Von Tante Hertha und Onkel Egon

Den folgenden Artikel hat uns Herthana im Rahmen des Schreibwettbewerbs “Mein erstes Mal mit der alten Dame” zugeschickt. Vielen Dank dafür! Ihr sehr ausführlicher Bericht erinnert uns daran, dass Hertha vor gar nicht mal so langer Zeit noch irgendwo im Nirgendwo vor sich hindümpelte.

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1976 zog ich mit meiner Mutter nach Westberlin. Sie heiratete meinen Stiefvater Elmar – einen absoluten Fußballnarren.
Elmars Vater Egon – für mich immer Onkel Egon – war ein waschechter Herthaner, der kein Heimspiel verpasste. Er erzählte schöne Geschichten aus der im Bezirk Wedding gelegenen alten Kult–und Spielstätte “Plumpe“, z.B. wie er erst am nächsten Tag erfahren hatte, das Hertha 1931 Deutscher Meister geworden war, weil sie zu Hause noch kein Radio hatten.
Jedes Wochenende ging mein Onkel Egon ins Stadion, und hätte er im 2. Weltkrieg nicht ein Bein verloren und wäre heute so schlecht „zu Fuß“, würde er mit seinen nunmehr fast 90 Jahren immer noch mitkommen.
Als wir den Spätsommer 1977 in unserer Laube auf Eiswerder verbrachten, sagte meine Mutter einmal:„Egon, ich glaub’, die Claudia langweilt sich. Nimm sie doch mal mit ins Stadion!“
Für mich begann das große Abenteuer am U-Bahnhof Zoologischer Garten. Der Zug füllte sich mit blau-weißen Fans und es wurde immer lauter. „HA HO HE, Hertha BSC“ – der Zug wackelte und vibrierte. Am U-Bahnhof Olympiastadion angekommen schwammen wir in der Masse Richtung Stadion. Unter der Straßen-Unterführung waren die Schlachtrufe ohrenbetäubend, solche akustischen Phänomene kannte ich bis dahin noch nicht. Weiter ging es durch ein kleines Waldstück, und dann lugte um die Ecke schon das Olympiastadion hervor. Das weite Rund, die Größe des Platzes und die olympischen Ringe überwältigten mich, das kleine Mädchen aus der Provinz. Ein Besuch auf dem Mond hätte nicht aufregender sein können.
Es folgte ein schier endloser Gänsemarsch in Richtung Einlassbereich. Egon hielt mich fest an der Hand und mahnte: „Claudia, schön hier bleiben, nicht wegrennen.“ Mir wäre im Traum nicht eingefallen, mich auch nur ein paar Zentimeter von ihm zu entfernen.
Damals in den 70er Jahren hatten die meisten Besucher ein Sitzkissen dabei, denn es gab noch keine Plastikschalensitze. Um eine drohende Blasenentzündung zu vermeiden, bekam auch ich ein Sitzkissen. Zum Tragen wurde es zusammengeklappt und mit einer Schnur festgebunden. Mithilfe eines Riemens ließ es sich wie eine kleine Handtasche halten. Mein Kissen war nicht blau-weiß sondern dunkelgrün und mit „Pril-Blümchen“ bedruckt. Ein echtes Kleinod meiner Kindheit.
Ich umklammerte also mit der rechten Hand das Kissen und hielt mich mit der linken an Egon fest, bis wir im Stadion waren.
Weiter ging es durch das Gedränge hinein. Kaum waren wir an unserem Platz angekommen und hatten die Sitzkissen aufgeschnürt, sprangen auch schon alle wieder auf. Das Lied „Blau-weiße Hertha, du bist unser Sportverein“ schallte aus den Lautsprechern. Um mich herum wurde fröhlich mitgesungen. Auch Egon bewegte zart die Lippen. Die Fahnen flatterten und etliche Fan-Schals wurden geschwungen. Der Stadionsprecher verkündete die Mannschaftsaufstellung und alle schrien die Namen mit. Ich war schwer beeindruckt. Im Stadion hatten sich die Massen dann doch noch ganz gut verteilt, es müssten ca. 30.000 Zuschauer da gewesen sein – bei einer Kapazität von damals 86.000 – doch um mich herum war es ziemlich voll.
Spielbeginn. Die ausschließlich männlichen Erwachsenen kommentieren jede Situation lautstark: “Ran da! Gib doch mal ab! Mein Gott, ist der blöd! Attacke!!! Hau ihn um, der kann nischt usw. usf.“ (es wundert mich bis heute, dass der Fanclub der „Anonymen Choleriker“ noch nicht gegründet worden ist). Egon debattiert derweil angeregt mit seinem Nachbarn: „Er hätte lieber den Diefenbach von Anfang an bringen sollen. Ich würde jetzt endlich einen zusätzlichen Stürmer einwechseln. Warum stellt er nicht das Mittelfeld um?“ In der 43. Minute endlich das Tor für Hertha. Karl-Heinz Granitza trifft gegen die Frankfurter Eintracht. Alle springen auf und liegen sich in den Armen, ich werde von Fremden förmlich erdrückt.
