Waiting for a girl like you

Den folgenden Artikel hat uns spreemaradona im Rahmen des Schreibwettbewerbs “Mein erstes Mal mit der alten Dame” zugeschickt. Vielen Dank dafür! Alle bisherigen und auch die kommenden Berichte findet ihr hier.

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Ich war acht oder neun Jahre alt und musste dringend kacken. Benni, dem Schöpfer dieser Perle von Satzanfang, habe ich einmal geschworen, dass ich mit diesen Worten beginnen würde, sollte ich jemals ein Buch schreiben. Nun ist dies kein Buch sondern das Zeugnis meiner Herthaner-Werdung, welche mit akutem Stuhlgang – wenn mich meine Erinnerung nicht trügt – wenig bis gar nichts zu tun hat. Aber da Benni mich damals zu meinem ersten Spiel ins Olympiastadion mitnahm, gebührt ihm, sozusagen honoris causa, das erste Wort.

Dass ich nun seit vielen Jahren gemeinsam mit Benni und den anderen Jungs aus unserer Dauerkarten-Truppe zu jedem Heimspiel ins Olympiastadion pilgere, hat einen langen Vorlauf. Denn obwohl ich ein Kind dieser wundervollen Stadt bin, durfte ich mich erst als Volljähriger meiner Leidenschaft zur alten Dame Hertha hingeben. Die lange Zeit der Entbehrung ist meiner Jugend in der Diaspora geschuldet, in die mich meine Eltern damals – wehrlos wie ich war – verschleppten.

Als Fünfjähriger begann meine Odyssee durch die Weltgeschichte, die mich schließlich nach Rio de Janeiro in Brasilien führte. Angesichts der Allgegenwärtigkeit des Fußballs in Brasilien, war man dort schnell gezwungen sich für einen der großen Vereine in Rio oder São Paulo zu entscheiden. Im Normalfall wäre das Flamengo gewesen, doch da ich zu jener Zeit bei Vasco da Gama das Rudern erlernte, fiel die Wahl auf eben jenen Verein der just in dieser – für unsere Hertha so entbehrungsreichen – Saison wieder in die höchste brasilianische Spielklasse aufgestiegen ist. Da fast alle Fußball-Vereine in Rio aus Ruder-Clubs hervorgegangen sind, erschien mir dieser Schritt damals äußerst stringent. Nun ist es aber so, dass man neben der Zugehörigkeit zu einem großen Verein in Brasilien auch viel Wert auf Lokalpatriotismus legt. So ist einem Brasilianer das Phänomen deutscher Fußballfans die Holland, Italien oder wem auch immer außer der eigenen Nationalmannschaft die Daumen drücken, schwer zu vermitteln. Weiterhin bedeutet diese Heimatverbundenheit, dass man gefälligst auch dem kleinen Dorfverein seines Geburtsortes die Treue zu halten hat. Also wurde auch ich unweigerlich mit meinem Heimatverein konfrontiert. Als West-Berliner bedeutete das für mich, dass dieser Verein Hertha BSC hieß (dass es einen Verein namens Tennis Borussia gab, wusste ich nicht einmal). So kam es schließlich, dass ich als 13-jähriger Steppke in einem formschönen Hertha-Trikot aus der Saison 1992/93 durch die Straßen von Rio zog. Zu der Tatsache dass es zu dieser Zeit für mich nicht besonders leicht war, die Zweitliga-Ergebnisse aus Deutschland zu erfahren, gesellte sich das Problem, dass ich die Brasilianer die mit dem Namen Hertha BSC überhaupt etwas anfangen konnten, an einer Hand abzählen konnte; selbst wenn diese in eine Kreissäge geraten wäre. Mein größter Erfolg in dieser Hinsicht war, dass mich der Stiefbruder des späteren Weltmeisters Bebeto bei einem Strandfußball-Turnier auf das Trikot ansprach und sich als ausgewiesener Kenner des europäischen Fußballs herausstellte, dem der Verein Hertha BSC durchaus geläufig war. Doch er blieb die große Ausnahme. Im Grunde genommen machte ich mit meinem Trikot mehr Werbung für Herrn Grupps Textilunternehmen mit dem deutsch-nationalen Schimpansen, als dass ich wirklich Aufklärungsarbeit über den besten Verein der Welt leistete.

