Wiedersehen mit der (bösen) Vergangenheit

Ich hockte vor dem neuen und riesengroßen Fernseher meines besten Freundes. Meine Nase war nur wenige Zentimeter vom Bildschirm entfernt. Jede Oma dieser Welt hätte in diesem Moment wohl gesagt: „Junge, du machst dir die Augen kaputt“.

Es wäre mir noch egaler gewesen, als sonst.

Denn ich schrie meine Freude heraus, die eigentlich Erleichterung war, Erleichterung darüber, dass mein Verein doch noch einmal den Kopf aus der Schlinge gezogen hatte. Unverdient zwar, aber wen würde das in ein paar Wochen noch interessieren? Ich schrie und jubelte, bis ich keine Kraft mehr hatte und vor dem Fernseher zusammensackte. Es waren zwar noch zwei Minuten zu spielen im Münchener Olympiastadion, an diesem 15. Mai 2004, aber ich war mir sicher: Das war es. Es würde nichts mehr passieren. Nie zuvor hatte ich solche Erleichterung erlebt.

Gerade hatte Francis Kioyo (Fußballgott!!!) einen Elfmeter in denkwürdiger Art und Weise verschossen. Hätte der (mittlerweile ehemalige) Kameruner (seit 2007 Deutsche) den Ball an Christian Fiedler vorbei im Tor versenkt, hätte Hertha am letzten Spieltag zu Hause gegen den 1. FC Köln ein Entscheidungsspiel um den Klassenerhalt erwartet. Es wäre eine Nervenprobe gewesen und niemand hätte vorher sagen können, wie sie ausgehen würde. Nicht nach dieser turbulenten Saison. Deshalb wollte sie jeder um jeden Preis vermeiden.

Schon früh waren die ebenfalls stark abstiegsbedrohten 1860er in Führung gegangen, nach sechs Minuten. Hertha versuchte ihren Möglichkeiten entsprechend und nach den taktischen Vorgaben von Trainer Hans Meyer alles, um den Ausgleich – und mit dem dadurch zu erhaltenen Punkt – den Klassenerhalt nach dieser Seuchensaison perfekt zu machen. Als Alexander Madlung in der 82. Minute traf, wie er es immer tat – per Kopf nämlich – da schien der Plan aufzugehen. Doch dann foulte Arne Friedrich im eigenen Strafraum Martin Stranzl. Und der Albtraum schien von vorne loszugehen.

Francis Kioyo (Fußballgott!!!) legte sich den Ball mehrfach auf den dafür vorgesehenen weißen Punkt zentrale elf Meter vor dem Tor im Strafraum. Zunächst wollte er nicht liegen bleiben, doch schließlich tat er es doch. Zumindest für ein paar Sekunden. Kioyo ging ein paar Meter zurück, nahm Blickkontakt zum Schiedsrichter auf, fing mit seinen Ohren den Pfiff desselben auf und konzentrierte sich auf den Moment. Christian Fiedler ruderte im Hertha-Tor mit den Armen. Er konnte nun zum Held werden, konnte seinen Verein, bei dem er schon so lange spielte, in der Liga halten.

Kioyo lief an und genau in diesem Moment entschied sich der Ball anders. Er rollte von seinem angestammten Punkt auf dem Rasen herunter. Ob es an einem Windstoß lag, an der grundsätzlichen Instabilität eines runden Objekts wie es der Ball nunmal ist oder an der Schiefe des Münchener Rasens – es ist im Nachhinein egal. Jedenfalls war diese Veränderung dafür verantwortlich, dass sich der Ball, nachdem er den Fuß von Kioyo (Fußballgott!!!) verlassen hatte, kurzfristig in den Rasen bohrte und dann seelenruhig am linken Pfosten vorbeikullerte.

Die Herthaner jubelten wie kleine Kinder. Kioyo (Fußballgott) sank auf dem Boden zusammen. Ich schrie vor dem Fernseher. Hertha blieb drin. 1860 stieg am Ende ab.

Am 22./23.09. treffen die beiden Teams nun wieder, ebenfalls in München, aber nicht mehr im alten Olympiastadion, aufeinander. Die DFB-Pokalauslosung wollte es so und es ist eine schöne zusätzliche Geschichte, dass die Münchener jemanden im Tor stehen haben, der bei Hertha, den Fans und vor allen Dingen bei mir immer noch zu den beliebtesten Spielern gehört (die Pro-Fiedler-Fraktion von damals mal außen vor gelassen): Gabor Kiraly nämlich. Das Duell mit 1860 München wird also eine doppelte Begegnung mit der Vergangenheit.

Schade für Kiraly, der damals nach der Fast-Abstiegs-Saison den Verein verlassen musste und auch ein bisschen für 1860, dass die Münchener erneut den Kürzeren ziehen werden.