In der Halbzeit dementsprechend gute Stimmung: „Na Claudi, noch ein Eis und ’ne Limo?“. Da musste ich nicht zweimal gefragt werden – Fußball begann mir immer besser zu gefallen.
Die zweite Halbzeit verläuft ähnlich wie die erste. Dieter Nüssing besiegelt in der 85.Minute. den Sieg für die Hertha.
Mit leichten Bauchschmerzen ging es zurück in die Laubenkolonie. Dank des Sieges bekam ich auf dem Heimweg noch die eine oder andere Süßigkeit und Limonade (sonst gab’s bei uns zu Hause immer nur „Berliner Perle“ aus dem Wasserhahn). Abends lag ich glücklich im Bett. In meinen Ohren hallte das „Ha Ho He“ noch lange nach.
Nach diesem Erlebnis musste ich nicht mehr gefragt werden, ob ich mitkommen will. Ich begann ein paar Kinder aus der Kolonie zu mobilisieren und es bildete sich bald eine kleine Gruppe, bestehend aus meinen Freunden und den „älteren“ Herren um Egon, die sich samstags auf den Weg ins Stadion machte. Egon und seine Freunde analysierten die Spiele, während wir Kinder durch das Olympiastadion tobten. Hier konnten wir lautstark das riesige Gelände erobern.
Und etwas Wichtiges lernten wir: Gewann Hertha, war (fast) alles möglich. Ich platzierte Fragen wie „Darf ich morgen Tatort mitkucken“ oder „Darf ich nächste Woche bei Sylvia schlafen“ bewusst auf den späten Samstagnachmittag. Verlor Hertha, hieß es sich in das Schicksal fügen und auf den nächsten Sieg warten. Bei einem Unentschieden kam es wiederum auf die Resultate der Konkurrenz und den Tabellenstand an. So lernte ich nebenbei auch noch ein bisschen rechnen.
Mein Lieblingsspieler war wie für viele Berliner Gören Ete Beer, auch bekannt als „Berliner Beer“. Mit ihm wurde der Verein in der Saison 1974/75 Vizemeister, 1970/71 und 1977/78 sprang immerhin der 3. Platz heraus. Egons Lieblingsspieler aller Zeiten war Hanne Sobeck, der unangefochtene Star seiner Kindheit. Er führte Hertha von 1926 bis 1932 sage und schreibe sechs Mal in Folge ins Endspiel um die Deutsche Meisterschaft. Zwei davon wurden sogar gewonnen. Er war Herthas Trainer im Kampf um die so wichtige Berliner Meisterschaft 1963 für die Aufnahme in die Fußballbundesliga. Und so ist er auch der bislang einzige Hertha-Spieler, nach dem ein öffentlicher Platz benannt wurde, und zwar der vor dem S-Bahnhof Gesundbrunnen, in unmittelbarer Nähe zur ehemaligen Spielstätte „Plumpe“.
Zum Ende des Jahrzehnts versank Hertha im Mittelmaß der Fußballbundesliga. Noch gab es jedoch Lichtblicke: 1977 und 1979 wurde das Finale im DFB-Pokal erreicht, was danach erst 1993 wieder den „Hertha-Bubis“ aus der Amateurmannschaft gelang. Auch international gab es einen großen Auftritt: das Halbfinale im UEFA-Cup 1979 gegen Roter Stern Belgrad, bei dem uns nur diese blöde Auswärtstorregel stoppen konnte. Leider wurde ich von meiner Mutter für zu jung befunden, um bei diesem denkwürdigen Unter-der-Woche-Flutlichtspiel dabei sein zu können.
Große Highlights waren natürlich auch die Berliner Derbys gegen Tennis Borussia, die von 1974 bis 1977 ebenfalls in der 1. Bundesliga spielten. Wie leicht ging doch dieser eingängige und kesse Reim „TEBE, TEBE, die Scheiße von der Spree“ über die Lippen!
Im Mai 1980 versetzte der Einsturz der Kongresshalle – besser bekannt als „Schwangere Auster“ – die Stadt in helle Aufregung. Nur zehn Tage später stürzte Hertha ab, es ging mit Eintracht Braunschweig und Werder Bremen in die 2. Fußballbundesliga. Die Saison war nervenaufreibend gewesen. Bis zum letzten Spieltag hatten wir gehofft, gerechnet, gezittert und ab und an sogar heimlich gebetet. Wir mussten schreckliche Niederlagen wie eine 0:6-Klatsche gegen den HSV und eine 0:4-Packung gegen Fortuna Düsseldorf – einen direkten Konkurrenten im Abstiegskampf – ertragen. Im letzten Spiel gegen Stuttgart kämpfte die Mannschaft wacker und eroberte damit in den 90 Minuten wieder einmal mein Herz, umsonst jedoch, da es nach Spielende zerbrach, denn es hatten zwei Tore gefehlt, um die punktgleichen Uerdinger noch vom 15. Tabellenplatz zu verdrängen. Egon schwieg und ich weinte bitterlich.
