Zeit, sich zu sammeln

Die Länderspielpause gibt uns allen Zeit zum Sammeln. Nicht zum Sammeln von Skat- oder Quartettkarten, sondern zum Sammeln unserer Energie und unserer Gedanken. Während ein Großteil der Mannschaft auf Reisen ist und mal mehr (von Bergen) und mal weniger (Domovchyiski) Selbstvertrauen sammelt und ein anderer „in der Schlussphase ein wichtiger Faktor (war), um die 1:0-Führung der deutschen Nationalmannschaft in Unterzahl zu sichern“ (sic!) (Friedrich, ernsthaft), lernen wir und die Nicht-Nationalspieler in Berlin den neuen Trainer kennen.

Dank der Bild wissen wir jetzt, wie „Funkel den Favre-Muff vertreibt„, dass Florian Kringe schon weiß, mit welchen „Tricks Funkel uns retten“ wird, dass Funkel das überhaupt tun wird (Danke!) und natürlich auch wie. Wahnsinn, womit man so alles eine Zeitung vollmachen kann.

Dabei gab es in dieser Woche eine ganze Menge Nebenschauplätze, die Hertha trotz der Länderspielwoche und der momentanen Erfolgslosigkeit in den Medien gehalten hat.

Da wäre zum einen Sebastian Deisler, der um genau zu sein, den Nicht-mehr-Manager Dieter Hoeneß angegriffen hat, für den katastrophalen Verlauf seiner Karriere zuständig gewesen zu sein. Hoeneß habe Deisler den Medien zum Fraß vorgeworfen, nachdem bekannt wurde, dass die Bayern dem damaligen Jungstar 20 Millionen D-Mark Handgeld überwiesen hatten. „Das hat mir das Genick gebrochen“, wirft er Hoeneß nicht nur in seinem Buch vor, das größte Talent des deutschen Fußballs zerstört zu haben, sondern später auch noch einmal mit Nachdruck bei SternTV.

Hoeneß reagierte im Doppelpass des DSF, antwortete aber leider nicht auf die ebenfalls leider nicht gestellte Frage, ob er Deisler tatsächlich gebeten hatte, seinen schon im Sommer feststehenden Wechsel nach München noch bis zum Winter zu verheimlichen. Stattdessen widersprach er den meisten Vorwürfen Deislers und gab sich gönnerhaft. Sinngemäß sagte er: „Wenn Sebastian durch dieses Buch wieder gesund wird, dann bin ich der Letzte, der etwas dagegen sagt.“

Außerdem griff er – zweiter Nebenschauplatz — noch den kritischen Berliner Journalisten Uwe Bremer von der Berliner Morgenpost an (der, das nur nebenbei, eine lesenswerte Analyse zur Pressekonferenz von Lucien Favre — der dritte Nebenschauplatz — geschrieben hat), attestierte ihm ein komödiantisches Talent und verglich ihn mit Cindy aus Marzahn (den Humor, nicht die Person!). Das kann man aus seiner Sicht vielleicht sogar verstehen, weil Bremer Hoeneß immer ganz besonders auf die Finger geschaut hatte. Und Hoeneß wollte zu diesem Thema im Doppelpass auch eigentlich „gar nichts sagen.“ Doch dann geschah vermutlich genau das, was ihm bei Hertha am Anfang Sympathien und später, als sich der Klub von ihm emanzipiert hatte, Missgunst einbrachte: Sein Temperament ging mit ihm durch. In die Medien schafften es diese Aussagen bislang nicht, das Einzige was aus seinem Doppelpass-Auftritt herausdestilliert wurde, war seine klare Absage nicht mehr bei Hertha einsteigen zu wollen.

Aber da gibt es ja noch jemanden anderen, der gerne bei Hertha landen würde. Heute öffnete Friedhelm Funkel eine längst verschlossen gewähnte Tür, als er im Welt-Interview ein wenig tolpatschig sagte: „Als Stürmer finde ich Pantelic super“ und damit natürlich für die BZ den Nebenschauplatz Pantelic-Rückkehr aufs Tablett legte. Nachtrag: Auch der Tagesspiegel geht den Weg mit und lässt Pantelic auf die Berlin-Frage antworten:

Es ist zu früh, um darüber zu sprechen. Im Moment widme ich mich ausschließlich Ajax Amsterdam. Ajax soll den besten Marko Pantelic bekommen, den es gibt. Das andere Thema hat Zeit.

Deisler, Hoeneß, Pantelic – das sind Relikte aus einer vergangenen, verschwenderischen Zeit, die zwar für einige verführerisch klingen mögen, aber nicht aktuell sind. Deshalb sollten wir uns vielleicht einfach weiter sammeln, um für die nächsten Wochen genug Energie zu haben. Ich wünsche es mir zwar anders, aber ich kann mir gut vorstellen, dass wir davon eine ganze Menge brauchen werden.