This entry was posted in Hertha BSC and tagged , , , , , , . Bookmark the permalink. Both comments and trackbacks are currently closed.
  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

    Ich würde mich freuen, deine Meinung zum Artikel zu erfahren. Schreib doch einen Kommentar und diskutiere mit!

    Und bleib auf dem Laufenden: Abonniere neue Beiträge des Hertha BSC Blogs (RSS-Feed / E-Mail)

12 Kommentare

  1. Felix Felix
    Am 10. August 2009 um 12:28 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Jaja das waren noch Zeiten. Ich hatte das Glück und war live vor Ort zu sein. Das war schönste Moment in meinem Leben als Fussballfan, als Kioyo den Elfmeter verschoss. Nach dem Spiel flossen Tränen und das nicht nur bei mir. :-)

    • Am 10. August 2009 um 22:47 Uhr veröffentlicht | Permalink

      ja, auch ich als Exil-Herthaner aus Erding war im Stadion, schleppte meine damals 6-jährige Tochter mit (Frühprägung ist wichtig!) und werde dieses Spiel auch nicht vergessen – mei, war dees schee!

  2. herthamaxe
    Am 10. August 2009 um 15:54 Uhr veröffentlicht | Permalink

    warum nur ist es uns nie vergönnt, mal heimspiele im pokal zugelost zu bekommen? ich werd mir gut überlegen, ob ich auswärts mitkomme. die allianz-arena hat den beschissendsten gästeblock überhaupt. ich sag nur: „bier dürfen’s aber nicht mit auf die plätze nehmen!“

  3. Daniel
    Am 10. August 2009 um 16:42 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Da kann ich nur zustimmen. Wenn man sieht, dass die Bayern zu Hause gegen Oberhausen ran“müssen“ oder Bremen St. Pauli empfängt…da kann man neidisch werden. Andererseits wäre das Olympiastadion gegen Oberhausen wahrscheinlich so voll, wie damals gegen St. Patricks…

    • Löwen-Rudolf
      Am 27. September 2009 um 22:39 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Ihr verliert doch zu Hause auch………………………………..
      Gruss aus München

  4. Marcus
    Am 10. August 2009 um 17:03 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Von mir aus können jetzt noch weitere Pokal-Auswärtsspiele folgen. Dann hätte die Hertha nämlich automatisch ihr Heimspiel. Das Wichtigste diese Saison. Hoffentlich :)

    • Löwen-Rudolf
      Am 27. September 2009 um 22:41 Uhr veröffentlicht | Permalink

      …ja, solche Auswärtsspiele wie in Hoffenheim……………………

  5. Am 10. August 2009 um 19:04 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ja, der Kioyo ist ein wahrer Fußballgott. Und er hat nicht unerheblichen Anteil an meiner Fan-Werdung. Ich bin ja relativ spät zu Hertha gekommen und wirklich gepackt hat mich die Horror-Saison 2003/04, weil ich einfach richtig mitleiden musste. Und der Elfmeter war fraglos der Höhepunkt einer leidvollen Saison. Schön, dass du die Erinnerung, passend zur Pokal-Partie, wieder nach vorne holst. Es wird den meisten Herthanern so gehen, dass sie die Frage beantworten können: Wo warst du als Kioyo den Elfer verschossen hat. Ich war in der Kneipe und habe mich kaum noch eingekriegt…

    • Löwen-Rudolf
      Am 27. September 2009 um 22:43 Uhr veröffentlicht | Permalink

      …Francis Kioyo hat nur einen Elfer verschossen…..
      Aber wir sehen uns nächste Saison wieder in der 2. Liga…

  6. Tanja*
    Am 11. August 2009 um 08:45 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich habe meinen Bruder mal ausgelacht, weil er auf Hertha im Pokal Geld gewettet hat, ich würde keinen Cent im Pokal auf Hertha setzen.
    Es wäre schön, wenn der Fluch endlich mal besiegt würde, jedoch daran glauben kann ich nicht. :-(
    Gabor Kiraly dürfte auch jetzt wieder schlaflose Nächte haben ;-)
    Falls 1860 gegen Hertha siegt, dann gönne ich es Gabor und hoffe, dass sie weit kommen falls Hertha doch gewinnen sollte, dann hoffe ich wie jedes Mal auf ein Heimspiel.
    Ich glaube, das letzte woran ich mich sehr dunkel erinnern kann, war gegen Stuttgart, kann das sein? Und einem Arnold, der für uns einen Elfer daneben gehauen hat, aber vielleicht ist das auch aus meinen Träumen eine Erinnerung ich weiß nicht so genau es ist einfach schon so lange her ;-)

    • Süven
      Am 11. August 2009 um 14:39 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Gab da noch später ein Heimspiel gegen Gladbach, 3-0 Sieg vor ziemlich magerer Kulisse (keine 20.000 trotz Erstligaduell), entsinne mich an eins der seltenen Raffael-Tore…

  7. Süven
    Am 11. August 2009 um 15:34 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Nando ist gemeint..