„Wie? Stehen die jetzt die ganze Zeit?“

Den folgenden Artikel hat uns David im Rahmen des Schreibwettbewerbs “Mein erstes Mal mit der alten Dame” zugeschickt. Vielen Dank dafür! Alle bisherigen und auch die kommenden Berichte findet ihr hier.

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Es ist das Jahr 1995, Hertha spielte im Mittelfeld der 2.ten Liga und muss eher nach unten als nach oben schauen. Im Olympiastadion finden sich im Schnitt zirka 6000 Menschen wieder. Einer von ihnen war mein 6 Jahre älterer Bruder. Sein ganzes Taschengeld investierend geht es alles 2 Wochen nach West-Berlin. Nach WEST-Berlin?!? Ja, nach West-Berlin, den wir wuchsen beide in Hohenschönhausen auf (mehr Osten geht nicht). Warum er nicht zu Auf-die-Fresse-BFC oder Wir-sind-Kultiger-als-der-Kult-selbst-Union ging weiß ich nicht, doch ich bin ihm auf ewig dankbar dafür. Vor kurzem gründete er mit Freunden sogar einen Hertha-Fanclub. Als der RBB davon hörte (Was? Hertha-Fans in Ost-Berlin??), schickte er sogar ein Kamerateam in den Fanclubkeller. Nagut eigentlich war es nur der Hobbykeller, der extra fürs Fernsehen 2 Tage lang „geschmückt“ wurde.

Dieses war das letzte Teil im Puzzle, das mich dazu Antrieb meine Eltern in den Wahnsinn zu treiben (Ich will zu Hertha! Ich will zu Hertha! – mal 1000). Denn ich war erst 7 Jahre alt und Fußball war noch kein Familienentertainment. Und irgendwann hatte ich es dann geschafft. Mein Vater erbarmte sich und es ging zum Oly. Nicht wie heute bequem mit der S-Bahn (die gab es noch garnicht), sondern in einer völlig überfüllten U-Bahn die sich lärmend und wippend durch den dunklen Tunnel quälte.

Soetwas hatte ich natürlich noch nie erlebt. Auf dem Weg durch den Wald von der U-Bahn zum Stadion dachte ich:“Das sind ja unglaublich viele Menschen“. Und dann ging es um die Ecke und ich sah dieses majestätisch (monströse) Bauwerk. Dieses verschluckte die Menschen wie nichts und aus den „unglaublich vielen“ wurde ein kleiner Haufen. Gerade mal 3 Blöcke in der Ostkurve waren überhaupt geöffnet und auch der Rest des Stadions war fast komplett abgesperrt. Auch dieses mal waren nur wenige tausend gekommen doch der Faszination tat dies keinen Abbruch. Mein Bruder hatte die Karten besorgt wir fanden uns im mittleren der 3 Blöcke wieder. Rechts von uns (damals Block P) waren die Hardcore-Fans die immer standen, links von uns saßen die Leute, und bei uns in der Mitte saßen die Leute bis zum Anpfiff.

Plötzlich standen alle auf (Mein Vater halb sauer halb verwirrt: „Wie? Stehen die jetzt die ganze Zeit?“), und ich fand es einfach toll. Rumhupfend und schreiend wurde es ein fast unvergesslicher Nachmittag. Warum fast? Weil ich eine Sache vergessen hab … wer der Gegner war (sorry aber ich war 7 und das ist 15 Jahre her). Heute studiere ich in Rostock doch die Dauerkarte ist Pflicht und so geht es alle 2 Wochen zurück in die Heimat in guten wie in schlechten Zeiten. An dieser Stelle will ich noch die Leute grüßen, die sich wohl auf Grund meiner Haarpracht (bin halt Student was soll man machen) dazu bemüßigt fühlten mir vor wenigen Spieltagen zu raten: „Aber wenn du hier in die Ostkurve kommst musst du Hertha auch anfeuern“. Jeder Herthaner hat seine Geschichte die man ihm nicht immer ansieht doch in Blau-Weiß sind wir vereint deshalb danke für eure Rubrik.

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Mit Kommentaren zu diesem Beitrag könnt ihr Lose für das Gewinnspiel sammeln. Oder schreibt selbst einen Artikel über eurer erstes Mal mit der alten Dame und nehmt am Schreibwettbewerb teil. Wir bedanken uns bei unserem Sponsor SportsInOutlook.

Alle Geschichten des Schreibwettbewerbs sind hier aufgelistet.

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  • Wer hat das geschrieben?

    Mein Name ist Enno: im Jahre 1982 geborener Berliner, Exil-Herthaner in Bielefeld und Bremen. Seit 2006 schreibe ich im Internet über Hertha BSC. (→mehr)

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5 Kommentare

  1. Am 22. Januar 2010 um 14:02 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Jede Geschichte ist schön — musste unbedingt ein Buch draus machen, Enno!

    • Am 23. Januar 2010 um 20:35 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Zustimmung. Ich finde wirklich ausnahmslos jede hier bisher veröffentlichte Geschichte (bis auf meine eigene ;-)) auf ihre Art sehr gelungen. Eins schimmert auch immer wieder durch, nämlich diese – ist das vielleicht irgendwie Berlin-typisch? – seltsame, weil eigentlich unvereinbare Mischung aus Distanz und totaler Identifikation. Keiner verliert seinen kritischen Blick, aber dennoch verlieben sich alle. Wunderbar!

      • Am 23. Januar 2010 um 22:44 Uhr veröffentlicht | Permalink

        Berlin-typisch kann’s nicht sein. Wie man lesen kann, sind viele ja gar keine Berliner, inklusive meiner Wenigkeit :-)

        • Am 23. Januar 2010 um 23:02 Uhr veröffentlicht | Permalink

          Es gibt ja angeblich „Bekenntnis-Schlesier“, vielleicht also auch „Bekenntnis-Berliner“ ;-)

  2. Sebastian
    Am 23. Januar 2010 um 19:00 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Bemüßigt. Ein tolles Wort. Schöne Geschichte.