In der folgenden Sommerpause war Europameisterschaft und ich wurde zunehmend in die analytischen Gespräche der Erwachsenen einbezogen. So ging ich mit erheblich mehr Fachwissen in die neue Saison, da mir taktische Spielzüge nicht mehr fremd waren und ich mich überdies ausführlich mit den Spielern und Mannschaften der 2. Liga auseinandergesetzt hatte. Egon genoss mein erwachtes Interesse an der Fußball-Wissenschaft und erklärte mir voller Freude alle wichtigen Begriffe wie Manndeckung und Raumdeckung, Vorwärts- und Rückwärtsbewegung, Konter, Vorstopper, Libero und natürlich die Abseitsregel (mit erhobenem Zeigefinger: „Entscheidend ist der Moment der Ballabgabe!“).
In der ersten Zweitliga-Saison verpasste Hertha den Wiederaufstieg ähnlich knapp wie in der vorherigen der Abstieg besiegelt worden war. Doch ein Jahr später klappte es. Nach einer ansehnlichen Spielzeit landete Hertha in der Saison 1981/82 auf dem 2. Platz und durfte sich nun wieder auf die ganz „großen Vereine“ freuen. Der Sommer war gerettet.
Allerdings sollten bald schon wieder dunkle Wolken über das blau-weiße Firmament ziehen und schwere Zeiten für Egon und mich anbrechen, stellte sich doch schnell heraus, dass die Mannschaft in keiner Weise bundesligatauglich war. Nach einem entsetzlichen Jahr rutschte Hertha als Tabellenschlusslicht wieder eine Klasse tiefer. Grau in grau ging es von nun an weiter. Hertha-Heimspiele waren ab jetzt Regentage. Naturwissenschaftlich (noch) nicht zu erklären, aber durch meine Erinnerung belegt. Wenn es mal nicht in Strömen regnete, nieselte es doch zumindest und war bitterkalt und windig. Wir waren nicht nur dem schlechten Spiel auf dem Platz, sondern auch den Witterungsverhältnissen schutzlos ausgeliefert, denn das Stadion hatte noch keine Überdachung. Das freundlich blinzelnde Marmoroval aus meinen Kindheitstagen hatte sich in ein Menschen verschlingendes Monster aus Nazizeit zurückverwandelt. In diesem grauen Kollos verloren sich im Schnitt nur noch 4000 Zuschauer, und was die Sache noch schlimmer machte war der Umstand, dass gerade die Unsympathischsten aller Fans weiterhin kamen und somit nun die größte Gruppe stellten.
Auch unser kleiner inoffizieller Fanclub begann sich allmählich aufzulösen. Egon musste mich mit gutem Zureden ins Stadion betteln: „Komm, wird schon wieder besser werden. In guten wie in schlechten Zeiten!“ Auch meine Mutter mischte sich ein: „Du kannst ihn doch jetzt nicht alleine gehen lassen.“ Also marschierte ich weiter mit ihm ins Stadion.
Mittlerweile war ich mit meinen Eltern nach Kreuzberg gezogen und verbrachte dort mehr und mehr Zeit in den besetzten Häusern unserer Straße. Ich begann mir die Haare zu toupieren und bunt zu färben, war also eine kleine Punkerin. Berührungsängste zur Hertha hatte ich wegen meines Wandels erstmal nicht, eher noch war es umgekehrt der Fall. Bereits in den 60er Jahren hatte sich die Bewegung der Hertha-Frösche gegründet. Die dazu gehörigen Fans organisierten neben dem obligatorischen Besuch der Heimspiele regelmäßige gemeinsame Fahrten zu Auswärtsspielen. Es entstand eine geschlossene Welt, in der Fanfreundschaften wie zum Karlsruher SC und Feindschaften wie zu Schalke 04 ausgebildet wurden – vor allem als beide Mannschaften in der 2. Liga aufeinander trafen, kam es immer wieder zu heftigen Schlägereien. In den 80er Jahren orientierten sie sich zunehmend an den Hooligans der englischen Profiliga und entwickelten sich zu einem Sammelbecken der rechten Szene Westberlins. Es ging ihnen um die Kombination von Fußball, Saufen und Gewalt. Sie genossen es, Angst und Schrecken zu verbreiten, eine Spezialität war das Zerstören von Zügen aller Art. Die „Frösche“ tingelten am Wochenende randalierend über die Transitstrecke in westdeutsche Städte.