Bis dahin gucken wir uns lieber kleine dicke jubelnde Menschen an. Macht einfach mehr Spaß zurzeit:

YouTube Preview Image
This entry was posted in Hertha BSC and tagged , , , , . Bookmark the permalink. Both comments and trackbacks are currently closed.
  • Wer hat das geschrieben?

    “Hertha? Ist das dein Ernst?” Das ist der Satz, den ich mir hier in Dortmund ständig anhören muss, wenn ich erzähle, dass mein Herz für den Klub aus meiner Heimatstadt schlägt. (→mehr über Daniel)

    Ich würde mich freuen, deine Meinung zum Artikel zu erfahren. Schreib doch einen Kommentar und diskutiere mit!

    Und bleib auf dem Laufenden: Abonniere neue Beiträge des Hertha BSC Blogs (RSS-Feed / E-Mail)

5 Kommentare

  1. kielerblauweiß
    Am 12. Oktober 2009 um 23:37 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Hab hier noch etwas interessantes zum Thema Burchert gefunden:
    http://www.torwart.de/Newsdetails.56+M58717cf0641.0.html?&tx_ttnews%5Bpointer%5D=1&tx_ttnews%5Btt_news%5D=2849
    Naja trotzdem hoffe ich, dass Drobny vielleicht am Sa wieder richtig fit ist!

    P.S. falls der link noch nicht zum Artikel führt, dann unter news am 8.10.:
    „Offener Brief der User von torwart.de im Fall Burchert“

    • Kathy
      Am 13. Oktober 2009 um 00:57 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Vielen Dank, liebe User von torwart.de!
      Endlich revoltiert die unterdrückte Zunft der redlichen Torwarte gegen die Unterdrücker! Ich bin ergriffen! ^^

  2. Am 13. Oktober 2009 um 09:22 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Es war doch klar, daß keiner der „Journalisten“ und „Moderatoren“ im Doppelpass einen Gast ernsthaft unter Druck setzen wird.

    Am lächerlichsten fand ich den Auftritt von Hoeneß aber an der Stelle, an der er sagte, daß Deisler das Geschäft Profifußball nie mit allen Facetten angenommen hat. Ne klar. Einfach durchhalten, dagegenhalten, dann wird es schon… Hallo Depressionen sind eine echte Krankheit. Die alten Tugenden von Kampf, Disziplin und Durchbeissen helfen da wenig. Ganz arm fand ich das.

  3. dns
    Am 13. Oktober 2009 um 11:25 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Stimmt schon, dass das so nicht ganz fair ist, aber zum Rundumschlag ausholen um sein Buch zu promoten, ist ja nunmal auch nicht die feine Art und in einigen Punkten muss man Hoeneß Recht geben. Mann kann nicht 20 Mio Handgeld kassieren und erwarten, dass einem in Deutschland alle beglückwünschen. Leider war SD wohl nicht optimal beraten und außerordentlich naiv.

    In einem wesentlich kleineren Rahmen hatte ich auch mal ohne richtig über die vollen Konsequenzen nachzudenken den Verein gewechselt und konnt dort die Erwartungen nicht erfüllen, was meiner Leistung und meinem Gewissen nicht unbedingt gut tat. Ich dachte vorher nur: Super, ich nehm die Kohle (waren nur ein paar Hunderter) und riskiere es, dass es schief gehen kann. Ich hatte keinen Berater und wie es aussieht, hat(te) auch SD keinen (brauchbaren). Nur ich sag mir jetzt, schön blöd war ich da. SD sagt, die waren alle fies zu mir. Genau das ist ein Grund, warum ich SD hier vorwerfe, auf reiner Buch-Werbetour in feinster Klatschpressenmanier zu sein – unabhängig davon, wie es sich wirklich zugetragen hat, denn wer weiß es schon so genau, wer was im Schilde führte. Scheinbar lässt er sich direkt wieder falsch beraten und ins Rampenlicht drängen, wo er, nach eigener Aussage, gar nicht sein will.

    (In einem anderen Zusammenhang hatte ich auch schon mit Panikattacken zu tun und sehe psychologische Probleme keineswegs als Lapalie oder pers. Schwäche an gegen die man sich einfach entscheiden kann oder die man mal eben so weg wischt.)

    Möge er lernen, auch mal Nein zu sagen.

  4. strigletti
    Am 13. Oktober 2009 um 11:31 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Hallo, schön, dass ihr unseren Offenen Brief gefunden habt.
    Hier nochmal, der jetzt hoffentlich funktionierende Link:

    Offener Brief bei torwart.de