ist interessant, daß ihn Klopp verteidigt, und dem muß man ja wohl eine ordentliche Meinung und Fußball-Sachverstand zugestehen. Unter anderem hat er auch dieses Argument angeführt, daß gar nicht selbstverständlich davon auszugehen war, daß Hertha in der Bundesliga bleibt. Er hat zwar auch nach dem Hinrunden-Auswärtssieg gesagt, daß Hertha kein normaler Aufsteiger sei und eine große Qualität hätte. Zumindest mit dem ersten Punkt hat er recht behalten und vom zweiten können sie uns noch immer überzeugen.

  5. Halblinks
    Am 8. Mai 2012 um 17:42 Uhr veröffentlicht | Permalink

    ich kann ja alle Fans verstehen, dass man aus emotionaen Gründen natürlich für einen Verbleib in der Liga ist. Das ist bei mir doch genauso.
    Übrigens eine spaßige Annahme, dass nur „zu junge“ Herthafans in dieser Situation es sachlich beurteilen würden, weil der Leidensdruck noch nicht hoch genug wäre. Würde ja bedeuten, dass man mit dem Alter seine analytischen Fähigkeiten und Distanz verlieren würde. Ich denke, genau das Gegenteil ist der Fall/sollte der Fall sein.

    Ich finde es, wie eigentlich schon ausführlich dargelegt, bedenklich, wenn aus den Fehlern der abgelaufenen Saison nichts gelernt werden würde.
    Allein die, nach der Performance und Leistungsbereitschaft der Mannschaft in der Rückrunde, geäußerte Platitüde, dass niemand davon ausgehen konnte, dass Hertha problemlos die Liga halten würde, öffnet der Tatsache Tür und Tor, dass man sich einer eingehenden Analyse verschließt.
    Das ist eben meine größte Sorge, dass man zu einem Weiter-so kommt, weil man sich einredet, dass der Verlauf der Saison „irgendwie normal“ gewesen wäre. Somit stellt sich eben die Frage, wie eine Aufarbeitung aussehen kann, wenn man den Kopf noch aus der Schlinge ziehen sollte.
    Die finanzielle Lage läßt doch bei einem Ligaverbleib extrem enge Grenzen für Veränderungen/Verbesserungen, zumal die allermeisten Verträge weiterhin Bestand haben dürften. Es wird, mit ganz wenigen Ausnahmen also diese Mannschaft sein, mit der man mit einem noch zu findenen Trainer in die nächste Saison geht.
    Was ist dann das Argument? „Das zweite Jahr ist immer das schwerste“? Mit welchem Grunde sollte die gleiche Mannschaft, die diese Rückrunde gespielt hat, auf einmal mit dem Ziel Mittelfeld gerechtfertigt in die Saison starten?
    Warten wir es mal ab, am Dienstag abend sehen wir die Zukunft schon wieder ein Stück weit klarer.

    • Oliver
      Am 9. Mai 2012 um 22:44 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Diese Rückrunde hat doch nicht das wahre Leistungsvermögen der Mannschaft wiedergespiegelt. In der Hinrunde hat man nicht schön gespielt, aber wenigstens erfolgreich und man wäre auf einem sicheren Mittelfeldplatz gelandet, wenn Babbel nicht hätte gehen wollen. Und das wäre eine großartige Leistung von Babbel gewesen, so
      was kann er wohl, eine Mannschaft wenigstens die nötigen Punkte holen lassen. Es ist nämlich keine Platitüde, daß es schwer ist, als Aufsteiger die Klasse zu halten, das hat man ja nun gesehen. Ich finde es einfach völlig falsch, diesen Zusammhang herzustellen, daß die Mannschaft so schlecht spielt, weil der Verein oder Preetz so viel falsch gemacht haben und das wird nur besser, wenn man absteigt. Das finde ich unsachlich und miesepetrig, als typische Berliner Unart. Da wissen schon vor dem Spiel immer alle, daß Hertha sowieso verliert, um dann aber laut mitzujubeln, wenn ein Tor fällt. Eigentlich will man, daß Hertha gewinnt, aber erst mal wird alles schlecht gemacht. Ich habe das nie verstanden. Eine von Jürgen Klopps goldenen Regeln, auf die sich seine Mannschaft einschwören mußte, lautet „bedingungsloser Einsatz für die Mannschaft egal in welcher Spielsituation“. Das scheint gut zu funktionieren und das muß auch für die Fans gelten.
      Preetz hat viel verbockt, aber welcher Manager liegt bei Spielern und Trainern, die er verpflichtet, immer richtig ? Und die Visage von Gegenbauer kann ich auch nicht mehr sehen, und ich will auch mehr Sachverstand im Jugendbereich, anstatt ehemalige Spieler als Trainer . Also natürlich Veränderung und Fehleranalyse, aber was waren eigentlich die Fehler in dieser Saison? Da fängt es schon an. Und ob dies bei einem Abstieg geschehen würde, so wie man sich das vorstellt, ist auch sehr fraglich. Ich weiß nur, daß ich nicht wieder in die zweite Liga will, das eine Jahr hat wirklich gereicht, und ich glaube auch, daß es morgen einen Zuschauerrekord für ein Abend-Spiel in der Woche geben wird, weil die Leute, die kommen, wenigstens heimlich, so wie du, darauf hoffen, daß Hertha es doch noch schafft. Was für eine schöne Geschichte wäre das.

  6. unionkommt
    Am 8. Mai 2012 um 21:28 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Wenn Hertha absteigt, dann sind sie wech vom Fenster für eine sehr lange Zeit. Hertha hat es doch damals nur wieder in die Bundesliga geschafft weil keiner mehr Blau-Weiß 90 ertragen konnte.

    • Joel
      Am 9. Mai 2012 um 09:13 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Vor Union werden sie wohl immer bleiben, das hat wohl auch was mit Beliebtheit zu tun, da kommt dann eher mal ein zahlungskräftiger Sponsor und hilft hier und da ;-)
      Ein Cut ist aber auch bei Verbleib in Liga 1 notwendig