Warum Hertha sich (weiterhin) aufs Fußballspielen konzentrieren sollte

Als wäre eine 0:5-Niederlage egal gegen wen nicht schon schlimm genug, muss man direkt nach dem Spiel auch noch zu den freundlichen Menschen vom Bezahlsender Sky. Die freundlichen Menschen, die in den letzten Wochen lächelnd am Spielfeldrand standen und die Herthaner darum anbettelten, ihnen doch bitte ins Mikrofon zu zitieren, dass Hertha nach den ganzen Siegen doch nun aber wirklich langsam von der Champions League träumen müsste oder? Oder? Jetzt aber! Oder? Nein? Echt nicht? Vielleicht doch? Ach komm…

Foto: Joern Pollex/Bongarts/Getty Images

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Das ist nervig. Gerade als Spieler eines Teams wie Hertha, das NATÜRLICH gerne in die Champions League will – welcher Fußballer will das nicht? – aber das es halt auch noch gar nicht so richtig fassen kann, dass es eine realistische Chance auf eben jene hat. Da stellt sich doch keiner hin und sagt in die Kamera: „Wir wollen in die Champions League.“ Wobei: Warum eigentlich nicht? Warum wird da so ein Buhei drum gemacht? Warum beißen sich so viele Fußballprofis regelmäßig die Zunge ab, wenn sie gefragt werden, ob man nicht aufgrund der aktuellen Erfolgsserie die nun natürlich viel zu niedrig gesetzten Ziele nach oben korrigieren sollte? Nun, Sky-Reporter Rolf Fuhrmann gab am Sonntag nach dem Spiel die Antwort darauf.

Eben jener Fuhrmann hatte in den letzten Wochen nämlich häufiger im Olympiastadion gestanden und versucht, aus den Herthanern oben angesprochene Zielkorrektur herauszubekommen. Natürlich scheiterte er jedes Mal. Doch am Tag des Spiels gegen Mönchengladbach war ja dieser Artikel in der BILD-Zeitung erschienen, in dem Salomon Kalou mit der Aussage zitiert wird: „Natürlich reden wir über die Champions League.“ Das ist a) für Kenner wenig überraschend, denn Salomon Kalou hat schon zu Beginn der Saison über Europa geredet (und war dafür unter anderem von mir belächelt worden) und b) wäre es sehr merkwürdig, wenn im Mannschaftskreis nicht über die Champions League gesprochen würde. Denn intern rechnet man sich angesichts der guten Ausgangslage natürlich etwas aus. Aber für Rolf Fuhrmann ist das natürlich ein Affront. Wochenlang hatte er versucht, eben so eine Aussage aus den Spielern herauszubekommen und war immer wieder gescheitert.

Foto: Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

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Und nun stand er da also am Spielfeldrand von Mönchengladbach, Hertha hatte gerade 0:5 verloren und da hielt Fuhrmann es für eine gute Idee, folgenden Dialog mit Marvin Plattenhardt zu starten:

„Ist das vielleicht auch zur rechten Zeit ein Schuss vor den Bug, wo viele schon über die Champions League reden?“

Ich meine: Erstens: Ernsthaft? Und zweitens: ERNSTHAFT???

Marvin Plattenhardt reagierte entsprechend irritiert: „Wer ist denn wir?“ Fuhrmann bekam hier noch einmal die Chance, den Weg des Boulevards zu verlassen, doch er war nun auf Betriebstemperatur, fiel Plattenhardt fast ins Wort (und ich stelle mir vor, wie er dabei Sabber in den Mundwinkeln hängen hat): „Salomon Kalou zum  Beispiel!“ Jaha! Viele! Salomon Kalou zum Beispiel! Schade, dass Plattenhardt in diesem Moment nicht entgegnete: „Und wer noch?“ Fuhrmann wäre entlarvt gewesen. Aber so bekam er auch noch die Genugtuung einer halbgaren Antwort, bei der Plattenhardt sogar etwas ins Straucheln kam.

