Wundertüte Hertha am Bornheimer Hang

Der FSV Frankfurt, das war lange vor allem Frauenfußball. Aber das können sie dort vermutlich genausowenig mehr hören, wie bei Hertha den Satz: Berlin ist die einzige europäische Hauptstadt ohne Erstligisten. Ein Totschlagargument, das wir hier irgendwann einmal mit einem tiefen Einblick in die Historie von Hertha und den anderen europäischen Hauptstadtklubs besprechen werden. Dem FSV geht es ähnlich, denn schließlich wurde am Bornheimer Hang schon immer auch Herren-Fußball gespielt. Man hielt sich allerdings in der Neuzeit – ganz Gentleman – so lange zurück, bis der Frauen-Fußball nicht mehr finanziert werden konnte und stieg dann innerhalb von zwei Jahren aus der Oberliga in die 2. Liga auf.

Dort gehört der FSV Frankfurt nun seit vier Jahren zum Inventar der unteren Tabellenregionen. Zweimal 13., zweimal 15. – in der Bundesliga würde man langsam von einer grauen Maus sprechen. In der zweiten Liga heißt so etwas Überlebenskünstler. Auch vor Beginn dieser Saison verließen den Klub – man hat sich mittlerweile daran gewöhnt – 17 Spieler, 13 kamen neu hinzu, der im Winter als Retter verpflichtete Trainer Benno Möhlmann musste viel Aufbauarbeit leisten. Das erste Resultat war ein 1:1 gegen den Aufsteiger SV Sandhausen, nach dem die Frankfurter irgenwie immer noch nicht so recht wussten, wo sie stehen. Am Mittwoch testeten sie noch einmal, gegen Bayer Leverkusen. Es offenbarten sich eklatante Schwächen in der Defensive, am Ende hieß es 1:7 für den Bundesligisten – und Hertha-Coach Luhukay sollte wissen, dass das Heil gegen den FSV Frankfurt nicht darin bestehen wird, mit einem Sechser zuviel auf den Platz des schmucken Volksbank Stadions zu gehen.

Offensive ist angesagt, denn obwohl Hertha auswärts antritt, will der FSV „vor allem in der Defensive gut stehen“, wie es Verteidiger-Neuzugang Tim Heubach auf der vereinseigenen Homepage preisgibt. Bisher sind sie in Frankfurt damit gut gefahren: 2012 hat die Mannschaft von Benno Möhlmann zu Hause noch kein Spiel verloren. Wenn man in Frankfurt nachfragt, was denn eigentlich die Stärke des FSV ist, dann ist da einmal „das Publikum“, des Weiteren „die mannschaftliche Geschlossenheit“ und „ein sehr guter Trainer.“ Sagt zumindest Axel Beringer von Block-o.de. Er ist zuversichtlich, was den Saisonstart angeht: „Die Vorbereitung lief auf Grund der zahlreichen Verletzungsprobleme von potentiellen Stammspielern suboptimal. Trotzdem ist der übriggebliebene Kader denke ich bestens auf die Spielzeit vorbereitet.“ Gegen Hertha glaubt er an einen 1:0 Erfolg seiner Truppe, weiß aber auch, dass sie sich dafür steigern muss: „Die Fehlpassquote muss drastisch reduziert werden im Vergleich zum Spiel gegen Sandhausen.“

Das gleiche gilt für Hertha, vor allem was das Aufbauspiel von hinten heraus angeht. Durch die Verletzung von Peer Kluge muss Jos Luhukay umstellen. Wird es Ronny? Oder kommt mit Kachunga von Beginn an ein zweiter Stürmer? Rutscht Änis Ben-Hatira in die Startelf, der gerade „seinen Traum lebt„? Oder doch Sandro Wagner? Ich bin so ratlos, wie selten vor einem Spiel, habe aber ja schon in einem anderen Beitrag dafür plädiert, Nico Schulz nach vorne zu ziehen und Felix Bastians dahinter zu bringen, damit Schulz seine Stärken zur Geltung bringen kann. Im Endeffekt lasse ich mich aber gerne jede Woche aufs Neue überraschen. Wundertüte Hertha – mir gefällt’s momentan.

Beim letzten Aufeinandertreffen am Bornheimer Hang traf Adrian Ramos (der übrigens nach der Absage aus Wolfsburg auch kein Thema beim HSV ist) in der 88. Minute – leicht unverdient – und Hertha war danach die einzige ungeschlagene Mannschaft im deutschen Profi-Fußball. Solche unwichtigen Titel brauchen wir in dieser Saison gar nicht. Aber nochmal drei dreckige Punkte in Frankfurt – die würd ich schon nehmen.