Unsere U-Bahn-Anreise ins Stadion wurde zum Spießrutenlauf. Wir wurden mit bösen Blicken konfrontiert, ich wurde so manches Mal als „Zecke“ beschimpft. Bomberjacken und Glatzköpfe hatten die mir vertrauten langen Mähnen und Schlaghosen als bestimmende Mode abgelöst. Im Stadion hörte man hauptsächlich lautes rechtsradikales „Gegröle“, während die spielerische Seite mehr und mehr an Bedeutung verlor. Egon maß dieser Entwicklung kaum Bedeutung zu, und die Vereinsoberen nahmen sowieso eine indifferente Haltung zum Problem der Randale-Fans ein. In dieser Zeit waren zahlende Zuschauer aus wirtschaftlicher Sicht noch wichtiger als Bild- und Fernsehrechte, und so hütete man sich davor, die letzten paar Hohlköpfe durch Stellungnahmen gegen Gewalt und Rassismus, die heute längst zum guten Ton eines Profiklubs gehören, zu vergraulen.
Was mich zusätzlich ärgerte war, dass der Verein auch seine sportliche Talfahrt mit stoischer Gelassenheit hinzunehmen schien. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ gehört zweifellos zu den ausgelutschtesten Fußball-„Weisheiten“, aber die duldsame Seele des treu-trotteligen Fans beschreibt dieser Satz durchaus treffend. Monate noch zog mich allein die Illusion, es könne ja nicht mehr schlechter werden, ins Stadion. Einer meiner Negativhöhepunkte dieser Zeit war 1985 ein extrem langweiliges 1:1 bei Nieselregen gegen einen so genannten VfR Bürstadt mit knapp 2000 Zuschauern. 1986 verabschiedete sich die „alte Dame“ dann folgerichtig aus dem Profifußball und stieg mit dem alten Bekannten Tennis Borussia in die Amateurliga ab. Die Spiele fanden nun nicht mehr im Olympiastadion statt, sondern im deutlich kleineren Poststadion im Niemandsland zwischen Moabit und Wedding. Dass ich dort überhaupt noch zweimal hinging, verdankte sich lediglich einer kurzen Affäre mit einem gerne viel Bier trinkenden Rockabilly. Er hatte eine Stelle ausfindig gemacht, an der der Stacheldraht kaputt war, sodass man leicht über den Zaun steigen konnte. Ohne sonderlich viel Notiz von den ihn umgebenden Nazihorden zu nehmen, veranstaltete er mit einem weiteren Kumpel im Poststadion einen privaten Sonntagsfrühschoppen – die Palette Hansa-Büchsen wurde natürlich als erstes über den Zaun geschoben. Obwohl ich ihren Humor schätzte, hat sich die ganze Dumpfheit dieser Veranstaltung in meine Erinnerung gebrannt: Neben den gewohnten Glatzen nahm ich nun auch Männer in Gestapo-Uniformen wahr, der Schlager „Marmor, Stein und Eisen bricht“ wurde von der Mehrheit der Singenden mit einem kräftigen „Sieg heil!“ abgeschlossen – nur eine Minderheit von Kompromisslern ergänzte dazu im selben Rhythmus ein zartes „Schul-theiss!“.
Das war’s dann aber auch. Fortan schlug ich mir lieber die Nächte im Linientreu um die Ohren, besuchte Konzerte im Loft oder im Metropol, interessierte mich für Jungs, Mode und Politik. Egon tigerte mit seinen „älteren Herren“ weiterhin ins Poststadion. Er hatte viele Freunde bei Vereinen wie Reinickendorfer Füchse, SC Gatow oder TSV Rudow, die nun Herthas Gegner waren. Im Grunde war er ganz zufrieden, da sich alles viel mehr an der Basis abspielte. Und er hielt mich natürlich immer auf dem Laufenden. Ich tröstete ihn, als Hertha nach der ersten Oberliga-Saison noch eine Ehrenrunde drehen musste. Die Mannschaft hatte zwar die 3. Liga dominiert, musste aber noch ein Relegationsspiel um den Aufstieg gegen den BVL Remscheid absolvieren. Ein Unentschieden hätte gereicht, doch tatsächlich wurde eine 1:0-Führung am Ende noch mit 1:3 verspielt. Egon regte sich damals fürchterlich auf über diese Relegationsspielregel: „Die alte Dame hat einfach nichts in der 3. Liga zu suchen, dass ist Wettbewerbsverzerrung!“ Ein Jahr später sollte es dann klappen. Hertha gewann das Relegationsspiel souverän mit einem 4:1 gegen Preußen Münster.
Ich besuchte lange Zeit kein einziges Spiel mehr, blätterte aber gerne in der Berliner Fußballwoche, wenn ich bei Egon zu Besuch war. Und bis heute schlage ich immer als erstes den Sportteil einer Zeitung auf, um Berichte über Hertha zu suchen. Meine Liebe zu Hertha konnte ich damals allerdings nur sehr wenigen meiner Freunde vermitteln. Zumeist stieß ich auf großes Unverständnis: „Ihh, was hast du denn mit diesen Faschos am Hut?“