Fazit: Mit Sky redet man am Besten gar nicht, will man nicht im Fall eines Misserfolgs die Aussagen von den Erfolgen unter die Nase gerieben bekommen. Das ist so traurig vorhersehbar, dass ich es nicht für möglich gehalten hätte. Aber schön, dass wir das mit Hertha dieses Jahr erleben dürfen. Dazu hatten wir in den letzten Jahren ja eher keine Gelegenheit. Hertha sollte sich jedenfalls in den letzten Wochen der Saison zurückhalten und einfach darauf konzentrieren, was am Ende zählt: Fußball spielen.

Foto: Patrik Stollarz/AFP/Getty Images

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Zum Spiel in Gladbach gibt es ansonsten eigentlich nur wenig zu sagen. Zu viele Spieler erreichten nicht ihre Normalform. Rune Jarstein machte sein erstes schwaches Spiel für Hertha. Tolga Cigerci hat die Halbzeit in Gladbach hoffentlich wieder geerdet, nachdem er nach dem Schalke-Spiel schon in den Himmel gelobt wurde. Fabian Lustenberger macht leider immer seltener den Unterschied aus. Zusammen mit Niklas Stark ist es ihm eigentlich nie gelungen, das Aufbauspiel zu lenken. Die scharfen Pässe aus der Defensive, ein Markenzeichen von John Brooks und auch von Sebastian Langkamp, habe ich nicht einmal gesehen.

Vorne gab es durchaus Lücken, die Hertha hätte nutzen können. Aber es war früh zu erkennen, dass zu häufig zu kompliziert agiert wurde bzw. einfachste Pässe nicht an den Mann gebracht wurden. So verliert man dann halt in Gladbach. Man muss nicht 0:5 verlieren, aber wenn man dem Gegner zwei Tore direkt auflegt und bei den anderen nur zuschaut, dann geht das Spiel eben so aus. Schlimmer war eigentlich, dass Yann Sommer auf der anderen Seite kaum eine brenzlige Situation überstehen musste. Trotzdem muss man jetzt keine Grundsatzdiskussionen führen. Hertha „performt“ immer noch weit über den Erwartungen. Freitag gegen Hannover kann Gladbach schon wieder vergessen sein.

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  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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2 Kommentare

  1. Hfs65
    Am 8. April 2016 um 22:26 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Nein, ,man kann Gladbach nicht vergessen da das Unvermögen seine Fortsetzung fand. Gegen den Letzten haben sie so gespielt als hätten sie Angst mitabzusteigen. Ein gestochere … Aus dem Sky-Dardai Interview kann man erkennen das die Sicht von der Spielerebene/Seitenlinie, nämlich die eines Trainers, etwas anders ist, nein, weit auseinander klafft als das was man als Zahlzuschauer sieht. Mir jeden falls ist kein einziger Spieler aufgefallen der etwa, wie Dardai angab, übermotiviert wäre. Hätte Kalou das 2:2 nicht rein, ja was, gestolpert …. es war keine weitere Chance das Ergebnis zu verbessern. Man was wieder für eine Scheisse. Jedesmal das Gleiche. Ist irgendein Verein in Not brauchen sie nur gegen Hertha spielen. Meine optimistesche Annahme der zu erreichenen Restpunkte war vor dem 96 Spiel 4. Das sehe ich jetzt weit ilosorisch an. Ich muß es einfach loswerden. Es kotzt mich wieder an Hertha fan ziu sein.

  2. Daniel Daniel
    Am 11. April 2016 um 19:56 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Wow, dieser Kommentar scheint mir irgendwie durchgerutscht zu sein, sonst hätte ich auf jeden Fall früher drauf geantwortet. Es kotzt dich wieder an Hertha-Fan zu sein? Also davon bin ich so weit entfernt wie Hertha vom Champions-League-Titel. Es ist gerade so großartig wie seit Jahren nicht mehr.