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  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

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5 Kommentare

  1. Tillet
    Am 10. August 2012 um 20:37 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Gude aus Bernem. Als Ihr vor zwei Jahren die besagten drei dreckigen Punkte bei uns entführt habt, hätte ich nie gedacht, dass wir uns schon zwei Jahre später an gleicher Stelle wiedersehen. Aber so ist der Fussball… In der Saison waren wir im Herbst während des Spiels gegen Augsburg übrigens mal für ein paar Minuten Tabellenführer, das war so etwa das FSV All-Time-High seit dem verlorenen Endspiel um die deutsche Meisterschaft gegen Nürnberg 1925.-;(

    Graue Maus könnt Ihr uns ruhig nennen, so lebt es sich mit unseren Mitteln eingezwängt zwischen dem Imperium (SGE) und den Chaoten vom Bieberer Berg ganz gut in der 2. Liga. Im fünften Jahr 2. Liga werden wir aber langsam überall ernster genomen, das ist deutlich spürbar. Die Rolle des Ligazwergs ist inzwischen auf Regensburg und den SV Sandhausen übergegangen. Auch unsere Zuschauerzahlen entwickeln sich langsam, aber sicher nach oben. Wenn die neue Tribüne im Herbst fertig gestellt ist, wird es sicher noch einmal einen Schub geben. Auch so wird es am Sonntag ziemlich voll werden.

    Ansonsten gibt es bei uns einen neuen Sponsor, einen neuen Bierlieferanten (Licher) und einen neuen Caterer (schlechter als bisher gings auch kaum). Die Mannschaft ist bedingt durch die besagten ziemlich krassen Verletzungsausfälle in der Vorbereitung von dem Niveau der Rückrunde noch ein ganzes Stück entfernt. Mit Sandhausen waren wir im Auftaktspiel trotzdem immerhin auf Augenhöhe.-;( Das Testspiel gegen Leverkusen könnt Ihr vergessen, das war alles andere als eine ernst zu nehmende Veranstaltung. Nach wie vor fehlen mit Gledson, Gaus, Yelen und Yun allerdings vier wichtige Spieler. Trotz Gledsons Ausfall steht die Defensive schon recht ordentlich, in der Offensive gab es bisher wegen der Ausfälle und der zum Teil noch nicht besonders integrierten Neuzugänge jedoch erhebliche Probleme. Aber das sollte sich mit der Zeit einspielen. Vielleicht ist Eure Abwehr ja so nett, dabei etwas mitzuhelfen. *grins*

    Ein wenig Schiss hab ich dagegen vor Euren Offensivleuten. Aber für uns ist das eigentlich ein Spiel, in dem wir wie vor zwei Jahren wenig verlieren können. Dafür sind die Voraussetzungen zu ungleich…

  2. Tillet
    Am 11. August 2012 um 17:29 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Wow, ist ja echt was los hier…

    • DerKlaus
      Am 12. August 2012 um 10:53 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Was soll schon los sein, ist ja auch endlich mal am Wochenende etwas wärmer und wenn ich nicht arbeiten müsste würde ich auch nicht vor der Kiste sitzen. Mehr Kommentare sind, vor allem bei diesen Artikel, nach dem Spiel zu erwarten.

  3. Enno Enno
    Am 12. August 2012 um 16:22 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß. Burchert sollte dringend darüber nachdenken, den Beruf zu wechseln, mindestens jedoch den Verein. Es muss Schicksal sein…

  4. Tillet
    Am 12. August 2012 um 22:16 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Geiler Auftritt von Eurem Trainer nach dem Spiel. Dagegen erstaunlich, dass wir Euch mit unserer (bisher so nie gespielten) Steinzeit-Mauertaktik im 4-3-2-1-System übertölpeln konnten. Das hätte ich nie gedacht. Letztes Jahr war das Imperium von Anfang an in der 2. Liga angekommen und hat sich vom ersten Spiel an wieder hochgebissen. Ihr schwebt dieses Jahr wie der Effzeh dagegen noch ganz woanders. Wir haben Euch heute in der 2. Halbzeit eine Lektion erteilt, wie Zweitligafussball geht. Wenn Ihr die alsbald lernt, steigt Ihr wieder auf. Potential dazu habt Ihr mehr als genug. Wenn Ihr sie nicht lernt, bereichert Ihr weiter die 2. Liga…