1997 führte mein Weg mich schließlich wieder zurück an die Spree. Und am 07. April desselben Jahres war es dann endlich soweit. Benni, einer der wenigen Menschen die zu diesem Zeitpunkt in Berlin kannte, hatte zwei Karten für die Ostkurve gekauft. Mit 18 Jahren konnte ich zum ersten Mal meinen Verein in meinem Stadion spielen sehen. Und was war das für ein Spiel! 2:0 gegen Kaiserslautern vor über 75.000 Zuschauern – der Aufstieg so gut wie in der Tasche. Zwar hatte ich schon Spiele zwischen Flamengo und Fluminense vor einer mehr als doppelt so großen Kulisse im Maracanã gesehen, aber dieses Intiationserlebnis stellte alles bisher Dagewesene in den Schatten. Ich war einfach mit Herzblut dabei, und bin es geblieben. Es folgte Höhepunkt auf Höhepunkt. Keine zweieinhalb Jahre nach dem Lautern-Spiel traf Wosz zum Sieg gegen den AC Mailand in der Champions League, und wiederum 10 Jahre später wurde ich im Stadion der Freundschaft Zeuge wie Voronin die Hertha mit vier Punkten Vorsprung auf die Verfolger an die Tabellenspitze der Bundesliga schoss.

Viele Spiele sind seit diesem 07. April 1997 ins Land gegangen. Und der Weg der Hertha scheint sie wieder dorthin zu führen, wo ich sie damals für mich entdeckte. Aber das Wichtigste ist die Gewissheit, dass ich auch in dreißig Jahren noch mit Benni und den Jungs im Olympiastadion sitzen werde. Ob gegen Braunschweig oder Barcelona ist mir eigentlich egal. Denn schließlich ist die Hertha ja dabei.

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Mit Kommentaren zu diesem Beitrag könnt ihr Lose für das Gewinnspiel sammeln. Oder schreibt selbst einen Artikel über eurer erstes Mal mit der alten Dame und nehmt am Schreibwettbewerb teil. Wir bedanken uns bei unserem Sponsor SportsInOutlook.

Alle Geschichten des Schreibwettbewerbs sind hier aufgelistet.

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  • Wer hat das geschrieben?

    Hallo, ich bin Felix und gehöre wie die meisten Herthafans in meinem Alter, zur 98er Generation, die 2010 den ersten Abstieg miterlebt hat. (→mehr)

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7 Kommentare

  1. Am 13. Januar 2010 um 08:45 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Schöner Bericht! An das Spiel 97 gegen Lautern kann ich mich noch gut erinnern, die Stimmung war einfach genial – ein ausverkauftes Olympiastadion in der zweiten Liga und aus beiden Kurven donnerte es „Nie mehr 2. Liga!“. Gänsehaut. Nun, beide Fanblocks hatten nicht recht, aber das Stadion in dem Moment bot war einen dieser magischen Momente, auch für mich. Das war wirklich nicht mein erster Besuch im Olympiastadion aber mit Sicherheit mein schönster.

  2. Herthana
    Am 13. Januar 2010 um 16:47 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Dieses Aufstiegsspiel habe ich auch noch in bester Erinnerung. Dein Text ist sehr schön geschrieben. Ich habe nur nicht ganz verstanden warum du im Stadion der Freundschaft Zeuge des vier Punkte Vorsprung wurdest?

    • kielerblauweiß
      Am 13. Januar 2010 um 20:10 Uhr veröffentlicht | Permalink
      • Herthana
        Am 14. Januar 2010 um 15:56 Uhr veröffentlicht | Permalink

        Sorry, ich glaube die Abstiegsangst vernebelt langsam meine Sinne !! Ich hatte eine Stadion der Freundschaft-Alte Försterei-Verdrehung in meinem Gehirn…
        Du meinst natürlich die „Tanz mir den Hoeneß“ Nummer in Cottbus – man das kommt mir schon so weit weg vor.
        Dabei kann ich doch heute noch die Heiserkeit in meinem Hals spüren – ausgelöst durch die euphorischen „Spitzenreiter, Spitzenreiter…“ und „Hey das geht ab“ Gesänge.
        Das wunderbare Solo von Voronin durch die Abwehrreihen der Cottbuser Spieler hatten wir doch sogar in unserem Meister-Video nach gespielt.

        http://www.youtube.com/watch?v=-c6P-Aqw3Mc

  3. Am 13. Januar 2010 um 21:31 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Genial. Absolut genial. Musste immer wieder schmunzeln. :)

  4. Sebastian
    Am 15. Januar 2010 um 17:22 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Endlich macht die ganze Missionierung in Südamerika mal Sinn ;)!!!

  5. Thomas
    Am 29. Januar 2010 um 18:48 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Hallo spreemaradona,

    Mittlerweile läuft ja schon die Abstimmung über die beste Story.

    Nun möchte ich als der von dir ernannte „Rächer der Enterbten“ zwar nicht schon wieder mit Friede, Freude, Eierkuchen nach einem anderen Leser schmeißen, aber natürlich freue ich mich sehr für dich, dass ausgerechnet deine Geschichte bislang auf dem zweiten Platz gelandet ist.

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