Erst nachdem 1996 Jürgen Röber die blau-weiße Gurkentruppe übernahm, entdeckte ich das „Abenteuer“ Olympiastadion wieder, zumal mein Sohn nun selbst im stadiontauglichen Alter war. Ganz fest hielt ich seine kleine Hand gedrückt und freute mich über sein Erstaunen. Ich begeisterte ihn für den Fußball, so wie schon Egon als kleiner Junge von seinem Vater und ich von Egon begeistert worden war. Mit dem Wiederaufstieg 1997 kam dann auch der sportliche Erfolg als Garant für allgemein geteilte Glückseligkeit zurück. Die Atmosphäre stimmte wieder – man denke an das mit 75.000 Zuschauern ausverkaufte Olympiastadion beim Zweitliga-Aufstiegsgipfel gegen den 1. FC Kaiserslautern. Und natürlich strahlte bei Heimspielen jetzt wieder die Sonne. Die Fankultur wandelte sich zum Positiven. Frank Zander, die lebende Inkarnation einer knorken Currywurstbude, schaffte es, aus dem ausgedörrten „We are sailing“ den Hertha-Hit „Nur nach Hause gehen wir nicht“ zu formen. Optisch brachte er zugleich wieder die Matte mit ins Spiel.
Oft habe ich mich gefragt, was es mit meiner Zuneigung zu Tante Hertha auf sich hat, warum ich ihr immer irgendwie die Stange gehalten habe, trotz all der verfilzten Chefsesselfurzer, der zeitweise deutlich erkennbaren Neonazi-Strukturen und des harmloser wirkenden, aber umso weiter verbreiteten Lokalpatriotismus. Von außen betrachtet ist Fußball zweifellos eine saublöde Angelegenheit: Die Spieler erledigen mit mehr oder weniger Leidenschaft ihren Job, und ein Großteil der Fans legt Ideale wie Ehre, Treue oder Erfolgsgehabe in die Waagschale. So sehr ich mich hinterfrage, all dies teile ich wirklich nicht. Und dennoch steht mir die alte Tante nah wie eine leibhaftige Person, wie eine wirkliche Tante, die sich so manches Mal danebenbenommen hat, aber auch ihre guten Seiten hat. Mittlerweile habe ich einige nette Leute kennen gelernt, die mit ihrer Fußballfan-Selbstanalyse ebenfalls keinen Schritt weitergekommen sind.
Zu meiner Rechtfertigung kann ich höchstens anführen, dass der Vereinsfußball mit seinem ganzen zwiespältigen Drumherum einen hohen Unterhaltungswert hat. Ein Fußballspiel hat das Potenzial von einem guten Rockkonzert: Es wird gesungen, geschrien, gelacht, gebangt. Manchmal. Ansonsten ist es oft auch einfach nur langweilig. Dann aber entrückt man in eine Welt wunderbarer Monotonie. Beide Varianten sind sehr intensiv. Und das Prickelnde ist, dass man vorher nie weiß was kommt.

