Von Diego zu Cigerci in 48 Stunden

Es ist schon Wahnsinn. Eben regst du dich noch über die glasklare Schwalbe des Wolfsburger Spielmachers Diego auf. Verfluchst Sky und ZDF, weil sie den Brasilianer in ihren Spielberichten als „clever“ und „geschickt“ bezeichnen, statt ihn dahin zu stellen, wo er hingehört: An den Pranger. Überlegst dir, welche Geschütze du dagegen auffährst: Lautes Geschrei im Wohnzimmer: Check. Tweet und Facebook-Eintrag: Check. Anruf beim Dopafon: Denkste. Blog-Eintrag: Im Kopf schon fertig, aber die Zeit…

Und dann überschlagen sich die Ereignisse.

Baumjohann schwer verletzt. Cigerci wird ausgeliehen. Langkamp leicht verletzt. Lasogga verliehen. Skjelbred ausgeliehen. Wagner verlängert. Sechs Personalien haben sich seit dem Wolfsburg-Spiel verändert. Die Gedanken an Diego sind nicht gelöscht, aber verdrängt von etwas, was wichtiger ist, weil es die Zukunft dieser Mannschaft betrifft.

Noch nie tat Hertha eine Länderspielpause so gut, wie diesmal.

Sie sorgt dafür, dass Sebastian Langkamp (Muskelfaserriss) wohl nur das Spiel gegen Stuttgart verpassen wird. Dass Per Skjelbred und Tolga Cigerci ihr neues Umfeld erst einmal in Ruhe kennenlernen können. Und sie verschafft Jos Luhukay die Möglichkeit, tiefgründig und ohne Hektik darüber nachzudenken, wie er den wiedererstarkten VfB Stuttgart am Freitag kommender Woche im Olympiastadion besiegen will.

Dass Hertha nach dem Kreuzbandriss bei Baumjohann noch einmal nachlegen konnte, soll auch an Kevin-Prince Boateng gelegen haben. Irgendwo habe ich gelesen, dass Hertha für den Wechsel von Mailand nach Schalke noch einmal 500.000 Euro Ausbildungsentschädigung erhält. Dass Preetz sie direkt in Ersatz reinvestiert, ist plausibel.

Genauso wie die Ausleihen der beiden Neuen. Hertha geht kein Risiko ein, bekommt mit Cigerci einen, der Ronny entweder ersetzen oder unter Druck setzen kann. Der auf den Außen und in der Mitte einsetzbar ist und der bei Lucien Favre in Gladbach bereits fast eine Rückrunde lang in der Startelf stand, bevor er nach Wolfsburg wechselte. Dort kam er übrigens nicht an einem gewissen Diego vorbei, aber…ach lassen wir das.

Per Skjelbred sieht vor allen Dingen ziemlich gut aus, das wird die Lolitas dieser Stadt freuen, kann aber auch Fußball und das vor allem in der Mitte des Feldes spielen. Vielleicht wollen Preetz und Luhukay mit den beiden Transfers doch noch einmal Ronny kitzeln, der sein Können in Liga Eins bisher nur andeutete und nun eigentlich erst einmal in der Startelf stehen müsste.

Mit Rückenwind von der See

Die war auch das Ziel von Pierre-Michel Lasogga, der nun zähneknirschend nach Hamburg geht, obwohl er  – dem Vernehmen nach – eigentlich lieber in Berlin geblieben wäre. Der Wechsel ergibt Sinn, wenn Lasogga in Hamburg spielt und sich Selbstvertrauen holt, um in der nächsten Saison dann noch einmal mit Rückenwind von der See einen Angriff auf Adrian Ramos zu starten.

Den hat Sandro Wagner auch vor, würde sich aber – wenn man sich seine Aussagen nach der Vertragsverlängerun so anhört (hier, 12.15 Uhr) – auch mit weniger zufrieden geben. Wahrscheinlich war es auch sein Gemüt, dass Preetz zu der Vertragsverlängerung und Luhukay zum Vorzug vor Lasogga veranlasst hat. Verdient hat er sich den Platz in der Rangfolge in der zweiten Liga, keine Frage.

Die zweite Liga will Hertha erst einmal nicht mehr durchlaufen, die Neuverpflichtungen sind ein weiterer kluger Baustein auf dem Weg zum Klassenerhalt. Mit wenig Geld und viel Augenmaß haben Preetz und Luhukay Spieler geholt, die sich bei Hertha beweisen sollen und müssen. Das kann ihrer Leistung nicht abträglich sein, sie vertiefen den Kader und geben dem Trainer noch mehr Möglichkeiten.

Nur eine Bitte an die Neuen und vor allem den Ex-Diego-Kollegen Tolga Cigerci: Schwalben im Strafraum will ich hier nicht sehen.

This entry was posted in Hertha BSC and tagged , , , , , , , , , . Bookmark the permalink. Both comments and trackbacks are currently closed.
  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

    Ich würde mich freuen, deine Meinung zum Artikel zu erfahren. Schreib doch einen Kommentar und diskutiere mit!

    Und bleib auf dem Laufenden: Abonniere neue Beiträge des Hertha BSC Blogs (RSS-Feed / E-Mail)

3 Kommentare

  1. Enno
    Am 2. September 2013 um 16:58 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Interessant finde ich, dass die Last-Minute-Verpflichtungen im Gegensatz zu einigen anderen Transferperioden nicht mehr so aussehen wir reine Verzweiflungstaten (man erinnere sich nur an die Horrorsaison, in der Favre dann auch gehen musste!). Der Kader hat eine ausgeglichene Statik, sodass auch Ausfälle durch kurzfristige Nachverpflichtungen ersetzt werden können. Das macht weiterhin Mut, finde ich!

  2. welfriedenfueralle
    Am 3. September 2013 um 06:23 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Wahnsinn fand ich am „Foul“ von Diego in erster Linie die Berichterstattung, die an Umsportlichkeit nicht zu übertreffen sein dürfte. Vor Allem nehmen das unsere jungen Nachwuchs-Kicker und-innen so auf, sls sei es das Normalste der Welt, sich auf diese Art durch zu setzen, wenn man keine sportlichen Mittel mehr hat. Und genau diese waren in einem taktisch sehr disziplinierten Spiel bon beiden Seiten eher Mangelware. Diese Denkweise führt direkt in die Banker- Karriere. … Wieder mal ein Beispiel dafür, dass zu viele Journalisten den Beruf wegen ihres Journalistenrabattes ausüben.
    Die Verpflichtungen machen Sinn. Dennoch glaube ich, dass Ronny nicht auf der Bank besser wird. Ihn bei Formschwäche herunter zu nehmen, haltr ich für motivatorisch klüger, als ihn aus der Startelf zu verbannen. Das Exerzier-Erziehung aus Wilhelminischen Zeit. Ist bei den Jungs aus Brazil schon immer schief gegangen. ..

  3. alnus_glutinosa
    Am 4. September 2013 um 11:42 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Leider stoßen auch Collinas Erben http://fokus-fussball.de/2013/09/03/ff54-collinas-erben-nimmst-du-ihn-runter-oder-soll-ich-es-tun/ in das gleiche Horn: „Diego hat das Angebot von Brooks dankbar angenommen – Elfmeter gerechtfertigt“.
    Ich finde dieses Elfmetergeschinde widerlich. Mit genug Eie… äh Selbstbewusstsein hat man das nicht nötig.
    Was wir aber nicht vergessen sollten: Der Elfer in Nürnberg wurde uns (!) geschenkt. Also Mund abputzen, Heimspiel gegen Stuttgart gewinnen und die Welt ist wieder wunderschön blau-weiß.