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14 Kommentare

  1. Kugelblitz
    Am 21. Dezember 2009 um 12:31 Uhr veröffentlicht | Permalink

    schöne Geschichte

  2. Süven
    Am 21. Dezember 2009 um 13:08 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ey Claudi, ist ja n fulminanter geschichtlich/soziologischer Abriss! Janz dolle großartich!!!

  3. Daniel
    Am 21. Dezember 2009 um 14:36 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Stark, ich hatte zwischendurch zwei, dreimal echt ne Gänsehaut, weil man mit dir zusammen den Weg ins Stadion gehen konnte, so gut ist das beschrieben.

    Auch schön, dass der Verein, bei dem ich selber noch viele Freunde habe – der SC Gatow – auch mal vorkam, ohne, dass ich ihn erwähnen musste ;)

    Super-Story!

  4. Am 21. Dezember 2009 um 14:46 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Super zu lesen, wie ein Abriß der letzten Jahrzehnte. Den Hertha Fröschen bin ich zum Glück nie in Hamburg begegnet, aber die Kuttenträger, die damals schon immer dabei waren und heute auch noch, reden immer noch mit einem gewissen angstvollen Respekt von den Fröschen.

    Ein Glück, daß die „Neonazis übernehmen die Kurve“ Zeiten vorbei sind. Das war einer der Gründe, warum ich lange Zeit nicht ins Volksparkstadion gegangen bin und meine Fanzugehörigkeit zum HSV ständig verteidigen mußte.

  5. dns
    Am 21. Dezember 2009 um 15:36 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ganz große Geschichte.

  6. Am 21. Dezember 2009 um 16:36 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich kann mich meinen Vorrednern nur anschließen. Ich hoffe, dass ich irgendwann auch mal soviel über die Hertha zu erzählen habe.

  7. Am 21. Dezember 2009 um 19:01 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Eine wirklich packende Zeitreise!

  8. spreekicker
    Am 21. Dezember 2009 um 21:42 Uhr veröffentlicht | Permalink

    tolle geschichte und großen respekt davor, dass du als offensichtlicher punk oder linke dich mit den fröschen oder anderen assis von damals in die u-bahn gesetzt hast.

  9. HerthaKiwi
    Am 22. Dezember 2009 um 21:38 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Vielen Dank für diese detaillierte und schön geschriebene Geschichte. Ist sehr schön zu lesen. Ganz großes Kino. *daumenhoch*

  10. Am 22. Dezember 2009 um 22:50 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Echt ne super Geschichte. Habe, wie auch andere Kommentatoren, an der ein oder anderen Stelle ne Gänsehaut bekommen.
    Gerade der Tunnel am U-Bahnhof hat sich ebenfalls in mein Gedächtnis eingebrannt.

  11. Kathy
    Am 12. Januar 2010 um 14:47 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Wow.
    Ich als Neuling habe ja diese mehr oder weniger schönen Zeiten leider nicht miterleben dürfen, aber nach dem Lesen Deiner Geschichte ist es fast so, wie dabei gewesen zu sein.
    Ganz großes Tennis!

  12. Am 28. Januar 2010 um 19:03 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich find den Schreibwettbewerb super! Und Herthana auch!

  13. sabsi
    Am 1. Februar 2010 um 17:11 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Hi Claudi,
    wow, echt super..
    tolle geschichte, super geschrieben!
    Ich drück die Daumen….

    **Ha, Ho, He**

  14. Birgit
    Am 4. Februar 2010 um 08:03 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Hey Claudia,

    Tolle geschichte! Super :)